Schöne Menschen in Duisburg
Das Kufstein-Lied

Duisburg, Königstraße: Es präsentiert sich ein "schöner" Mann.
  • Duisburg, Königstraße: Es präsentiert sich ein "schöner" Mann.
  • hochgeladen von Jens E. Gelbhaar

Anfang März, Sonne pur, 17 Grad, blauer Himmel, in der Innenstadt. Menschen in Straßencafés, Frühsommerstimmung noch vor Ostern und – ein Mann in Badehose. Er schreitet gemächlichen Fußes einher und macht dabei keinerlei Gesicht. Von Zeit zu Zeit senkt er das Haupt ein wenig und wirkt dann wie jemand, der kurz vor einer großen Herausforderung steht. Ein Turmspringer etwa. Nur dass da kein Turm ist außer dem Kalderoni-Haus, das sich wiederum nur dazu eignet, in dem China-Restaurant im 16. Stock bei Bambushühnchen nach Kanton-Art und Reiswein lauthals das Kufstein-Lied anzustimmen. Der Mann in der Badehose wirkt aber so, als kannte er dieses Lied nicht. Ja, als sänge er nie. Als spräche er nie. Als wäre es seine Bestimmung, in einer Badehose durch die Stadt zu gehen und um sich zu schauen wie einer, der ganz allein einen verborgenen, bislang völlig unbekannten Ort auf Erden beschaut. Ein Entdecker. Ein Gestrandeter. Ein Robinson. Der Mann in der Badehose scheint allein zu sein. In sich ruhend. Mehr noch: einzig angezogen von sich selbst. Gelegentlich legt er die Hände hinter den Kopf und streckt seine Muskeln im Gehen. Wagt einen unbeteiligten Seitenblick in Schaufenster und über die Köpfe der Menschen hinweg, die ihn in großer Zahl betrachten. Und zumeist zu verspotten scheinen.

Junge Mädchen kichern. Junge Männer schlagen sich auf die Stirne. Damen sehen an den Sahnehauben ihrer Eisbecher vorüber und raunen sich kritische Bemerkungen zu. Kellner drehen die Köpfe und verzählen sich beim Kassieren. Der Mann, der in seiner Badehose durch die Stadt schreitet, erzielt in seiner narzisstischen Meditation die wohl gewünschte Wirkung. Man begafft seinen sportlichen Leib und die dezenten Tattoos darauf. Er mag die Fülle der Blicke wie eine warme Böe an Brust und Gliedern vorüberströmend wahrnehmen. Momente von Glückseligkeit mag er empfinden. Weil es jedoch kaum banalere Phänomene gibt als einen Mann, der im März bei 17 Grad durch die Straßen einer größeren Provinzstadt latscht, steigen in mir bei diesem Anblick rasch mögliche und recht unterhaltsame Folgen seines Treibens auf. Eine rüstige alte Dame könnte kommen, ihm mit Augenzwinkern auf den Hintern hauen und ihm einen Geldschein in den Hosenbund stecken. Die Bläck Fööss könnten plötzlich in Fräcken aus dem Untergrund des Karstadt-Parkhauses steigen, den Kerl umkreisen und dabei ihre holländische Version von Grönemeyers „Männer“ a cappella schmettern. Ein Sportgerätehändler könnte wie aus dem Nichts auftauchen und ihn mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen, wenigstens ein Surfboard zu tragen, damit seine Erscheinung einen zusätzlichen Werbeeffekt gewänne. Eine vier Meter hohe Sahnetorte könnte wie ein UFO heran schweben, Barbie könnte wahlweise im quietschroten „Baywatch“-Badeanzug oder im walleweißen Hochzeitsfummel aus der Torte hüpfen und dem Kerl Handschellen anlegen. Mir persönlich würde es allerdings absolut ausreichen, es käme jetzt einer dieser hier so zahlreich anzutreffenden Typen mit halbvoller Pils-Kanne vorbei und würde dem Kerl lallend zu rufen:

„Äy, total Fukushima, Alter, du bis´ ja völlich vastrahlt!“

Doch derlei geschähe erst, wenn er eben doch ins Kalderoni-Haus ginge. In den 16. Stock fahren würde, ins China-Restaurant, und in genau dem Moment, in dem die Kellner das Kufstein-Lied anstimmten, aus dem Fenster springen würde.

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