Seit 44 Jahren unzertrennliche Originale - auch der (Kugel-)Blitz konnte ihre Liebe nicht spalten

Ein Herz und eine Seele seit 44 Jahren: Werner Maas (83 J.) und sein Mercedes 250 SE (Bj. 1967)
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  • Ein Herz und eine Seele seit 44 Jahren: Werner Maas (83 J.) und sein Mercedes 250 SE (Bj. 1967)
  • hochgeladen von Christian Voigt
Wo: Rumeln, Kapellener Straße, 47239 Duisburg auf Karte anzeigen

Bei manchen Recherchen stößt man auf neue Geschichten, auf Seltsamkeiten, skurrile Informationen, phantastische Erlebnisse und originelle Zeitgenossen. Dass ich mich bei der Suche nach alten automobilen Schätzchen mit dem Kennzeichen MO für den ehemaligen Landkreis Moers mit Interferenzschwierigkeiten von Hörgeräten und physikalischen Phänomenen und Hypothesen auseinandersetzen werde, hatte ich im kühnsten Traume nicht erahnt. Gut, der Faradaysche Käfig ist Grundstoff für Quintaner in Physik, und dass Hörgeräteträger Schwierigkeiten beim Telefonieren haben, ist mir aus meinem sozialen Arbeitsbereich bekannt.

Mein telefonischer Gesprächspartner erzählte mir ein sehr seltenes Ereignis, welches er mit seinem Oldtimer erlebt habe. Ich möge am nächsten Nachmittag gegen Fünf vorbeikommen und er würde mir alles zeigen. Dass ich diesen Terminvorschlag nicht einhalten könne, hörte der rüstige und freundliche Herr am anderen Ende wegen seiner Hörgeräte nicht. Ich erhielt auch keine Antwort auf meine dringliche Frage, ob sein alter Benz noch ein MO-Kennzeichen habe. So fuhr ich neugierig, aber unwissend, was mich erwarten würde, in die linksrheinischen Stadtteile von Duisburg, wo es vier verschiedene Vorwahl-Nummern zur bekannten 0203 gibt. Zwar sind Baerl, Homberg, Rheinhausen, Trompet, Rumeln, Bergheim, usw. 1975 vom aufgelösten Landkreis Moers zu Duisburg eingemeindet worden, aber sie haben entweder ihre eigenständige Vorwahl-Nummer, oder die Moerser und Krefelder behalten.

Der in Schwafheim gebürtige Werner Maas (83 Jahre) hakte sich beim Empfang väterlich bei mir ein und führte mich zu seinem ganzen Stolz, einem grün-schwarzen Mercedes 250 SE, der am 28.9.1967 auf ihn zugelassen wurde. Bis vor einigen Jahren war dieses mobile Schätzchen auf seinen Großhandel für Obst und Gemüse zugelassen, bei der Ummeldung auf die private Adresse verlor er das heiß geliebte MO-Kennzeichen. Aber in Erinnerung als Rumeln noch zu Moers gehörte, war nach den Ortsziffern DU die Silbe MO im Kennzeichen Pflicht. Süffisant wie ein Lausbub grinst Herr Maas dazu, ein Lachen, welches mich an diesem Nachmittag mit dem lebensfrohen Mann noch öfter begleiten wird. Zwei bis dreimal im Monat führt er seine Frau mit dem Oldtimer zum Kaffeetrinken am Oermter Berg aus. „Aber nur maximal 20 Minuten Fahrt“, und wieder erscheint dieses sympathische Grinsen, „ sehe ich nur eine dunkle Wolke am Himmel, muss ich meiner Gattin leider absagen!“ Herr Maas‘ Hobbies sind nun mal die Pferdestärken, 198 Stundenkilometer aus 150 PS, so wie 8 Turnierpferde für Kutschen zählt er sein Eigen. Vor 30 Jahren erfüllte er sich mit einem eigenen Pferdehof einen Kindheitstraum.

Kein Regentropfen soll die Karosserie treffen, auf die Pflege und Wartung legt Herr Maas sehr viel wert und hat auch dazu seine sehr eigenen Anschauungen. Den Unterboden reibt er selbst auf einer Tankstellenbühne mit dem Waffenöl Balistol ein und „an mein Auto kommt nur einer `dran, der graue Haare hat“ ist ein Teil von Maas‘ Philosophie. Die Prüfer des TÜV sind jedes mal von dem gut erhaltenen Zustand des 250-er überrascht. Diese innige Beziehung hätte aber vor etwa 25 Jahren sein jähes Ende finden können ...

Bei einer Urlaubsfahrt ins Allgäu geriet Familie Maas kurz vor Ulm in ein Gewitter. Im Rückspiegel schauend, entdeckte Herr Maas ein seltsames Phänomen, ein Blitz raste kugelförmig auf den Mercedes zu. Das Auto wurde überrollt und der Blitz schlug in die Antenne, die sofort verglühte, ein. Die Elektrik und der Motor fielen augenblicklich aus, mit einem lauten Knall durch die wegfliegenden Radkappen entwich der Blitz. Dass die Batterie zerstört wurde, kommentiert heutzutage Herr Maas lachend mit „der Blitz hat mir den Strom geklaut, dieser Lump“. Schnell zeigt er mir Brand- und Schmauchspuren an den Radkappen, die er auf der Rückfahrt mitten auf dem Seitenstreifen der Autobahn wieder eingesammelt habe. Es sei nichts passiert bis auf den Schock und die nicht ganz ungefährliche Einsammelaktion. Der eingefleischte Mercedes-Fahrer bekennt, dass er bis auf den Blitz seit 44 Jahren unfallfrei mit dem SE, der sich außer einer neuen Antenne im Originalzustand befindet, gefahren ist.

Dann werde ich zu einer Spazierfahrt durch die Felder und Wiesen um Rumeln und Kapellen eingeladen. Flott geht es am Schloss Lauersfort vorbei, die Tachonadel klettert leicht über 95 km/h. Und abschließend zu diesem einmaligen Erlebnis wieder dieses spitzbübische Grinsen: „Als wenn so ein Auto auch kein Geld kostet, Versicherung und Steuer okay, aber wenn ich mal so fahre, gehen da 20 Liter durch“. Danke, Herr Maas, und dass sie noch oft mit dieser mitreißend frischen Lebensfreude ihre 20 Liter an der Zapfsäule einfüllen können.

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