Rundgang am Logport: Südosteuropäische Lkw-Fahrer leben am Limit – menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse
„Skandalöse Zustände im Duisburger Hafen“

Ausharren bei jedem Wetter. Die südosteuropäischen Lkw-Fahrer verbringen ihre freie Zeit am Lkw im Logport, kochen etwas und reden miteinander. Geld für einen Imbiss gibt es nicht, Duschen und Toiletten sucht man vergeblich.
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  • Ausharren bei jedem Wetter. Die südosteuropäischen Lkw-Fahrer verbringen ihre freie Zeit am Lkw im Logport, kochen etwas und reden miteinander. Geld für einen Imbiss gibt es nicht, Duschen und Toiletten sucht man vergeblich.
  • Foto: Hannes Kirchner
  • hochgeladen von Nadine Scholtheis

Keine Duschen, keine Toiletten, kochen mit einem Gasbrenner. Hocken zwischen mehreren Lkw, ausharren bei jedem Wetter. Geld für eine richtige warme Mahlzeit gibt es nicht. Für rund 3000 bis 4000 südosteuropäische Lkw-Fahrer ist dies keine Zeitreise in die Vergangenheit sondern tagtägliche, bittere Realität – mitten in Duisburg.
„Einfach absolut menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse“, so Frank Indervoort, Verdi-Gewerkschaftssekretär, zuständig für den Bereich Spedition/Logistik. Überall fehlen Lkw-Rastplätze, reguläre Stellplätze seien Mangelware. Auf die Einladung von Verdi hin, begleitete die Redaktion nun Gewerkschafter und Politiker, darunter auch der SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Bischoff, bei einem Rundgang durch das Logport-Gelände in Rheinhausen, um sich selbst ein Bild von den verheerenden Verhältnissen machen zu können.
Während unseres „Spaziergangs“ treffen wir auf einen mazedonischen Fahrer mit bulgarischem Pass, der namentlich nicht genannt werden möchte. Stanimir Mihaylov von der Beratungsstelle für Beschäftigte aus Osteuropa (EU) in Dortmund und Düsseldorf übersetzt für unsere Redaktion. „Seit zweieinhalb Monaten bin ich unterwegs. Mein fester Standort dabei ist Duisburg. Morgens geht’s los, abends wieder zurück. Meine Familie habe ich lange nicht mehr gesehen. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder im Alter von 5 Jahren und zweieinhalb Monaten. Erst am 15. September fliege ich nach Hause, um für einen Monat dort zu bleiben. Dann komme ich wieder zurück nach Duisburg“, sagt er, schluckt und ist sichtlich gerührt. Der Lkw-Fahrer, nennen wir ihn Melvin (Name von der Redaktion geändert), ist täglich meistens zwischen 70 und 80 Kilometer unterwegs, manchmal sogar bis zu 300 Kilometer. Er lebt im Lkw, schläft auch dort. „Gerne würde ich auf dem Rastplatz schlafen, doch das erlaubt mir mein Arbeitgeber nicht. Ich muss bei meinem Lkw bleiben und ihn bewachen.“ Toiletten gibt’s auch nicht. Dafür müssen die nahegelegenen Büsche reichen. Deshalb gibt’s oft Streit mit den Anwohnern. Lebenswert ist das nicht, was Melvin und seine Kollegen jeden Tag mitmachen müssen. Ein Teufelskreis! Essen gehen in einem Imbiss? Auch das ist undenkbar, es ist einfach zu teuer. „Ich verdiene zwischen 450 und 500 Euro. Hinzu kommen noch Spesen. Viel ist das nicht. Ein Großteil ist für die Familie bestimmt“, so Melvin. Er ist bei einer mazedonisch-bulgarischen Firma angestellt, die wiederum für ein österreichisches Subunternehmen arbeitet, das seinen Sitz im Duisurger Hafen hat. Kontrollen, ob die Fahrer auch wirklich in Hotels übernachtet haben und nicht in ihrer Lkw-Fahrerkabine (es gibt eine konkretisierte Rechtsprechung aus dem Jahr 2017, nach der Kraftfahrer ihre Wochenruhezeit nicht in der Kabine verbringen dürfen), gibt es ab und zu. Die Folge für Melvin: ein Bußgeld, das bis zu 2.500 Euro ausfallen kann. Einen größeren Teil übernimmt seine Firma, den Rest von rund 500 Euro muss er aus eigener Tasche bezahlen. Hinzu kommt, dass die Fahrer oft ihre Rechte nicht kennen. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 9,19 Euro. Allgemein geltende Tarifverträge gibt es jedoch nicht.

"Wir wollen Lösungen finden!"

„Am Duisburger Hafen herrschen skandalöse Zustände“, erklärt Frank Indervoort weiter. „Das grenzt an moderne Sklaverei. „ Die Lkw-Fahrer können doch nichts dafür. Wir wollen Lösungen finden. Seit vielen Jahren sind diese Probleme bekannt. Was fehlt, ist das Zusammenspiel der Entscheidungsträger“, so der Gewerkschaftssekretär, der nicht verstehen kann, dass das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) und auch duisport, beide waren zum Rundgang eingeladen worden, nicht gekommen sind.
Am 7. Oktober wird es um 18 Uhr im Gewerkschaftshaus am Stapeltor eine Nachschau auf unseren Logport-Rundgang geben. „Hier werden wir noch einmal alle möglichen Entscheidungsträger einladen und hoffen dieses mal auf eine größere Resonanz. Der 7. Oktober ist nicht zufällig für dieses Treffen gewählt worden. Es ist der Tag der menschenwürdigen Arbeit“, so Indervoort.
In Belgien gäbe es verstärkte Kontrollen. Das wäre auch für Deutschland bzw. für Duisburg nötig, damit Regeln eingehalten werden könnten. „Der Unternehmer ist für die Zustände haftbar zu machen. Die Kostenvorteile für die Subunternehmen aus solcher Missachtung der Gesetze müssen deutlich verringert werden “, schließt der Gewerkschaftssekretär. Bei dem Termin ist auch Raymond Lausberg von der belgischen Autobahnpolizei vor Ort, um seine Erfahrungen zu schildern: „Die Arbeitsverältnisse sind ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Ich habe mal einen Fahrer kontrolliert, der lebte sechs Monate im Lkw. Da hört der Spaß auf!“

Zur Information: Die Beratungsstellen für Beschäftigte aus Osteuropa (EU) in Dortmund und Düsseldorf gehören zum Projekt „Arbeitnehmerfreizügigkeit fair gestalten“ von Arbeit und Leben DGB/VHS NRW e.V. Sie unterstützen die südosteuropäischen Lkw-Fahrer zusammen mit Mitarbeitern des Projektes „Faire Mobilität“ des DGB. Sie sind vor Ort und besprechen alltägliche relevante Themen wie zum Beispiel Urlaub, Mindestlohn, Krankheiten und Unfälle.

Autor:

Nadine Scholtheis aus Moers

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