150 Interessierte beim Kongress Loveparade Duisburg 2010

Innenminister a.D. Gerhart Baum (Mitte)
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Der „Runde Tisch Loveparade“ hatte am Samstag zu einer Tagung in das Konferenz und Beratungszentrum „Der Kleine Prinz“ eingeladen um auf offene Fragen erste Antworten zu finden.

Die Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg endete furchtbar. Die Angehörigen der 21 Toten, hunderte Schwerverletzte und dauerhaft Traumatisierte, aber such die Bürger Duisburgs sind bis heute ohne Antwort auf die brennende Frage geblieben, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte.

„Entscheidende Fakten und Details zur Loveparade werden von den Verantwortlichen weiterhin unter Verschluss gehalten. Dies gilt insbesondere für die lückenhafte Aufarbeitung seitens der Stadtverwaltung Duisburg sowie die Auslassungen und Fälschungen in der Dokumentation des Loveparade Veranstalters Lopavent!“ so die Veranstalter „Massenpanik Selbsthilfe e.V.“ aus Duisburg und „DocuNews“ aus Köln und weiter: „Dieses gilt auch für die auf Wunsch der Staatsanwaltschaft Duisburg verschlossenen Dokumente zum polizeilichen Handeln.“

Dabei droht die Wahrheit auf der Strecke zu bleiben. Deshalb fand nun ein Tag der Wahrheitssuche, des Erfahrungsaustausches und der Vernetzung statt. Gemeinsam wollte man Fakten benennen, Erkenntnisse zusammentragen sowie noch offene Fragen zur Loveparade 2010 formulieren. Dabei ging es nicht um Schuldzuweisungen sondern um Aufklärung.

Polizei und Staatsanwaltschaft müssen individuelle, persönliche Schuld ermitteln, Gerichte darüber urteilen. Das Erkenntnisinteresse der Veranstalter ging jedoch über die strafrechtliche Perspektive hinaus. Man redete über institutionelle und strukturelle Verantwortung und Konsequenzen formulieren.

Die Veranstaltung stand daher allen Interessieren offen. Es war ein Kongress am Runden Tisch: für die Betroffenen, für eine interessierte Öffentlichkeit und nicht zuletzt für die Bürger Duisburgs. Man ging an dieses Anliegen methodisch heran: damit möglichst viele Teilnehmer mitreden konnten. Es gab nicht nur trockene Expertenstatements und eine abgehobene Podiumsdiskussion sondern vielmehr eine Atmosphäre offener Diskussion und Vernetzung.

Nachdem zunächst in einem Prolog den Opfern eine Stimme gegeben wurde, wurde Planung und Konzeption der Loveparade 2010 durch die Beteiligten und Verantwortlichen, die gesetzlichen Grundlagen, die Entscheidungsprozesse sowie die Genehmigungen diskutiert und Versäumnisse aufgezeigt.

Die zwei Themenbereiche Planung und Veranstaltungstag begannen mit einem Faktencheck der im Internet vorbereitet wurde. Hiernach wurden diese gemeinsam von Experten, Betroffenen und Fragenden diskutiert. Um dabei den „Riten Faden“ nicht zu verlieren, war die Tagung nicht als Abfolge von Referaten und Podiumsdiskussionen organisiert sondern man nutzte die „Fishbowl“ genannte Strategie. Der Hauptvorteil gegenüber einer Plenumsdiskussion besteht darin, dass die Diskussionsrunde überschaubar ist, da immer nur eine kleine Anzahl von Teilnehmern gleichzeitig diskutieren kann. Themen werden dadurch fokussiert und verdichtet. Mitglieder, die sonst nicht zu Wort kommen, können in den Innenkreis wechseln und kommen dort schnell an die Reihe um ihre Meinung zu äußern. Ein Teilnehmer, der keine Lust mehr hat, kann einfach aussteigen und zuhören. Die gewählte Diskussionstruktur zeigte auch den gewünschten Erfolg.

Nach einer Mittagspause fand im Gedenken an die Opfer der Duisburger Loveparade ein szenisches Konzert statt, vorgetragen von den Teilnehmern des Jugendprojektes „Szenisches Konzert im Gedenken an die Opfer der Duisburger Loveparade''.

Am Nachmittag wurde der Veranstaltungstag der Loveparade 2010 (24 Juli 2010) und hierbei die Punkte Beteiligten und Verantwortliche, Besucherdichten, Sperrungen und Telefonkonferenzen sowie Perspektiven der Zusammenarbeit in der Zukunft betrachtet, wie Hilfe für die Betroffenen und Hinterbliebenen durch den Ombudsmann Nordrhein Westfalen, finanzielle Hilfen sowie Trauer- und Trauma Begleitung. Auch soll es Vorbereitungen auf die Nebenklage und Durchsetzung von Schadenersatzansprüchen geben.

Zu den geladenen Experten, die in der Podiumsdiskussion Red und Antwort standen gehörten
Kai Abrell - Meister für Veranstaltungstechnik, Remscheid
Gerhart R. Baum - Bundesminister a.D., Rechtsanwalt, Düsseldorf
Dr. Frank Eikmeier - Rechtsanwalt, Witten
Lothar Evers - DocuNews.org, Köln
Martin Hablowetz - Wir leisten Hilfe, Düsseldorf
Jürgen Hagemann - Vorsitzender Massenpanik Selbsthilfe, e.V., Duisburg
Sybille Jatzko – Trauma Therapeutin, Krickenbach
Walter Kahl - Wir leisten Hilfe, Düsseldorf
Professor Dr. Henning Ernst Müller - Juristische Fakultät Universität Regensburg / Experte beck-blog
Dr. Julius F. Reiter - Rechtsanwalt, Düsseldorf
Wolfgang Riotte - Ombudsmann der Landesregierung NRW
Marc Florian Teßmer – Janssen + Maluga, Düsseldorf
Jutta Unruh - Religionspädagogin, Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland
Ursula Weber – baum – reiter & Kollegen, Düsseldorf
Anke Wendt - Soforthilfe „Love Parade“, Unfallkasse Nordrhein Westfalen

Inhaltlich wurde an diesem Tag vor allem die Frage nach der Verantwortung für die Katastrophe im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße gestellt, was bei vielen Teilnehmern noch einmal die Erinnerungen wachrief. Ein Konsenz in der Diskussion war die Tatsache, dass eine Genehmigung der Loveparade in dieser Form niemals hätte erteilt werden dürfen.

Interessant war der Beitrag des Experten für Veranstaltungstechnik Kai Abrell, der sachlich erklärte, dass bei der Planung der Rettungswege und Notausgänge gesetzliche Vorschriften nicht eingehalten wurden.

„Da das Veranstaltungsgelände eingezäunt war, galt an diesem Tag eine Sonderbauverordnung. In den Tunnelabschnitten gab es keine vorgeschriebenen Notausgänge. Wenn es nicht genügend Rettungswege gibt, hätte die zulässige Besucherzahl zwingend entsprechend reduziert werden müssen.“

Rechtsanwalt Dr. Eikmeier aus Witten gab zu verstehen, dass über 20 gesetzliche Vorschriften missachtet wurden.

Was ebenfalls deutlich wurde, war nach Rückfragen von Bundesminister a.D. Gerhart Baum die Tatsache, das massiver Druck zur Durchführung der Parade auf Duisburg ausgeübt wurde, frei nach der Devise, dass die Veranstaltung auf jeden Fall stattzufinden habe. Man habe alle Risiken angesichts des drohenden Imageschadens im Kulturhauptstadtjahr ignoriert.

Themen war die eigentlich erforderlich Sicherheits- und Notbeleuchtung nach Ende der Veranstaltung gegen Mitternacht, das Fehlen einer Lautsprecheranlage für den Notfall oder der nicht zulässigen Zauntyp bei einer solchen Veranstaltung, wobei schon ein einzelner Punkt ausreichend gewesen wäre, dass die Loveparade nicht hätte genehmigen werden dürfen. Das man diese am Morgen des 24. Juli bei der Abnahme des Geländes ignoriert habe, zeigt, wie man in der Stadtverwaltung mit Kritikpunkten umgegangen ist. Es fehlt jedoch das Protokoll der Feuerwehr über die Begehung des Geländes.

Eindeutig auch ein Punkt, der zur Katastrophe führte war, dass der Eingang zum Gelände gleichzeitig auch der Hauptausgang war. Ein Sachbearbeiter in der Stadtverwaltung hatte hiervor bereit im März 2010 gewarnt.

In seinen Erläuterungen ging Prof. Dr. Henning Ernst Müller auf den viel zu kurzen Zeitraum für die Planung der LOPA ein. Auch gab es im Tunnel oder an der Rampe keine Wege Beschilderung zum Veranstaltungsgelände.

„Wenn auf Recht und Gesetz gepocht worden wäre, hätte die Veranstaltung nicht stattfinden dürfen“, sagte Veranstalter Lothar Evers von DocuNews. Zu oft wurde ein Auge zugedrückt als pflichtgemäß zu kontrollieren. Rechtsanwalt Dr. Eikmeier erklärte hierzu: „Die Verwaltung hat mehr mit dem Veranstalter kooperiert als hier verantwortungsbewusst zu handeln und zu kontrollieren.“

Ein Knaller war der Nachweis von Lothar Evers anhand von offiziellen Listen, dass von den 1300 Ordnern rund 40 % nicht zum Dienst erschienen waren. Hinzu kam für ihn die Tatsache, dass Lopavent den unteren Teil der Rampe sowie die beiden Tunnelstücke nicht zu ihrem Veranstaltungsgelände hinzuzählte.

Sehr engagiert diskutierte Gerhart Baum und fragte gezielt nach: „Wann bekommen wir kompetent Antworten, was passiert ist? Und von wem? Wer ist verantwortlich dafür? Man hat ja inzwischen das Gefühl, als sei diese Katastrophe vom Himmel gefallen.“

Die anwesenden MdL Anna Conrads (Die Linke) und Horst Engel (FDP) wiesen darauf hin, daß deren Fraktionen im Landtag bereits zweimal einen Untersuchungsausschuss beantragt hatten, jedoch ohne Erfolg.

Anscheinend haben Duisburgs Kommunalpolitiker keine offenen Fragen. Nicht ein Ratsvertreter war an diesem Tag im "Kleinen Prinzen" zu sehen.

Autor:

Harald Molder aus Duisburg

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