KARAWAN DUISURDISTAN

Wo: Judas Thomas Kuhl, Friedrich-Wilhelm-Platz 7, 47051 Duisburg auf Karte anzeigen

Mit meiner Kolumne habe ich mir treue Leser erschrieben, derer manche ich gelegentlich sehe. Frage ich sie nach meinem Markenkern, kommt immer dasselbe: Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Stil. Der Kern des Kerns wäre also Haltung.

Ich erlebe schon seit vielen Jahren, dass man mir Tickets wie „Ehrliche Haut“, „Judas als Aufklärer“ oder „Deutschlands freie Fresse“ anpappt.

Solcherlei Ehrungen sind mir Nobelpreise und schwer zu verkraften.

Sie verpflichten aber auch.

Dieselben Leser schmieren mir die kleinsten Inkonsequenzen wütend aufs Brot. Wofür ich ihnen ebenso dankbar bin. Mehr Leser-Autor-Bindung, als ich in Duisburg erfahre, ist schwer vorstellbar. Daher mein Verständnis für den Neid anderer Blätter und Autoren.

Ich entlarve und bekämpfe die Hängung von Politikern und Publikatoren, die sich im Gedärm von Organisationen einsklaven. Haltung ist mir oftmals schwergefallen. Dann ging ich in eine meiner Stammkneipen und ließ mich von meinen Lesern wieder aufrichten.

Meine Glaubwürdigkeit will täglich erkämpft sein. Als Don Quichote, Sysiphos, Käpt’n Ahab, Sokrates, Ikarus, Eulenspiegel oder wie auch immer.

Um nichts Anderes geht es hier.

Butter bei den Fisch.

ABSUFF

Immer schon zieht es die Lemminge zum Abgrund. Neuere Forschungen über Schwarmintelligenz zeigen, dass auch unter Wasser gilt, was an Land schon altbekannt ist: Es gibt Leithammel. Solche Orientierungsgeber sind letztlich die Verursacher von Aufstieg oder Untergang. Mit einem schlechten Lotsen ist das Schiff geliefert. Kopflosigkeit führt zum selben Ergebnis wie die Wahl des falschen Kopfes.

Lange genug war ich bereit, meine Rübe hinzuhalten. Jetzt nicht mehr. Es sind eine Menge falsche Köpfe im Spiel. Die werden den Untergang schon hinkriegen. Die Karawane zieht weiter – in die Tonne.

Während in Deutschland durch mangelnde Aufarbeitung des Nationalsozialismus und weiterer Anbetung der heiligen Kapitalisten unter Beibehaltung des hitlerschen Antibolschewismus die Demokratisierung chancenlos war, hatten sich SPDespoten Duisburg gekrallt.

Als die APO seriell NS-Zöpfe abschnitt und infolge Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen“ zu seinem Leitmotiv machte, war das auch gut für Duisburg.

Was danach kam nicht mehr. Die Arbeiter-Verräter-Partei hatte die Stadt in den Graben gesetzt. Und Sauerland wurde als Messias bejubelt. Die Katastrophe ist da. Und ein Rückfall zur SPD indiskutabel. Geeignete OB-Kandidaten sind nicht in Sicht.

Es wäre eine ethnographische Herausforderung, das Absaufen einer einst florierenden Industriemetropole und die zunehmende Depression ihrer noch nicht emigrierten Bewohner zu protokollieren. Man kann auch gleich Salzsäure schlucken.

RUSSTREKKE IS NET RUSSJONN

„Ihn rauszuziehen bedeutet nicht, aus dem Geschäft zu sein.“ Ein geflügeltes Wort aus dem kölschen Zuhältermilieu, was wie wo ich mal zugange war.

Ich ziehe zurück. Meine Oberbürgermeisterkandidatur ist nicht länger zu verantworten. Meine Duisburger Mitbürger sollen wissen, warum.

Es war mir bitterernst damit, das Polismodell des Sokrates in Duisburg zu implementieren. Die Ur-Demokratie in die untergehende Stadt zu bringen. Mein „Modell Duisburg“.

Ich hatte mir schon gedacht, dass ich damit scheitern würde.

Doch teilte ich diese Illusion mit Zigtausenden.

REVOLUTION ERFAHRUNG VERANTWORTUNG

Ein Jahr lang hatte ich den Rückfall in die revolutionären Phasen meines Lebens zelebriert. Angefangen mit „Kuhls Kolumne“ bei „Xtranews“, dann mit den „duisburg21“-„Wir wollen alles ändern, aber nix dafür tun.“-Leuten, hatte letzten Juni, da sonst niemand die Eier dazu hatte, meine Kandidatur erklärt. Eine Menge Menschen kennengelernt – am Abwahltisch und sonstwo. Die „Neuanfang für Duisburg“-Traumtänzer als nostalgierende SPD-Uboote entlarvt, die WAZ als gleichgeschaltet und Xtranews als putinistisch geoutet, weshalb ich meine Kolumne nun als eigenen Webauftritt betreibe.

Ich war in den Konflikt meiner beiden zentralen Ich-Massive geraten. Als Schriftsteller denkend zurückgezogen – als Politiker öffentlich redend. Der Vaclav-Havel-Spagat. Als foucaultscher Parrhesiast, “der die Dinge zurechtrückt und im richtigen Moment interveniert“, hatte ich beim Abwahl-Initiative-Treffen im Dezember den SPD-Agenten ihre Verlogenheit vorgeworfen, am Abwahlabend dem CDU-Ex-OB seine Amtsanmaßung um die Ohren gehauen und bei der Akzente-Diskussion ums Traumzeit-Festival die herrschenden Kulturspießer als Barbaren demaskiert, was samt und sonders von der gleichgeschalteten wie auch der putinistischen Presse unterdrückt wurde und nur durch diese Kolumne und mein Judas-Kulturmagazin seinen Weg in die Welt fand. Samisdat, Untergrund als letzte Bastion für freie Presse. Womit die Titanic-Leute Recht behielten, die mich schon früh als „Deutschlands Freie Fresse“ tituliert hatten.

Hier herrschen Verhältnisse wie damals in Moskau. 48 Jahre SPD und 8 Jahre CDU haben Duisburg zu einer Ruine gemacht – analog zur bundesweiten Demokraturentwicklung der Parteien, besser: Polit-Mafien. Daß viel Mut dazu gehört, als Schriftsteller im politischen Raum auf simple Wahrheiten hinzuweisen, weil dann Massen von Idioten Tanklastzüge von Jauche über deinem Kopf ausleeren. Man erlebt es ja gerade. Daß die SPD sich von Grass zurückzieht – es wundert mich nicht. Daß ich vor einem Vierteljahrhundert wegen um-sich-greifender-Kohl-Sprüche angeekelt ausgetreten bin – war vorrausschauend.

Parteien sind wie Religionen schlecht fürs Gehirn. Opium fürs Volk. Muttermaschinen für Doofe. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen... ...ausgeübt.“ Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 2.

Und doch wurden sie erlaubt. Allerdings mit einer wesentlichen Einschränkung: „Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes MIT.“ Sagt der nachrangige Artikel 21 im Absatz 1. Sie dürfen also NUR mitspielen.

Inzwischen haben sich die unter anderen auch erlaubten Mitspieler zu Herren aufgeschwungen und sich das immer noch Demokratie genannte Gebilde unter den Nagel gerissen. Und prostituieren sich für ihre Zuhälter, denen sie – man nannte diese Form der Re-Feudalisierung über den Thatcher-Reagan-Kohl-Gier-Turbokapitalismus in den Westerwelle-Merkel-Finanzmärkte-Globalisierungs-Neoliberalismus zu Zeiten der hellenischen Ur-Demokratie „Katastrophe“ = „Wende“, wie Kohl sein gegen die Demokratisierungserfolge der APO gerichtetes konterrevolutionäres DeDemokratisierungsprogramm. Die De-facto-Oligarchie Bundesrepublik Deutschland realisiert sich als Demokratur.

Alles in allem ein alter Hut. Bei Platon kann man die Stadien des Verfalls von einer Demokratie in eine Tyrannis schön nachlesen. Eine präzise Chronologie unserer Zeit. Als ich 2006 schrieb, dass Sauerland uns eine Katastrophe bescheren würde, konnte ich von der Loveparade nichts ahnen. Als ich vor Äonen aus der SPD austrat, konnte ich nicht wissen, dass diese mit einem Kapitalistenknecht namens Schröder mal auf einen Hund namens Hartz4 kommen würde.

Wir alttestamentarischen Propheten sind da genauso schlau wie der blinde Seher Teresias in der Ödipus-Sage. Die Wenn-Dann-Verknüpfung ist zwingend und deshalb sichere Prognose.

Wenn man versteht, wohin das führt, dann kann man die Katastrophe sicher ankündigen. Als ich erkannt hatte, dass Sauerland tyrannische Züge aufweist, war das klar. Wir sollten das Babyface unseres zukünftigen Oberbürgermeisters Sören auf keinen Fall für bare Münze nehmen. Er ist ein unreflektiert stromlinienförmiger Parteikader, ein Jäger-Sklave. Also wieder die alte SPD-Scheiße.

Daß der gewählt werden wird, ist betrüblich. Zeigt es doch, dass die traditionsverblödete untergehende Stadt nichts gelernt hat. Wie sollte sie auch? Wo sogar die Guten im Wesentlichen aus Demenz bestehen.

COMPANEROS

Salafisten und Piraten haben ein Personalproblem. Ich hatte auch eins.

Mein „Parteichef“ ist ein pubertierender Schrumpfkopf unter einer Mega-Haßkappe. Er will erklärtermaßen weder denken noch lernen, malt Bildchen von einem „Löwenherz für Duisburg“, steht monatelang in der Öffentlichkeit rum, ohne zu merken, daß es ihn gar nicht gibt. Will auf keinen Fall politische Bücher lesen. Stellt sich mir als „kleiner Bruder“ vor, um dann Beweise sehen zu wollen und mich mit Hitler zu vergleichen, um sich, sobald es ernst wird, in die Büsche zu schlagen. Ansonsten spact er mit Capra ab und kommt weder mit der Welt noch in seinem Leben klar.

Dabei ging es gar nicht um Hitler, Sauerland, Kuhl oder Krause. Polit-Aktivisten sind oftmals „gegen das System“ weil diese selbstentfremdete Feindbild-Schimäre Auswuchs ihres Gegen-die-Eltern-Seins und dessen Verschiebung in die Erwachsenenwelt ist. Ein Entwicklungs-Defizit. Solange man einen äußeren Feind bekämpft, kann man vor seinen inneren Problemen fliehen.

Deshalb muss Amerika ständig irgendwelche Länder überfallen und Israel Palästinenser knechten. Mal über sich selbst nachzudenken und die alten Wunden auszukurieren wäre sicherlich sinnvoller.

Inzwischen macht er sich zum Wasserträger eines kandidatesken Hampelmanns, der es allen recht machen und keinem wehtun will. Die beiden programmarmen Parteien, FDP und Piraten unterstützen die Polit-Blase ebenso. Wie man rückhaltlose Aufklärung und gnadenlose Vertuschung im „Everybodys Darling“-Modus als konsequentes Handeln vereinbaren kann, es bleibt mir schleierhaft.

Meinen „Oberstadtdirektor“ hatte ich als wirren Poster in Online-Medien kennengelernt. Er hat serielle schlechte Erfahrungen mit der Verwaltung, weshalb er sich vehement für mehr Bürgerbeteiligung einsetzt. Die Tatsache, daß die Bürger die Demokratie SIND und deshalb bloße „Bürgerbeteiligung“ ein Sklavereikonzept sei, will er nicht wahrhaben. Der Souverän, der Hauseigentümer, kratzt an der Tür, bettelt um Einlaß, will auch mal mitspielen – eine Posse á la Dario Fo. Nun lebt er seinen alten Widerspruch weiter. Privat als Frühpensionär, ansonsten weiterhin als postender Don Quichote unter Pseudonym.

Mein „Deputy“ Bürgerwehr hatte mich im letzten Frühjahr vehementest zur Kandidatur gedrängt, was ich gar nicht wollte – jedenfalls nicht bis Steegmanns Bürgerbetrug offensichtlich war. Hatte mir jedwede Unterstützung versprochen. Inzwischen braucht er Wochen, um eine Email zu beantworten – sofern ich ihn telefonisch erreiche. Hat nen harten Job und muß sich dauernd was zu Ficken suchen.

Es gäbe noch einige und einiges mehr und auch noch einige Dönekes zu erzählen. Später. Nicht hier und nicht jetzt. In diesem Zusammenhang reicht die „Führungsebene“.

Dann wären da noch die Bürger, die mir zum Teil tatsächlich den Arsch nachgetragen hätten.

MITBÜRGER

Ständig hörte ich Sätze wie: „Wenn du kandidierst, dann wähle ich dich!“ Viele vertrauten mir ihre Sorgen an. Glaubten, ich könne ihre Probleme lösen. Da wurde ich plötzlich zum Hoffnungsträger. Und mir wurde nach und nach klar, dass die Erlöser-Nummer etwas für professionelle Polit-Betrüger ist.

Ich bitte um Verständnis, dass ich mich meiner ehrlichen Haut wehren muß. Um gerade zu bleiben und gerade die Menschen, die mir vertrauen, nicht zu enttäuschen.

Es ist nicht nur die völlig aussichtslose Haushaltslage, die betrügerische Kandidaten vorgeben, bessern zu können. Auch nicht die Schimäre „Verwaltungserfahrung“, hinter der man Charaktermängel kaschieren und sich schön verpissen kann. Es ist der systemimmanente Wahlbetrug, versprechen zu müssen, um gewählt zu werden – und sich dann hinter vorgeblichen Sachzwängen in die Büsche zu schlagen.

Es gibt Lösungen. In Teilbereichen. Nicht in der organisierten Politik.

CIVIL SOCIETY – und wie man sie verhindert

Während der Transformation der Volksrepublik zur Demokratie studierte ich in Warschau und stand in Verbindung mit anderen Volksbefreiungsbewegungen im damaligen Ostblock. So hatte ich mit Zygmunt Fura die polnischen Grünen gegründet – illegal in einem Krakauer Kabarettkeller.

Als Mitarbeiter des Osteuropa-Arbeitskreises der grünen Bundestags-Fraktion habe ich das dann ausgewertet und meine politologische Diplomarbeit über die politische Mentalität der und den Systemwandel in Polen geschrieben. Über Theorie und Praxis grundlegender Veränderungen muß mir also niemand was erzählen.

Wir reden hier über einen langen und beschwerlichen Weg. Wie aus Deutschland doch noch eine Demokratie werden könnte. Und aus Duisburg eine lebenswerte und liebenswürdige Stadt.

Mit meinem „Modell Duisburg“ hatte ich Denkanstösse gegeben, sich mal mit der hellenistischen Ur-Demokratie und mit Sokrates zu befassen. Mal grundsätzlich über die Vorraussetzungen von Demokratie nachzudenken.

Weil sie nämlich NICHT gegeben sind.

Weil sie erst erarbeitet werden müssen.

Weil sie vorher erdacht werden müssen.

Ich musste erleben, dass sich NIEMAND diese Arbeit machen wollte.

Alle Angesprochenen waren entweder zu faul, zu dumm oder zu wenig weitsichtig.

Oberstadtdirektor Greulich hatte also tendenziell recht, als er sagte, die Duisburger seien zu ungebildet und zu sehr in ihren sozialen Problemen befangen, um einen Umschwung zu bewerkstelligen. Richtig wäre gewesen, zu sagen, dass sich niemand die geistige Arbeit machen würde, die Transformation zu DENKEN. Außer mir.

Die Menschenverachtung die daraus spricht, sich auf Kosten derer, die er für hirntote Wahl-Sklaven hält, im Amt zu befinden, macht ihn zu einem ebenso ungeeigneten Beigeordneten wie den Barbaren Janssen Kultur und den Kontrollneurotiker Rabe Recht.

Die im wesentlichen mit Pöstchenschaffung und –verteilung befasste Mehrheitskoalition SPD-Linke-Grüne im Rat interessiert sich nicht für die Stadt. Der gesamte Rat hat seit der Love-Parade ein Verhalten an den Tag gelegt, dass man sich fragt, warum noch niemand die ehrenwerten Herrschaften verprügelt hat.

Von der gleichgerichteten, gleichgeschalteten oder gar putinistischen Presse, die im wesentlichen verlautbart und Informationen unterdrückt, ist nichts zu erwarten.

Genau das fand ich vor, als ich 1984 zum erstenmal in die Volksrepublik Polen reiste. Vier Jahre später gründeten Zygmunt und ich die Grünen. Fünf Jahre später 1989 musste das alte System seine Macht abgeben – und leitete so im Dominoeffekt den Untergang des Ostblocks ein.

Ich bin überzeugt davon, dass das auch in Duisburg möglich ist. Mit den Erfahrungen des Ur-Demokratie-Modells im alten Athen und der Transformation Osteuropas weiß ich auch wie.

Die Polen trennten zwischen „Macht“ (wladza) und „Gesellschaft“(spolczenstwo). Macht war der politische Apparat, der Staat. Was hier „repräsentativ“ heißt und in Parteien vor sich hinstinkt. Gesellschaft, das waren die Menschen.

Die, die KONKRET etwas getan haben. Initiativen, kleine Grüppchen, Arbeitskreise, Lesezirkel, Vereine, fliegende Universitäten undsoweiter.

Doch auch da gibt es schlechte Erfahrungen. Anfang März habe ich bei den Traumzeitrettern einen solchen Terz veranstaltet, dass Janssen sich eine Woche später den Diskutanten stellen musste, und Jebavy gezwungen, sich zu Tim Isfort als Leiter des Traumzeit-Festivals zu bekennen – der ein paar Wochen später natürlich wieder umfiel.

Ich hatte die beiden Kernfelder meiner OB-Kandidatur Kultur und Soziales gestreift. Gesagt, dass eine Stadt, deren Armut und Entmutigung soweit fortgeschritten ist, vorab diese Problem lösen muß. Wenn existenzielle Bedrohung und Sinnlosigkeit sich zu Depression verdichten, ist der Suizid da.

Wenn man Soziales und Kultur hinkriegt, ist Lebensfreude in einer lebendigen Stadt. Duisburg würde ein liebenswürdiger Magnet für Unternehmensansiedlungen.

Nicht andersrum wie bisher. Wenn man auf den vorhandenen Schimmelpilz gewaltsam sogenannte Investoren aufpfropft, dann vergrößert man nicht nur die Probleme. Die Unternehmen gehen dann mit den Bach runter.

Im Rahmen der Diskussion mit den Traumzeitrettern während der Akzente habe ich den Anwesenden vorgeschlagen, mit mir ein Kulturprogramm für Duisburg zu schreiben.

NIEMAND war dazu bereit.

Dann hatte ich ein dreistündiges sehr gutes Gespräch mit Uwe Gerste, dem Geschäftsführer von Duisburg-Marketing, der als CDU-Mitglied von allen Parteiämtern zurückgetreten war. Ich hatte ihn weit unterschätzt. Ein unerwartet konstruktiver Mann, mit dem ich gerne im Gespräch bleibe.

Im Gegensatz zu den Traumzeitrettern, denen es wie den Parteien nur um Pfründe und Einfluß geht. Wochen später saßen sie dann mit Unterstützung des Kulturbeirats im Ratssaal 100 und verkündeten dort die grundsätzlichen Überlegungen, die sie von mir gehört hatten á la Pressekonferenz. Als ich dann eine Frage stellen wollte, brach Eckart Pressler abrupt das Ganze ab, Fragen könne man ja „später im kleinen Kreise“ beantworten. Putin, ick hör dir trappsen!

Daß solche Kungelrunden vom Kulturbeirat getragen werden, ist in Duisburg nicht neu. Sieht man sich die Mitgliederliste an, so findet man ein heterogenes Konglomerat von Menschen, etwa zehn Prozent der Duisburger Szenen, Leute, die mal gefördert wurden, welchen, die sich zukünftige Förderung erhoffen und mitlaufenden Deppen. Die Meuterer bei Kolumbus wollten zurück zu Spaniens Fleischtöpfen. Die „Traumzeitretter“ werden sich an den Zitzen der guten alten SPD sicher wohlfühlen.

Neben Ratsgehabe und Putinismus gab es noch zwei Sahnehäubchen. Ruth Bamberg, die bekannterweise politikastereske Qualitäten im „Präsentieren“ von Künstlern hat, die wirklich welche sind, und sich somit gerne zur Spitze von vorhandenen Bewegungen macht, ist sich selber narzisstisch sowas von auf den Leim gegangen, dass ich dieser unfreiwilligen Performance gebannt sprachlos beiwohnte.

Offensichtlich fühlte sie sich auf dem Podium so wohl, dass sie – man kennt das von „Leute Heute“ oder analogem Hirnlos-Tratsch-Society-Gesülze – weitschweifig von Brainstormings bei intimen Treffen ihrer In-Crowd parlierte, immer wieder kicherte und so einen hinreißend bekifften Eindruck auf etwa 80 versteinerte Gesichter ausübte. Ihre herzerfrischenden Ausführungen über die Initiative der vier Vorstandsmusketiere ließen keinen Zweifel an der Tatsache zu, dass hier wunderschön gekungelt wurde und sie hierzu geboren sei. Im Rahmen ihrer bunten Echolalie gab sie dann das Wort an Ihren gehemmten Partner, den Saxophonisten Micol weiter, den sie in blamabelstem Modus jeden zweiten Satz zum Weiterreden anstubste. Sie hat ihn bis auf die Knochen blamiert.

Dann jodelten Anja Lerch und Steegmann-Junior einen neuen Duisburg-Song, der an textualer Banalität keine Wünsche offenließ – und in der letzten Strophe an den Untergang von Rheinhausen erinnerte. Herr Steegmann SPD Gewerkschaft, Frau Steegmann Musik Trauerarbeit Kirche, Sohn Steegmann Szene Initiative – das breite Bündnis als Häuptlingsfamilie. Wann kommt die Tochter? Theo, du hast die Rheinhausener Stahlarbeiter verarscht, jetzt die Sauerland-Abwähler, fahr endlich nach Lodz!

Es gibt einen beschönigenden Duisburg-Song von Dagmar Horn, einen wunderschönen von Wolle Verbal (Wolfgang Neikes), der auch das KöPi-Lied geschrieben hat, einen kritischen von der Bandbreite und einen von Andrea Huwer (im Anhang). Da war der gescheiterte Versuch wirklich überflüssig. Liebe Anja, Sänger wissen immer um das Wie des Singens – aber selten um das WAS – und mit wem. Siehe „Ankündigung einer Chansonette“ bei Erich Kästner. Lesen bildet!

Nach dem NO GO – Beispiel von gesellschaftlicher Initiative zurück zur Sache.

Wir müssen uns finden. In den Nischen, wo wir sind. Was zusammen machen. Ohne auf Politikasterhorden oder auf die, die noch im Spagat mit den Parteien gehen, zu schielen.

Selbstorganisation.

Graswurzel-Revolution.

Wir sehn uns in den üblichen Lokalen.

ÜBERBÜRGERMEISTER DUISBURG
oberbuergermeisterduisburg.wordpress.com

Ich werde wieder mein Kabarett „Café Nirgendwo“ machen – wie zuvor im Internationalen Zentrum, der Volkshochschule, der Cubus-Kunsthalle, dem Café „Past scho“, der Factory, dem Hundertmeister, Gabis Kneipe, dem Café Graefen, der Galerie Lisnoir und sonstwo.

Mein „Judas-Magazin“ wird weiterhin zweimonatlich Intelligentes Aufklärerisches Satirisches an knapp 9tausend Leser liefern und unter judaskulturmagazin.wordpress.com gratis downzuloaden sein.

Dies ist meine erste Kolumne als Überbürgermeister. Weitere werden unter kuhlskolumne.wordpress.com folgen. Das, was gesagt werden muß. Als überamtliches Kontrollorgan, OB-Watch und Ideengeber.

Themen-Talk und Lesungen sind in Vorbereitung.

Soviel hat bisher kein OB geleistet. Ich mach das auch ohne Amt. Auf der Basis von Hartz4. Unbestechlich.

Ist mir egal, wer unter mir OB wird.

Es kann nur einen geben.

Sollte jemand ähnliches leisten, den oder die würde ich gerne mal kennenlernen.

Es ist so einsam hier oben auf dem Olymp.

Meine Idee vom Arche-Noah-Projekt ist, dass wir die Sintflut überstehn und Menschen aufnehmen können. Es ist noch nichts drin in dasarchenoahprojekt.de. Und ich werds nicht alleine machen.

Bestimmt nicht!

WAS ICH VORHATTE

Ursprünglich hatte ich den Bohei um die OB-Wahl nutzen wollen, um meine Themen unterzubringen.

Es hätte mir auch Spaß gemacht, auf Podien die anderen Kandidaten zu deklassieren. Da hätte mir eh keiner das Wasser reichen können.

Bei diesen Gelegenheiten hätten sich Kontakte ergeben. So hätte ich Gefährten gefunden, mit denen ich die Arche bauen wollte.

Einige habe ich auch schon gefunden.

Auf dem Wahlamt hatte ich mir Vorschlagszettel für die OB-Wahl geholt, von denen ich 370 unterschriebene gebraucht hätte.

Die hatte ich als PDF an ausgewählte Unterstützer aus meinen 8700 Leser-Adressen gesandt.

Dann hatte ich mir im Stadthaus – vorerst bis Ende April - genehmigen lassen, am Ort des alten Abwahlstandes am Live-Saver Freitags- und Samstags nachmittags einen Couchtisch mit drei Klappstühlen aufzubauen, um mit meinen Mitbürgern ins Gespräch zu kommen und Unterschriften zu sammeln.

Ich erhielt auch ein Schreiben vom grünen Kreisverband, man wolle mit mir über meine Kandidatur reden. Bin nicht hingegangen weil Missverständnis. Ein OB-Kandidat muß sich nicht bei Parteien bewerben. Sowas machen nur Rubinsteinchen.

Immer mehr Leute setzten ihr Vertrauen in mich.

Und ich fühlte mich immer beschissener dabei.

Täglich hatte ich – Rücklauf meiner PDF-Aktion – Unterschriftszettel im Briefkasten.

Ostern habe ich dann über 300 verbrannt.

Seitdem druckse ich an dieser Kolumne rum.

Als das Wahlamt mich anrief, habe ich meine Rücktrittserklärung aufgesetzt und meine Unterschrift mit meinen beiden lokalen Titeln „König vom Dellplatz“ und „Überbürgermeister Duisburg“ klassifiziert.

Morgen schaue ich mir die Schmierenkomödie im Wahlausschuß an.

Ob ich danach kotzen oder saufen muß...

Wer weiß?

Zuguterletzt – wie versprochen – Andrea Huwers Duisburg-Song, den sie für meinen Talk „Kultur im Kollaps“ letzten Sommer im Djäzz – wo Janssen ebenso vor mir gekniffen hat wie Sauerland seit 2007 - auf eine bekannte Melodie gesetzt hatte, wo ich ihn uraufgeführt habe. Im Dezember hatte ich ihn schon im Judas-Magazin abgedruckt.

Für Guitarreros: Vier Zeilen: G / C G / G / D Em

DUISBURG OLD TOWN

Ich sing ein Lied über meine Stadt,
nicht schön noch reich, frag mich, was sie hat?
Herz verlor`n, Fernweh weggepackt.
Dirty old town, dirty old town

So viele Drinks, im Cafè, im Djäzz,
die Worte kling_en, König jetzt!
Ich träum` das Glück, Ratten träumen mit
Dirty old town, dirty old town

Ich grüße Neu_dorf, Hochfeld, Beek,
Mercator, Beuys, Innenhafen, Krupp
Bandidos, Puff und den Rat der Stadt
Dirty old town, dirty old town

Will der Stachel sein im alten Fleisch,
ich schneid`hinein, verzeih`Gevatter Rhein
die Welt bist du, eine Stadt im Pott
Duisburg old town, Duisburg old town

Mag sein, daß ich der Stachel bin. Und mich nicht erst Sting nennen muß. Für einen, der Kabarett ernst meint, eine Selbstverständlichkeit. Meine intrinsischen Motive und meine politische Handlungsorientierung deutete Andrea in einer Bonus-Strophe an:

Geheimnis von_dieser Moritat,
Judas verrät_alles, was er mag
Liebe und Hass, sind die gleiche Tat
Dirty old town, dirty old soul
Dirty old town, dirty old soul

Ich sei also in einer Hassliebe zu dieser Stadt befangen.

„Ich komm aus Duisburg – und ich steh dazu!“ sagen die Eingeborenen.

Nun bin ich die Hälfte meines Lebens Wahl-Duisburger.

Man dichtet mir eine gelungene Integration an.

Ich wollte nie Oberbürgermeister werden.

Ob das wahr ist?

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