Blicke auf eine Leidensgeschichte
Marianne Rosenberg kennt jeder - aber wer war ihr Walsumer Verwandter, der Sinto Fredi Rosenberg? Erinnerungen anlässlich des Holocaustgedenktages

Walsumer Mahnmal, dem Gedenken der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewidmet
  • Walsumer Mahnmal, dem Gedenken der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewidmet
  • hochgeladen von Helmut Feldhaus

Lassen wir zunächst den Sinto Fredi Rosenberg selbst mit Erinnerungen schlaglichtartig zu Wort kommen, die er als 84-Jähriger im Jahr 2006 Schülern einer Duisburger Realschule gegenüber äußerte, als diese mit ihm in seinem Wohnzimmer in Duisburg-Walsum beisammen saßen:

- Zunächst verschleppen sie uns nach Köln. Dort pferchen sie uns in Güterwaggons. Sie deportieren uns nach Polen ins Konzentrationslager. Wir spielen um unser Leben - und das fünf Jahre lang.
- Ein Cousin meiner Mutter ist auch in unserem Lager. Sie schleppen ihn fort - ins KZ Dachau. Wir sehen ihn nie mehr wieder.
- Tote über Tote in unserem Lager. Sie liegen einfach herum. Viele sind erschossen, viele erschlagen, andere zu Tode drangsaliert, andere vor Erschöpfung gestorben. Zu zweit müssen wir die Leichname packen. Gruben wurden vorher ausgehoben. Sie zwingen uns, die Toten in diese Massengräber zu werfen.
- Stehend in einem Erdbunker, nur der Kopf ragt heraus. Es ist die Hölle. Sie schicken mich drei Tage lang durch diese Hölle.
- Sie spannen mich wie ein Pferd vor einen Karren. Mit Peitschenhieben treiben sie mich an. Ich bin der totalen Erschöpfung nahe. Sie treten mich in einen Graben. Ich versuche, mich festzuhalten. Da treten sie mir mit ihren Stiefeln auf die Hände. Fingerknochen brechen.
- Meinem Vater brechen sie die Hände. Mit einem Gewehrkolben schlagen sie ihm die Zähne aus.
- Wir können das 30 km entfernte Auschwitz riechen.
- Sie sorgen nicht für ausreichende Ernährung. So treiben sie meinen kleinen Bruder Arnold in den Tod. Er war ein Jahr alt, als sie ihn mit uns ins Lager schickten. Er stirbt an Unterernährung. Da ist er gerade drei Jahre alt.
- Meine Schwester Ramona wird 14 Jahre alt. Sie erschießen sie einfach.

Soweit Fredi Rosenberg, dessen Leidensgeschichte als junger Erwachsener erst 60 Jahre nach der Nazizeit durch eine Schule aufgearbeitet und öffentlich wurde, dessen Vorfahren seit dem 16.Jahrhundert in Deutschland lebten.

Eins der Mädchen, das bei dem Gespräch zugegen war, schreibt im Nachhinein seine Eindrücke auf. So ist u.a. zu lesen:

"Ich hätte nie gedacht, dass die Geschichte der Familie Rosenberg mich so sehr berührt und dass das schreckliche Schicksal von Fredi Rosenberg mich emotional so sehr aufwühlt. Fredi Rosenberg hat das Dritte Reich zwar überlebt, aber was er ertragen musste, übertrifft alles an Grausamkeiten, was ich mir vorstellen kann. ...
Bei den Schilderungen von Herrn Rosenberg merkte ich, wie es in mir anfing zu brodeln, wie ich eine wahnsinnige Wut entwickelte auf die Menschen, die so etwas verbrochen haben und jene, die es zuließen. Umso mehr faszinierte mich die Stärke, vergeben zu können. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, nach allem wieder nach Deutschland zurückzukehren, hier wieder leben zu wollen und Deutschland als Heimat anzusehen."

Die Musik hat mir das Leben gerettet. Davon ist Fredi Rosenberg bis zu seinem Tode fest überzeugt. Mit seinem Vater Schafu, seinen Onkeln Mendel und Goldschabi sowie Marku, dem Cousin seiner Mutter, bildeten sie im Lager die Zigeuner-Kapelle Schafu und musizierten vor SS-Leuten - zeitweise dreimal wöchentlich. Sie musizierten in erster Linie um ihr Leben. Aus ihrem Ghetto-Lager wurden sie häufig an andere Orte gebracht, um die Nazis mit ihrer Musik zu erfreuen. Aber nicht ihre Sintilieder waren gefragt, sondern deutsche Schlager wie etwa solche von Zarah Leander oder Marika Rökk.
Einmal, als sie im Cafe Erika in Chelm auftraten, erschien ein SS-Mann an der Bühne und verlangte eine bestimmte Serenade. Fredi Rosenberg, der das Musikstück nicht kannte, wusste genau: Wenn wir das nicht hinkriegen, werden wir sofort wegkommen. Und Wegkommen, das bedeutete vielmals Auschwitz. Gott sei Dank kannte sein Vater Schafu das Musikstück. Er spielte es an und schon bald konnten Fredi und die Übrigen einstimmen.

Autor:

Helmut Feldhaus aus Rheinberg

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