"Schritt für Schritt geht es vorwärts" - Stadtdirektor Spaniel im Interview zum Thema Armutszuwanderung, die Folgen und Lösungsansätze

Duisburgs Sozialdezernent und Stadtdirektor Reinhold Spaniel empfing die Redaktion des Wochen Anzeigers zum Gespräch. Fotos: Hannes Kirchner
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8000 Armutsflüchtlinge aus Südosteuropa leben zurzeit in Duisburg, überwiegend Roma. Circa 500 kommen jeden Monat hinzu. Mangelnde Verständigungsmöglichkeiten und Verhaltensweisen, die kaum tolerabel sind, bergen sozialen Zündstoff. Die Stadt arbeitet an Lösungen. Sozialdezernent und Stadtdirektor Reinhold Spaniel im Interview über seinen Besuch der bulgarischen Botschaft in Berlin, über Dolmetscher und Integrationshilfen.

Wie stellt sich zurzeit das Problem mit den Zuwanderern aus Südosteuropa dar?

Man muss differenzieren. Kein Thema sind die qualifizierten Zuwanderer, beispielsweise rumänische Ärzte oder bulgarische Krankenschwestern. Probleme bereiten die Armutsflüchtlinge. In Duisburg sind dies überwiegend Roma, die meisten unqualifiziert, viele Analphabeten. Das schafft Probleme im Zusammenleben. Zum bundesweiten Symbol geworden sind die Hochhäuser in Rheinhausen, In den Peschen und Beguinenstraße. Mehr Roma aber leben in Hochfeld. Die Nachbar­schaften sehen sich überfordert. Leute sagen mir vor Ort: „Ich fühle mich nicht mehr sicher, ich lebe seit 60 Jahren hier und fühle mich nicht mehr zu Hause.“ Das hat mit rechtem Gedankengut nichts zu tun. Es ist völlig legitim, nachts um 3 Uhr schlafen und nicht von Versammlungen auf der Straße gestört werden oder keine Müllmengen im Vorgarten finden zu wollen.

Sie waren jetzt in Berlin bei der bulgarischen Botschaft. Was ergaben die Gespräche?

Ich habe mich darum bemüht, dass uns vernünftige Dolmetscher und Integrationshelfer vermittelt werden. Bezahlen würden wir die selbst. Man muss sehen, dass die Flüchtlinge, die hierher kommen, eine Art Kulturschock erleben, die verstehen die Welt nicht mehr. Da brauchen wir Scouts, die deren Sprache mächtig sind und die Zuwanderer mit der hiesigen Kultur vertraut machen.
Außerdem ging es um die Krankenversicherungen der Neuankömmlinge, den Abgleich mit dem staatlichen bulgarischen Krankenversicherungssystem. Jeder bis 18 und ab 65 Jahre ist in Bulgarien staatlich versichert, die Altersgruppe dazwischen aber nur, wenn auch Beiträge gezahlt werden. Wir möchten prüfen können, ob diejenigen, die keine Beiträge in die staatliche,bulgarische Krankenkasse zahlen, im Krankheitsfalle rückwirkend nachversichert werden können.
Zudem hoffen wir darauf, dass uns zwei bis drei bulgarische Polizeibeamte zur Verfügung gestellt werden können, damit wir uns auf diese Art Respekt verschaffen können.

Wie hat die Botschaft auf diese Bitten reagiert?
Man hat uns Hilfsbereitschaft signalisiert, auch wenn die Botschaft bei den hier auftretenden Problemen gerne von bedauerlichen Einzelfällen sprechen würde. Da bedarf es unsererseits schon einer gewissen Überzeugungskraft.

Dolmetscher und Integrationshelfer: Hätten Sie mit denen nicht auch schon vor einem Jahr zusammenarbeiten können?

Vor einem Jahr stellte sich das Problem nicht derart. Außerdem müssen wir klar sehen, dass es Angelegenheit der Vermieter ist, für Ruhe und Ordnung im Haus zu sorgen, und nicht die der Stadt.

Was hat sich an der Lage am Problemhaus in Rheinhausen verändert im Vergleich zum letzten Jahr?
Die Frequenz der Müll­entsorgung durch die Wirtschaftsbetriebe ist höher, die Präsenz von Polizei und Ordnungsamt ist stärker. Wir stoßen auf mehr Verständnis beim Vermieter. Wir konnten ihn überzeugen, dass er Vorteile davon hat, wenn er weniger Bewohner hat, die aber alle ihre Miete zahlen, statt viele, von denen die meisten nichts zahlen. Wir werden in den nächsten Tagen Umzüge für die ersten fünf bis zehn Familien vermitteln. Im Gegenzug hat Herr Barisic uns zugesagt, dass die frei werdenden Wohnungen dann verschlossen werden, im Notfall zugemauert. So wollen wir sukzessive mietfähige Familien herausziehen, das Problem entschärfen.
Zu guter Letzt gibt es zurzeit einen Sprecher der Zuwanderer, der klare Ansprachen an die Bewohner macht. Step by step geht es vorwärts.

Autor:

Lokalkompass Duisburg aus Duisburg

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