Schwindende Zuwendung, zunehmende Respektlosigkeit, Beispiele aus Ennepetal und Duisburg - Wie schön es doch wäre, käme Weihnachten endlich in den Herzen aller Menschen an

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Duisburg: Ennepetal |

Weihnachten, das Fest der Liebe. Als solches wird es gefeiert, sogar unabhängig von einer christlichen Verwurzelung. Und unsere Gesellschaft ist stolz auf den damit einhergehenden Anspruch der Mitmenschlichkeit. Aber die Wirklichkeit hält diesem Anspruch immer häufiger nicht stand. 

Gleichgültigkeit, Egoismus, Respektlosigkeit haben längst den Kampf mit der Wertschätzung des Mitmenschen aufgenommen und gewinnen zunehmend an Boden. 
Was schon vor Jahrzehnten als Spaßgesellschaft begann, mutiert zusehends zu einer Gesellschaft der Rücksichtslosigkeit, oftmals auch des Draufhauens, eines Gegenteils von Wertschätzung.


Dass auf Politiker schon lange verbal nur eingeschlagen wird, daran haben wir uns anscheinend schon gewöhnt. Jeder scheint es besser zu wissen, wie Politik betrieben werden muss.

Aber nicht nur Politiker, auch Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter und andere Berufsgruppen, die sich um Mitmenschen kümmern, sehen sich zunehmenden Anfeindungen und zunehmender Respektlosigkeit gegenüber.

BEISPIEL FEUERWEHR

Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr Ennepetal, hat jetzt einen Brandbrief auf Facebook veröffentlicht. Er beginnt:

"Als Leiter einer Feuerwehr trage ich Verantwortung. Für die mir anvertrauten Mitarbeiter und Kameraden. Vor allem aber trage ich Verantwortung für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger und für die Gäste meiner schönen Stadt. Und ich nehme diese Aufgabe sehr ernst. Sie bestimmt mein Leben. 24 x 7 x 365. Wir stellen den Brandschutz sicher, wir leisten technische Hilfe, WIR sind der Rettungsdienst. Wir retten, löschen, bergen, schützen. Riskieren unseren Arsch. Sind für viele zu langsam, zu laut, zu wichtigtuerisch. Verschwenden Steuergelder. Lassen uns manchmal beschimpfen, beleidigen, ja sogar bedrohen oder schlagen. Ist halt so. Ich habe gelernt: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“. 

Zu Volkes Stimme in den sozialen Medien schreibt Schacht, er zweifle mehr und mehr am Intellekt und am Verstand seiner Mitmenschen.

"Es wird vermutet, dass die Feuerwehr gerne mal richtig übt und deshalb.... Da stellen Experten fest, dass die Feuerwehr (die Deppen) so langsam löscht, dass gleich auch die anderen Häuser brennen. Zitate gefällig: „Das nennt man Übung für die Feuerwehr. Quasi wie schnell sind wir am Brandherd, was können wir optimieren und trifft ja eh keinen Unschuldigen“ oder „Dafür wird man geweckt? Erstaunlich“ oder „ich hab besseres vorallem war ich bis vorhin am schlafen und mein Papa hat mich geweckt“ oder „Läuft da ne Feuerteufel Rum?“. Ok."

Die mangelnde Wertschätzung der Feuerwehr Ennepetal ist nur ein Beispiel. Auch andere Feuerwehren dürften ein Klagelied singen können.


BEISPIEL KINDER

Gerhild Tobergte, Leiterin des Kinderschutzbundes in Duisburg, wo fast jedes dritte Kind auf Hartz IV angewiesen ist, äußert sich in einem NRZ-Interview zur Kinderarmut jenseits finanzieller Nöte:

"Natürlich gibt es eine finanzielle Not in vielen Familien. Sicherlich, man kann die Armut bestimmten Lebensverhältnissen zuordnen: Langzeitarbeitslosigkeit, Alleinerziehende und kinderreiche Familie sind oft betroffen. Aber es ist eine unzulässige Verengung des Armutsbegriffs, wenn man ihn auf die ökonomische Seite fokussiert. Armut in der Gesellschaft ist viel mehr als nur wirtschaftliche Armut. Kinderarmut ist immer eine individuelle Armut. Und wenn wir nur versuchen die wirtschaftliche Armut in der Familie durch Finanzleistungen aufzufangen, ist es fraglich, ob das Geld bei Kindern ankommt. Es kann auch im nächsten Flachbildschirm landen oder sonst irgendwo. Das hat nichts mit Generalverdacht zu tun, sondern ist die Realität."

Kinderarmut sei für Tobergte spürbar "in der Zuwendung, in der Motivation und im Interesse für das, was die Kinder machen." Sie zitiert einen Schulleiter: "Wenn ein siebenjähriges Kind morgens alleine aufsteht, seine Sachen nimmt und in die Schule kommt, während die Eltern schlafen, dann muss ich das Kind loben, dass es überhaupt zum Unterricht kam." Als sie das erstmals gehört hatte, habe sie gedacht: "Arme Kinder. Das hat nichts mit Finanzen zu tun, wenn Eltern nicht morgens aufstehen und ihre Kinder für die Schule fertig machen. Da geht unserer Gesellschaft ein Stück Seele verloren.“
Tobergte zitiert weiter eine Grundschullehrerin: "Wir müssen schreien, damit die Kinder überhaupt merken, dass sie angesprochen werden, weil sie das von zu Hause gewöhnt sind." Tobergte schlussfolgert: "Meinen Sie, wenn ich diesen Eltern Geld gebe, schreien sie die Kinder weniger an?“

Die Leiterin des Kinderschutzbundes setzt auf Befähigungsgerechtigkeit: "Kein Kind darf aufgrund der sozialen Lage, in die es hineingeboren wird, Hemmnisse haben, die ihm entgegenstehen, um Fähigkeiten zu entwickeln. Das muss ein Kernanliegen der Gesellschaft sein. Aber das schaffen wir nicht, indem wir die Familien nur mehr finanziell unterstützen, sondern wir müssen mehr Hilfsangebote stellen mit einer gewissen Verbindlichkeit und mehr Sozialarbeit.
Ein Aspekt der Armut ist die fehlende Perspektive. Ich will die Notwendigkeit von Geld nicht leugnen. Und natürlich darf kein Kind hungrig in der Schule sitzen. Aber man muss die Eltern in die Pflicht nehmen.“


Beide Beispiele, Feuerwehr und Kinder, verdeutlichen den Verfall der Wertschätzung in unserer Gesellschaft, und das betrifft nicht nur persönlich fremde Menschen, sondern auch Familienangehörige. Und dass die Verantwortung für eine optimale Entwicklung eigener Kinder nicht nur auf Familien in prekären Verhältnissen beschränkt ist, davon kann man ausgehen.

Ennepetal und Duisburg sind womöglich überall.

Nebenbei

Zum Weihnachtsfest, zum Nikolaustag und Martinsfest äußert sich Gerhild Tobergte vom Duisburger Kinderschutzbund auf eine erfrischende Art und Weise:

Die Kinder bei uns "lernen, dass es ein Fest der Familie, der Liebe und des Friedens ist. Wir haben viele Kinder mit muslimischen Wurzeln und es wird heiß diskutiert, wie wir mit Weihnachten umgehen. Einige Ehrenamtler haben gesagt: Nikolaus, das können wir doch nicht mehr feiern. Daraufhin habe ich gesagt: Warum nicht?
Wir wollen niemanden missionieren. Der Nikolaus ist eine absolut vorbildliche Figur im menschlichen Miteinander. Und diese Kinder sind zu uns gekommen, in unsere Kultur. Ich sehe nicht ein, dass wir die Feste umfunktionieren. St. Martin ist St. Martin und kein Lichterfest, Weihnachten ist Weihnachten. Was kann man dagegen haben? Der Nikolaus als Symbolfigur ist etwas sehr Greifbares. Die Kinder sehen ihn in jedem Supermarkt aus Schokolade. Und dann sollen wir ihn nicht feiern? Wenn wir nicht unsere Kultur wertschätzen, wie sollen die Menschen, die zu uns kommen, sie dann schätzen?"

Wie schön es doch wäre, käme Weihnachten endlich in den Herzen aller Menschen an.
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23 Kommentare
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Jochen Czekalla aus Duisburg | 26.12.2017 | 09:53  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 26.12.2017 | 11:28  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 26.12.2017 | 11:44  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 26.12.2017 | 15:39  
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Peter Gross aus Bochum | 26.12.2017 | 16:46  
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Peter Gross aus Bochum | 26.12.2017 | 18:23  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 26.12.2017 | 21:56  
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Ulrich Achenbach aus Bochum | 26.12.2017 | 22:33  
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Peter Gross aus Bochum | 27.12.2017 | 12:43  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 27.12.2017 | 14:24  
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Peter Gross aus Bochum | 27.12.2017 | 14:31  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 27.12.2017 | 17:49  
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Peter Gross aus Bochum | 27.12.2017 | 18:07  
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Volker Dau aus Bochum | 30.12.2017 | 00:12  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 01.01.2018 | 18:08  
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Martina Janßen aus Hattingen | 01.01.2018 | 23:23  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 02.01.2018 | 23:01  
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Peter Gross aus Bochum | 03.01.2018 | 09:00  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 03.01.2018 | 09:16  
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Peter Gross aus Bochum | 03.01.2018 | 10:48  
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Martina Janßen aus Hattingen | 03.01.2018 | 14:16  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 03.01.2018 | 14:40  
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Martina Janßen aus Hattingen | 03.01.2018 | 16:27  
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