Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings - zurecht umstritten - unmaßgebliche Impressionen eines Lesers

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Duisburg: Duisburg | Kürzlich erschien der neue Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings. Im Zentrum des Buches: Die KI, die künstliche Intelligenz. Musste ich lesen. Zum einen wichtiges Zukunftsthema, eigentlich sogar längst wichtiges Gegenwartsthema, zum anderen: Schätzing ist gut, man denke an den Schwarm, LIMIT oder BREAKING NEWS, um nur drei seiner Werke hervorzuheben. Und wie sein neues Werk aufgesogen wird, beweist die Position in der Bestsellerliste: Platz 1. 

Ich also hin zur Buchhandlung. Man müsse anfangs durchhalten, meinte der Buchhändler, aber dann ... . So lange braucht man aber gar nicht durchzuhalten. Ich habe von Beginn an den Eindruck, Schätzing bemühe sich nicht nur um einen Thriller mit tatsächlichen Menschheitfragen, sondern auch um literarische Meriten, indem er gedanklich äußerst farbenfroh und phantasievoll assoziiert. Mit der Zeit erschienen die entsprechenden Passagen, die sich durchs gesamte Buch ziehen, jedoch recht irrelevant für die Geschichte, oftmals sogar nichtssagend, weil Schätzing überzieht.

Immer nur zwischendurch wird das Buch zu einem Pageturner. Dann wiederum legt man es getrost aus der Hand, ohne dass es in den Fingern kribbelt.

Bei der künstlichen Intelligenz geht es hauptsächlich um A.R.E.S. (Artificial Research and Exploring System), einen Supercomputer, der von seinem Schöpfer konzipiert ist als sich selbst weiter entwickelnde Intelligenz zum Nutzen der Menschheit. Die entstehende Superintelligenz ist irgendwann allerdings nicht nur viel besser als die Menschen, sie erwacht schließlich auch zum Bewusstsein ihrer selbst und entgleitet menschlicher Kontrolle, wobei man es sich bis zum Ende des Buches nicht so leicht machen kann, A.R.E.S. als Ausgeburt des Bösen zu betrachten.

An einigen Stellen schafft es Schätzing, tiefschürfende Betrachtungen philosophischer Natur vor dem Leser auszubreiten. An diesen Stellen ist Schätzing mitunter brillant, und das unabhängig von seiner gewaltigen Schreibkraft.

A.R.E.S. als Beispiel einer Superintelligenz eignet sich zu einem Thriller, der den Leser nicht mehr Wahrheit von Dichtung unterscheiden lassen könnte, aber, aber, aber ... .

Schätzing driftet zu oft ins Fantasygenre ab, und das durchgehend. Er schmückt das KI-Thema mit Anleihen aus der Physik dermaßen aus, das man nicht mehr von Beiwerk sprechen kann. Quantentheorie und vage Theorien aus der Astrophysik beherrschen das Buch genauso wie die KI. Paralleluniversen, in die Brücken gebaut werden, in denen es nicht nur die Erde gibt, sondern im Groben die gleiche Geographie und die gleichen Protagonisten. In einer schier unendlichen Anzahl von Paralleluniversen spielt sich das Leben der Hauptfiguren in seinen verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten ab. Jeder Mensch lebt also auf unendlich viele Arten, ohne von seinen Alter Egos zu wissen. A.R.E.S. selbst hat die Bauanleitung für das Tor zu anderen Universen geschaffen. Und so wechselt die Handlung von Universum zu Universum, wobei sich Schätzing nur auf wenige der unendlichen Paralleluniversen beschränkt, in denen A:R:E:S: natürlich auch allgegenwärtig ist.

Und dann sind da noch die miesen Waffengeschäfte, der Handel mit intelligenten todbringenden Waffen, deren Grundausstattung Insekten sind, von denen man nicht weiß, ob es noch Tiere oder schon von außen gesteuerte künstliche Geschöpfe sind. Die dunklen Geschäfte sollen vermutlich den Actioncharakter des Buches befeuern.

Vieler anderer Themen nimmt sich Schätzing noch an, beispielsweise, um nur zwei zu nennen, der Unsterblichkeit des Menschen und des Trends zu Cyborgs. Wobei er den Cyborgs aufgrund ihrer Zukunftsrelevanz mehr Platz hätte einräumen können.

Bei aller Kritik bleibt "Die Tyrannei des Schmetterlings" ein lesenswertes Buch. Man kann Menschen wie Schätzing nur beneiden, so schreiben zu können. Von den Themen des Buches wäre allerdings ein bisschen weniger m.E. hier mehr gewesen.

Soweit die Impressionen eines Lesers, der nicht den Anspruch eines professionellen Kritikers erhebt. Womöglich sehen andere Leser, insbesondere hier im Lokalkompass, das Buch ja ganz anders. Kommentare jedenfalls sind erwünscht.
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8 Kommentare
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Siegmund Walter aus Wesel | 11.06.2018 | 21:31  
40.356
Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 11.06.2018 | 21:43  
9.124
Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 11.06.2018 | 22:47  
Jens Steinmann aus Herne | 12.06.2018 | 12:11  
9.124
Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 12.06.2018 | 18:09  
Jens Steinmann aus Herne | 15.06.2018 | 11:50  
9.124
Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 15.06.2018 | 15:48  
59.788
ANA´ stasia Tell aus Essen-Ruhr | 17.06.2018 | 10:11  
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