Auf dem Weg ins Dunkel

...Röslein auf der Heide...

Die zwei Frauen, eine alte und eine jüngere, treten zögernd in das Krankenzimmer auf der Inneren. Die alte Frau stützt sich schwerfällig auf ihren Stock. Sie geht langsam, so, als müsse sie sich zwingen. Das Krankenzimmer ist fast leer, nur ein Bett steht darin, der restliche Raum ist kahl und unfreundlich.
Die alte Frau hat mit einem Blick das ganze trostlose Zimmer erfasst, und ihr Gang wird noch schwerer.

Dann endlich, über die Breite des Zimmers hinweg, wagt sie einen Blick auf die Frau, die regungslos auf einem Stuhl neben dem Bett am Fenster sitzt und leise vor sich hin pfeift.

Grete. Ihre Schwester. Ihre jüngere Schwester Grete.

Die ungekämmten, grauen Haare erinnern ein bisschen an Einstein. Ihr magerer Körper steckt in einem blauen Jogginganzug und das weiße T-Shirt darunter ist fleckig. Nackte Füße in gesunden Schuhen.

Jetzt hebt sie den Kopf und schaut aufmerksam zur Türe. Leise fängt sie an zu singen. Sie hat eine wunderschöne, klare, helle Stimme: "sah ein Knab ein Röslein steh'n, Röslein auf der Heide..."
Dann verstummt sie, und ein glückliches Lächeln huscht in ihre Augen:

"Anna!"

Anna beugt sich schwerfällig über ihre Schwester, streichelt ihre Haare und sagt: "Grete, was machst du nur für Sachen."

"Ich bin in England". Ein bisschen unsicher, als könne sie es selber nicht glauben, deutet Grete mit der Hand einen kleinen Bogen an, "siehst du ja!"

Anna fährt zurück, und die jüngere Frau legt ihr die Hand auf den Arm: "Mutter!"
Anna kann und will nicht begreifen, dass das Gehirn ihrer Schwester nicht mehr funktioniert. Schon seit Jahren will sie sie aufrütteln, sie zum Spielen animieren, zum Denken, Bilder zu gucken oder Musik zu hören. Man muss doch dagegen an kämpfen!

Anna hat sich wieder gefasst. Grete lächelt vage an ihr vorbei.
Dann: "Weißt du eigentlich, wo ich hier bin?" und mit einem Blick aus dem Fenster: "guck mal, da ist das Schwesternwohnheim!"

"Du bist gefallen", sagt Anna, "du musstest ins Krankenhaus."

"Was gibt es Neues?"

"Nichts Neues."

"Wie geht es Oma?" Wieder schnappt Anna nach Luft. "Oma ist doch schon seit 30 Jahren tot!"

"Und Willi?"
Diesmal antwortet die jüngere Frau: "Papa ist auch schon sehr lange tot."

"Was gibt's Neues?"

"Nichts Neues."

"Ich bin in England. - -
Ich weiß gar nicht, - wie bin ich eigentlich hierhin gekommen ...?" Ihr Blick heftete sich prüfend und plötzlich klar in die Augen der Nichte. - "Ich war aber schon mal in England, nicht?"

"Ja, zur Hochzeit. Mit dem großen Schiff. Und dein Walter war auch noch mit dabei. - Weißt du noch? - Was ihr für einen Spaß gehabt habt? Wie ihr gelacht habt?"

"Wie geht's Papa? Was macht Oma? -
Ich will nach Hause. Was soll ich denn hier? Ich bin doch gesund. Mir fehlt nichts. Und Walter kommt auch nicht. Ist der bei euch die ganze Zeit? Ich weiß gar nicht, warum der nicht mehr kommt..."

"Aber Grete, Grete! - Walter ist doch.... und du bist doch im Krankenhaus, weil du untersucht werden musst. Und die sind doch bestimmt alle lieb und nett hier. Noch dreimal schlafen, und du kannst wieder nach Hause. - Mein Gott, wie bei einem Kind..."
Anna stützt sich schwer auf ihren Stock. Die schwärzlichen Adern winden sich wie dicke Schlangen über ihren Handrücken. Anna keucht. Auch sie ist krank. Sehr krank sogar. Aber anders krank.

Unbeteiligt schaut Grete an Anna vorbei wieder aus dem Fenster: "Da ist das Schwesternwohnheim."

"Ja, Grete."

"Die sind alle richtig stur hier, find ich. Die sind nicht nett. -
Aber ich versteh ja sowieso nicht, was die sagen..."

"Wieso verstehst du die nicht?"

Gretes Blick fliegt zur Türe, und sie senkt die Stimme: "die sprechen doch alle englisch! - Meinst du, ich kann englisch?"

Es wird Zeit zu gehen. Anna kann nicht mehr. Es nimmt sie zu sehr mit. Sie legt ihrer Schwester zum Abschied noch einmal die Hand auf die Schulter und zupft unwillkürlich an der Joggingjacke, um die dicksten Flecken auf dem Shirt zu verdecken.

Grete schmiegt sich an Annas Hand und fängt wieder leise an zu singen.
Sie sind schon fast an der Türe, als Grete ruft: "und viele Grüsse an Willi und Oma! Und sag Walter, er soll endlich nach Hause kommen. Der soll nicht immer so lange bei euch bleiben!"

..."Röslein au-hauf der Heide..."

Foto: Lutz Stallknecht/ pixelio.de

Autor:

Christel Wismans aus Emmerich am Rhein

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