Wahre Weihnacht

Fröhliche Weihnacht & ein wahrhaft gutes 2015 !

Und wer noch keine Geschenke für seinen Schatz hat, vielleicht gibt folgende Story eine Anregung?

Wahre Weihnacht

“Schatz, diesmal schenken wir uns nichts zu Weihnachten, ja?“
„Okay.“
„Aber wirklich!“
Manfred dachte, dass sie letztes Jahr ebenfalls abgemacht hatten, sich nichts zu schenken. Dann lagen doch drei Päckchen von Helga unter den Baum.
Deshalb meinte er: „Ja, so wie letztes Jahr!“
„Du hältst dich aber dran?“
„Ich weiß eh nicht, was ich dir schenken soll.“
„Wie, du weißt nicht, was ich mir wünschen würde?“
„Schatz, du willst doch nichts, also bist du wunschlos glücklich.“
„Manni, lenk´ nicht ab!“
Er lachte: „Machen wir jetzt auf Loriot oder so?“

Das Telefon unterbrach die Szene. Meist wartete er, bis sie ans Telefon ging. Diesmal sprang Manfred erlöst auf: „Hallo Mutter!“
Manfreds Blick wechselte von erfreut nach überrascht, dann bekümmert.
„Was ist?“, warf Helga ein.
Manfred drückte das Mikroende des Telefons an seine Brust.
„Vater ist zusammengebrochen, das Herz!“
Helga gelang es, ihm das Telefon aus der Hand zu reißen: „Oh Gott, Mutter!“

Manfred ging in die Küche, holte sich ein Glas Wasser, kam zurück und lauschte.
„Einen Herzschrittmacher …?“ Helga blickte bedeutungsvoll in Richtung Manfred. „… wann? … haben sie noch nicht gesagt, aha.“

Es folgte eine lange Phase, in der Helga nur still zuhörte. Manfred wurde ungeduldig, stand auf, machte Zeichen, ihm das Telefon zu geben.
Helga schüttelte mürrisch den Kopf.
„Ja, Mutter, da müssen wir durch. Wir hatten uns so auf euch gefreut. Und Papa doch auf die Gans.“
Hermann dachte sich, sie mogelt gut.
„Sag mir Papas Telefonnummer im Krankenhaus … ja, sobald du sie weißt … tschüss, alles Liebe!“
Manfred blieb weiter stehen, wartete auf den Krankenbericht.
„Für uns zwei ist eine Gans zu viel.“
„Wann wird Vater operiert?“, unterbrach Manfred.
„Wir könnten Klaus und Irene einladen, die würden sich freuen.“
„Helga! Wann ist die OP!“
Die Beantwortung dieser Frage ließ auf sich warten, Helga wusste noch manch anderes auszudiskutieren.

Das Weihnachtsfest stand unaufschiebbar im Kalender und jetzt noch die OP des Vaters. Manfred wollte nicht drängen. Nur keine Hektik. Letztlich erfuhr er immerhin, dass die Ärzte wohl gleich operieren würden. Dann meinte Helga, Klaus und Irene besser sofort anzurufen.
Manfred wunderte sich: „Dir war doch der ganze Trubel zu Weihnacht immer zu viel …“
„Wer sagt das?“ Helgas Blick traf ihn wie ein Schwert.
Also lenkte Manfred ab: „Klaus und Irene können nun wirklich jede Weihnachtsstimmung zerstören. Er quatscht ständig über Politik, hat keine Ahnung aber zu allem eine Meinung – und Irene gibt ihm prinzipiell Recht.“
„Wir könnten Rommé miteinander spielen“, schlug Helga vor.
Manfred holte sich ein zweites Glas Wasser, hoffte ihr würde eine bessere Idee einfallen. Sie strahlte ihn an.
„Wir feiern in Ruhe ganz allein, nur wir zwei!“
„Und niemand muss die Geschenke kommentieren, die wir uns nicht geschenkt haben.“
In Helgas Kopf arbeitete es. Er konnte es deutlich erkennen.
„Du hast wirklich kein Geschenk für mich?“, fragte sie.
„Nein.“
„Gut so – ich auch nicht!“
Glücklich und zufrieden sieht anders aus, dachte Hermann.
„Es sind ja noch ein paar Tage hin bis Heiligabend.“
„Manni, wir haben ausgemacht, dass wir uns nichts schenken.“
„Stimmt!“

Damit glaubte Manfred, das Thema Weihnachtsgeschenke einvernehmlich gelöst zu haben. Helga blickte weiter weder glücklich, noch zufrieden.
Weihnachten ohne Eltern oder die Kinder zu feiern, das konnten sie sich früher nie vorstellen. Vielleicht schon mal heimlich gewünscht? Manfred war sich nicht sicher. Er erinnerte sich gut an einen Weihnachtsabend, als die Kinder noch im Hause waren, überall lag zerfetztes Geschenkpapier am Boden, Helga geriet mit seinem Vater über die Unzahl an Weihnachtsgeschenken und den eigentlichen Sinn des Festes in Streit. Dann beim Essen merkte jeder, dass die Gans ziemlich zäh war. Erst kauten sie still weiter. Bis Mutter erklärte, sie wären ja nicht wegen des Essens gekommen.
Später sagte Helga zu Manfred: "Nächstens feiert jeder für sich allein."
Es war bald wieder vergessen.

Die Zeit verflog schneller als gedacht. Manfred musste die Arbeit eines erkrankten Kollegen mit erledigen, Helga besuchte Vater in der Klinik oder telefonierte mit Mutter und natürlich mit allen Freundinnen, die ihr Mitgefühl innig und ausgiebig bekundeten.
Es blieb gerade noch ein Tag, um das Essen für den Heiligen Abend einzukaufen, Wiener Würstchen und Kartoffelsalat. Für zwei lohne sich der Aufwand eines Gänsebratens nicht und an den Feiertagen würden sie auswärts essen gehen. Auf Geschenke wollten sie ja diesmal verzichten.
Manfred schmückte wie immer den Baum.
Würstchen und Kartoffelsalat hatten sie noch nie zu Weihnachten. Manfred fand es praktisch, so gäbe es keinen Kochstress und keine Heucheleien, falls die Gans mal missriet. Laut Google-Recherche würden viele das Heiligabendessen so schlicht halten.
Helga meinte: „Die jungen Frauen können eben alle nicht mehr kochen.“
Manfred konterte: „Dann ist es ja gut, wenn sie sich nicht an einer Gans vergreifen."
"Über meinen Gänsebraten hat sich bisher niemand beschwert!“
Manfred wollte an die zähe Gans damals erinnern, besann sich aber.
„Natürlich, Schatz!“
Am Heiligen Abend aßen sie die Würstchen und den Kartoffelsalat vom Discounter ohne Kommentar. Vom Nachbarhaus her klang es vielstimmig "Zwei Engel sind hereingetreten".
Etwas einsam kamen sie sich jetzt doch vor, ohne Eltern, ohne Kinder.
Zur Mitternachtsmette gingen sie diesmal nicht, dafür früh zu Bett.
Helga räkelte sich, schlupfte unter Manfreds Bettdecke.
„Ist doch auch schön – nur wir zwei!“
Manfred lächelte, war nicht sicher, was er sagen sollte. So allein im Haus, ohne Weihnachtsgeschenke.
Also antwortete er: „Ja!“ Schob ein „Schatz“ nach.
Helga fragte: „Bist du traurig, dass du kein Geschenk bekommen hast?“
„Wie?“, fragte Manfred.
„Na weil wir uns doch diesmal nichts schenken.“
Er grübelte über die Botschaft hinter ihren Worten und meinte:
„Weißt du, Schatz, wenn man sich nichts schenkt, muss man keine Freude mimen, falls man sich was anderes vorgestellt hat.“
„Meine Geschenke fandest du doch immer schön!“
Manfred sah die glänzende Krawatte mit dem Plaisly-Muster vor sich, die sie ihm letztes Jahr geschenkt hatte. Er mochte keine glänzenden Stoffe, wollte lieber eine mit Schottenkaro aus Baumwolle.
„Mein Ring hat dir letztes Jahr auch nicht gefallen.“
Fast hätte er sich wegen des "auch" auf die Zunge gebissen.
Helga verteidigte sich: „Das habe ich nicht gesagt!“
„Gesagt nicht, du hast ihn seitdem nur nie getragen.“
„Gut, ich will ehrlich sein. Der Ring war schon recht unscheinbar. Und Smaragd steht mir nicht. Am liebsten mag ich Perlen oder Brillis, müssen ja nicht so groß sein.“
Manfred rätselte über ihre Worte, ermüdete dabei ein wenig.
Sie riss ihn aus dem Halbschlaf: „Du hast meine schöne Krawatte, die mit dem Plaisly-Muster, ebenfalls nie getragen!“
Jetzt war schonende Ehrlichkeit angesagt: „Die Krawatten, die du mir früher geschenkt hast, gefallen mir eben viel besser.“
Eine Weile herrschte Stille in dieser Nacht.
Dann flüsterte Helga: „Das schönste Geschenk ist ehrlich zueinander zu sein!“
Sie schmiegte sich näher an ihn. „Ich liebe Dich!“
Manfred musste nicht lange überlegen: „Ich auch!“

Bruno Woda, 2014

Autor:

Bruno Woda aus Emmerich am Rhein

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