Şahin Aydın erforscht Schicksale mutiger Ruhrstädter: Zu ihnen gehört auch der Essener Dr. Nathan Rosenberg

Ein Blick zurück ins Jahr 1928: Die Kanzlei Dr. Rosenberg in Essen mit allen Mitarbeiter/innen. Foto/Quelle: Sammlung Şahin Aydın
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  • Ein Blick zurück ins Jahr 1928: Die Kanzlei Dr. Rosenberg in Essen mit allen Mitarbeiter/innen. Foto/Quelle: Sammlung Şahin Aydın
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Das Forschervirus hat ihn gepackt. Kein Tag, an dem der 49-Jährige nicht unterwegs ist in Sachen Heimatforschung. An dem er nicht in Archiven nach Quellen sucht, per E-Mail Kontakte zu Zeitzeugen knüpft oder im Austausch mit Historikern nach neuen Erkenntnissen forscht. Die wechselvolle Zeit der Weimarer Republik und der NS-Terror, das ist es, was ihn besonders interessiert. Und die Schicksale jener Menschen, die nicht in den Geschichtsbüchern zu finden sind.

Jetzt hat sich der 49-jährige Bottroper an die Spuren von Dr. Norbert Nathan Rosenberg geheftet. Der Rechtsanwalt und Notar wurde am 9. Januar 1869 in Essen geboren. Nach dem Studium eröffnete der 1897 als Rechtsanwalt in Essen zugelassene Rosenberg eine Kanzlei im Lichtburg-Gebäude am Burgplatz.
Der Lokalhistoriker ist tief in die Familiengeschichte der Rosenbergs eingetaucht und dabei auf viele offene Türen gestoßen. "Das hat vielleicht auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun", verrät er im Gespräch mit dem Stadtspiegel. Denn Sahin Aydın wurde 1968 als Kurde in der Türkei geboren. Mit fünf Jahren kam er mit seiner Familie zunächst nach Gronau, wo er aufgewachsen ist. Seit 1999 lebt er in Bottrop.

Auf einen Tee beim Mitarbeiter des jüdischen Friedhofs

Dass sich jemand, der nicht in Deutschland geboren, nicht unmittelbar Teil der Geschichte ist, so intensiv mit dieser auseinandersetzt, fand man in vielen Institutionen und Einrichtungen spannend. "Ich habe auf dem jüdischen Friedhof auf dem Parkfriedhof in Huttrop nach dem Grab Norbert Rosenbergs gesucht", erinnert sich Sahin Aydın. "Der zuständige Mitarbeiter hat mich sofort gefragt, warum gerade ich zu diesem Thema forsche. Meine Antwort war wohl überzeugend. Denn am Ende hat er mich immer auf einen Tee eingeladen, wenn ich vor Ort war."

"Als Ausländer spreche ich vielleicht automatisch nicht richtig deutsch"

Allerdings gibt es auch Vorbehalte in Historikerkreisen. "Ich hatte auch schon das Gefühl, dass mich einige belächeln. Vielleicht weil sie glauben, ich bin Ausländer und spreche deshalb automatisch nicht richtig deutsch." Sicherlich sei Kurdisch seine Muttersprache, räumt der 49-Jährige ein. "Aber ehe ich etwas veröffentliche, gehen meine Texte immer noch einmal an einen Zweitkorrektor, um mögliche Fehlerquellen auszuschließen. Aber das tun deutsche Lokalhistoriker sicher auch." Entmutigen lässt sich der 49-Jährige durch derartige Vorbehalte in seinem Engagement jedoch nicht.

Flucht vor den Nazis nach Uruguay - Infos aus Montevideo

Zuletzt hat Aydin die letzte noch lebende Nachfahrin des Essener Rechtsanwalts ausfindig gemacht. Die Enkelin der Rosenbergs lebt heute in Tokio. Die Deutsche Botschaft in Uruguay, dorthin sind die Eheleute Rosenberg 1939 vor den Nazis geflohen, ihr Sohn ist bereits 1936 dorthin ausgewandert, hat dem kurdischen Lokalhistoriker eine Menge Informationen geliefert und Dokumente für seine politische Biografie zur Verfügung gestellt. Ebenso die Jüdische Gemeinde in Montevideo. Und auch die jüdische Gemeinde Essen, das Stadtarchiv und das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Heildeberg sowie das Landes- und Bundesarchiv waren bei der Aufarbeitung der Geschichte des Juristen und seiner Familie sehr kooperativ und hilfreich.

Rechtsanwalt vertrat Angehörige der Ruhrkampf-Revolutionäre

"Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde es relativ schnell schwer für Rosenberg, seinen Beruf auszuüben", weiß Aydin. Die faschistischen Machthaber begannen sofort, „Belastungsmaterial“ gegen den jüdischen Rechtsanwalt, der in Essen Vorsitzender und lange Zeit Vorstandsmitglied der Deutschen Friedensgesellschaft war, zusammenzutragen. Dass Rosenberg als Rechtsanwalt unter anderem Angehörige der Revolutionäre des Ruhrkampfes vertrat, machte ihn für die Gestapo verdächtig. "Als Jurist hat er eine Menge für diese Menschen erreicht", weiß Aydin. Als Rechtsbeistand der Witwe des Revolutionärs und Bergmanns Alois Fulneczek aus Bottrop beispielsweise, der im Februar 1919 von einem Freikorps-Lichtschlag-Soldaten im Gerichtsgefängnis der Nachbarstadt erschossen wurde. Ihr verhalf er vor dem Reichsgericht in Leipzig zu ihrem Recht. Der zunächst namenlos verscharrte Fulneczek wurde umgebettet und schließlich neben anderen Revolutionären des Ruhrkampfes begraben. Seine Witwe erhielt eine Rente.

Zulassung entzogen - Kanzlei am Burgplatz zerstört

Die Konsequenzen aus diesem Engagement ließen nicht lange auf sich warten. Am 25. August 1933 entzogen die Nationalsozialisten Dr. Rosenberg das Notariat, fünf Jahre später, am 30. November 1938, auch die Zulassung als Rechtsanwalt.
"In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde die gemeinsame Kanzlei von Dr. Nathan Rosenberg und Rechtsanwalt Dr. Westfeld zerstört und von da an auch boykottiert", weiß Aydin.
Mit seiner Abhandlung über den jüdischen Rechtsanwalt und Friedensaktivisten legt der Lokalhistoriker eine weitere Ausarbeitung seiner historischen Forschungen von vergessenen aktiven politischen Menschen aus dem Ruhrgebiet vor, die in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches lebten.

Şahin Aydin: Zur Erinnerung an den Essener Rechtsanwalt Dr. Rosenberg - Eine politische Biografie
ISBN: 978-3-7439-8479-0, Preis: 9,90 Euro 

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