Heimat hat Konjunktur - Museumschef wirft bei Maienmahlzeit in Borbeck einen spannenden Blick aufs Ruhrgebiet

Prof. Dr. Heinrich Theodor Grütter
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Heimat hat Konjunktur. Prof. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, legt sich da fest. Und macht das nicht nur an der Einrichtung der Heimatministerien in Land und Bund fest. "Es gibt einen echten Hype", so der Historiker, der seit 2012 das Museum auf Zollverein leitet. In seinem Vortrag am Abend der 34. Borbecker Maienmahlzeit im Saal der Dampfbierbrauerei ging es um den Versuch einer Definition.

"Unter der NS-Diktatur galt es, die Blut- und Bodenheimat zu verteidigen", so Grütter. Kein Wunder, dass es der Heimatbegriff im neuen Deutschland schwer hatte. "Er widersprach dem Bild einer weltoffenen Bundesrepublik." Je größer die Distanz zu der Zeit, desto mehr rückt der Begriff allerdings in den Fokus.

Heimat ist kein statischer Begriff

Doch was ist Heimat? "In jedem Fall kein statischer Begriff", so Grütter. "Jeder von uns hat mehrere Heimaten, die manchmal sogar miteinander konkurrieren." Mit jedem Umzug, so der Historiker, veränderte sich das, was für uns Heimat ist. Biografie und Gesellschaft üben Einfluss aus und natürlich spielt die Zeit eine Rolle, in der wir leben. Exemplarisch fest machte Grütter dies am Ruhrgebiet. "Zum einen haben die Menschen hier einen besonderen Bezug zur Heimat, zum anderen beschäftigt uns der Begriff aktuell in zunehmendem Maße. Denn am 21. Dezember endet mit der Schließung der letzten Tiefbauzeche im Revier eine Ära."
Dann ist der Bergbau hier nicht mehr lebendige Gegenwart, sondern Vergangenheit. Warum gerade Kohle und Stahl den Heimatbegriff der Menschen im Ruhrgebiet prägen, liegt laut Grütter vor allem an den persönlichen Erinnerungen, die jeder Einzelne damit verbindet. "Und zwar mit solchen, die aus dem Zeitraum zwischen dem Beginn der Kohlekrise 1958 bis heute stammen." Nachbarschaft, Wohlstand, Kameradschaft, Stolz und Verlässlichkeit, aber auch Tauben und Karnickel seien die tragenden Säulen. Ein verklärter Blick zurück? "Heute, wo die Feuer in der Nacht nicht mehr brennen, zerfällt die Einheit. Einigen geht es gut, in anderen Gesellschaftsschichten macht sich Depression breit." Doch das Revier hat sich auch zum Positiven verändert. Es ist grüner, neue Branchen bieten Menschen Arbeit und Lohn.

Phantomschmerz nach Zechensterben

Dass der "Phantomschmerz" über das Ende des Bergbaus, Zechenschließungen und den Rückbau von Fördertürmen erträglich bleibt, darin sieht der Museumsdirektor einen großen Verdienst der Internationalen Bauausstellung IBA-Emscherpark. "Die Abrissprozesse der 1970- und 80-er Jahre wurden beendet, Relikte des Industriezeitalters blieben erhalten und werden heute als soziokulturelle Zentren genutzt wie die Zeche Carl, bieten Raum für Kultur wie die Jahrhunderthalle oder sind Kulisse für regionale Start-ups." Der Erhalt sei jedoch mehr als die Befriedigung des Wunsches nach falscher Nostalgie. "All diese Dinge bedürfen einer Erklärung, damit sich ihre ursprüngliche Bedeutung auch für nachfolgende Generationen erschießt", forderte Grütter, der "sein" Museum auf Zollverein als Heimatmuseum neuen Typs verstanden wissen möchte.

Fußball und Heimat: Oh, RWE

Was im Revier noch eng mit dem Begriff Heimat verbunden ist, machten anschließend Georg Schrepper und seine Mitstreiter deutlich. Sie zogen musikalisch die Verbindung zwischen Heimat und Fußball. Mit RWE-Songs. Womit sonst.

Text: Christa Herlinger 

Autor:

Lokalkompass Borbeck aus Essen-Borbeck

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