Inflation: Der größte Feind des Anlegers?

Die expansive Geldpolitik der Notenbanken sowie die ausufernde Staatsverschuldung könnten über kurz oder lang die Inflation noch weiter in die Höhe treiben. Vor allem Anleger, die einen langfristigen Vermögenszuwachs anstreben, können daher schon jetzt beginnen, sich gegen eine hohe Teuerungsrate abzusichern.

„Die Inflation ist tot, sie ist so tot wie ein rostiger Nagel“, erklärte 1968 der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller. Ein Irrtum, wie sich nur fünf Jahre später herausstellte; bereits im Jahr 1973 kletterte die Teuerungsrate auf fast 8 Prozent. Nicht nur für Sparer, die einen finanziell unbeschwerten Ruhestand genießen möchten, ist eine solch hohe Inflation ein Alptraum. Denn es ist ein wahrhaft schleichendes Gift, das die Teuerung versprüht. So führt eine Inflationsrate von „nur“ 3 Prozent schon in neun Jahren dazu, dass ein Geldvermögen rund 25 Prozent seiner Substanz verliert. Und eine Teuerungsrate von 7 Prozent vernichtet nach 15 Jahren bereits zwei Drittel des Geldwertes.

Zwar ist es eher unwahrscheinlich, dass die Preise in den kommenden Jahren erneut so rasant ansteigen werden. Möglich ist dieses Szenario aber dennoch. „Es ist nicht auszuschließen, dass die Inflation in den kommenden Jahren eine Rate von 4 Prozent aufweisen wird. Und: Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Teuerung – sobald sie Fahrt aufgenommen hat – zeitnah und kräftig ansteigen kann; dann also auch Inflationsraten von 6 Prozent und höher möglich wären“, erklärt Heinrich Bayer, Volkswirt der Postbank, im Gespräch mit ruhestandsmonitor.de. Sollte sich die Euro-Schuldenkrise jedoch weiter zuspitzen, sei laut Experte Bayer auch eine Deflation möglich.

Billiges Geld könnte Inflation beflügeln

Nach Argumenten, weshalb die Inflation mittelfristig kräftig zulegen könnte, muss nicht lange gesucht werden. Problematisch ist zum einen die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) – und zwar nicht nur, weil dadurch eine Menge Liquidität in das System gespült wird, sondern auch, weil Anleger dazu ermuntert werden, ihre Ersparnisse in höher rentierliche Anlagen wie etwa Rohstoffe umzuschichten, wodurch der Teuerung ein zusätzlicher Schub verliehen wird.

Bauschmerzen bereitet auch die enormen Liquiditätsspritzen, die die EZB den Märkten zur Bekämpfung der Krise zur Verfügung stellt. So haben die Währungshüter allein zwischen Dezember 2011 und Februar 2012 zwei Drei-Jahres-Tender begeben, die von den Geschäftsbanken genutzt wurden, um sich für einen Zinssatz von 1 Prozent rund 1 Billion Euro zu leihen. Gelingt es der EZB nicht, die überschüssige Liquidität rechtzeitig einzusammeln, könnte die Inflation rasant zulegen. Schließlich klettert über kurz oder lang der Preis für Güter, wenn einer steigenden Geldmenge keine auf vergleichbarem Niveau steigende Menge von Gütern gegenübersteht.

Inflation von über 3 Prozent möglich

Noch ist die Inflation zwar weit von dem Niveau der 1970er Jahre entfernt. Fakt ist jedoch, dass die Teuerungsrate in der Eurozone, die im April 2,6 Prozent betrug, bereits seit Ende 2010 über den von der EZB angestrebten Referenzwert in Höhe von „nahe, aber unter 2 Prozent“ verharrt – und auch in den kommenden Jahren den anvisierten EZB-Wert übertreffen könnte. „Ab 2014 könnte eine 3 vor der Inflationsrate stehen “, so Christoph Weil, Volkswirt der Commerzbank. Experte Bayer geht noch einen Schritt weiter: „Die Teuerungsrate könnte in den kommenden Monaten ein vergleichbar hohes Niveau aufweisen wie derzeit. Die Möglichkeit, dass die Preise allerdings noch weitaus stärker anziehen, ist nicht zu unterschätzen“. „Die größte Gefahr besteht darin, dass es der EZB nicht gelingen wird, das Geld wieder zügig einzusammeln, sobald die Konjunktur Fahrt aufnimmt“, fügt Experte Weil hinzu.

Währungshüter setzen ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel

Anders als die US-amerikanische Notenbank Fed, die ein doppeltes Mandat innehat, sollte die EZB ihren Fokus ausschließlich auf den Erhalt der Preisstabilität richten. Am ehesten führen Notenbanken mit einer Leitzinserhöhung die Geldmenge und somit auch die Inflation wieder auf das gewünschte Niveau zurück. Denn im Zuge höherer Zinsen steigt der Preis des Geldes und schrumpft die Liquidität. „Die EZB setzt derzeit ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel“, meint daher Volkswirt Weil. Schließlich liegt der Leitzins bereits seit Mitte 2009 mit 1,0 Prozent auf einem extrem niedrigen Niveau; lediglich Ende 2011 wurde der Schlüsselzins für kurze Zeit auf 1,5 Prozent angehoben.

EZB in der Zwickmühle

Wann EZB-Chef Mario Draghi die Geldschleusen schließt und den Leitzins anheben wird, ist fraglich. Angesichts der ausufernden Staatsverschuldung ist die EZB in einer Art Zwickmühle gefangen. Würde sie die geldpolitischen Zügel straffen, wären die Staatsschulden aufgrund der damit einhergehenden steigenden Zinszahlungen – allen voran für die Peripheriestaaten der Eurozone – noch weniger finanzierbar.

Erschwerend kommt hinzu, dass infolge höherer Zinsen die Gefahr besteht, den ohnehin schon schwachen Wachstumsmotor komplett abzuwürgen. Grund: Wird der Geldhahn zugedreht, müssten Verbraucher und Unternehmen für Kredite tiefer in die Tasche greifen. Ein schrumpfender Konsum, weniger Investitionen sowie sinkende Unternehmensgewinne wären die logische Konsequenz. „Vor 2014 wird die EZB wohl nicht den Leitzins anheben“, schätzt Bayer.

Schutz vor Kapitalverlust

Anleger, die ebenfalls einen kräftigen Anstieg der Inflation befürchten, haben verschiedene Möglichkeiten, sich gegen eine schleichende Geldentwertung zu schützen. Den ruhigsten Schlaf haben Anleger bei einem kräftigen Anstieg der Teuerungsrate sicherlich mit inflationsgeschützten Anleihen. Grund: Statt eines fixen Kupons, der während der gesamten Laufzeit regelmäßig gezahlt wird, ist die Verzinsung der sogenannten Linker an einen Verbraucherpreisindex gekoppelt. Dabei handelt es sich in der Regel um den harmonisierten Verbraucherpreisindex ohne Tabak (HVPI). Steigt dieser an, klettern auch der Kupon und der Rückzahlungsbetrag von inflationsgeschützten Anleihen.

Zudem belegen zahlreiche Studie, dass auch die eigenen vier Wände vor der Inflation geschützt sind. Ein Vergleich zwischen den zurückliegenden Inflationsraten und dem Immobilienindex von BulwienGesa bestätigt ebenfalls, dass sich Immobilien weitesgehend parallel zur Teuerungsrate entwickeln. So gingen beispielsweise die hohen Inflationsraten in den 70er, Anfang der 80er und 90er Jahre mit einem starken Anstieg des Immobilienindexes einher. Wer nicht in der finanziellen Lage ist, ein Eigenheim zu erwerben, kann sich breit gestreute Immobilienfonds genauer anschauen. Grund: Steigt die Inflation an, klettern mit zeitlicher Verzögerung auch die Mieteinnahmen. Rund 80 Prozent der gewerblichen Mietverträge sind an die Inflation gekoppelt.

Der Inflation ein Schnippchen schlagen

In Zeiten ansteigender Preise steuern Anleger zudem traditionell den sicheren Goldhafen an. Aufgrund seiner natürlichen Knappheit ist Gold anders als Papiergeld nicht beliebig vermehrbar – und gilt daher als wertstabiles Gut. Schon in den 70er Jahren stellte Gold seine Qualitäten als Krisenwährung unter Beweis. Während die beiden Ölkrisen die Inflation auf rund 8 Prozent katapultierte, versiebenfachte sich parallel dazu der Goldpreis – und erklomm Anfang der 80er Jahre mit rund 850 US-Dollar je Unze einen neuen Höchststand.

Auch die Risikoanlage Aktie ist in puncto Inflationsschutz ein wirksames Gegengift – vorausgesetzt, die Teuerungsrate nimmt nicht solch gravierende Ausmaße an, dass die Wirtschaft zum Erliegen kommt. Denn die Unternehmensanteile gehören zu den Sachwerten, mit denen die Geldentwertung im Normalfall aufgefangen werden kann. Teuerungsraten von 4 bis 5 Prozent sind daher für die Aktienmärkte ohne Probleme zu verkraften. Jenseits dieser Marke wird es jedoch selbst für die besten Papiere schwierig. Grund: Die Inflation treibt über steigende Zinsen auch die Kreditkosten der Unternehmen in die Höhe.

Möglichkeiten, sich gegen eine hohe Inflation zu schützen, sind also durchaus vorhanden. Allerdings sollten Anleger – ganz gleich ob eine Inflation oder Deflation droht – niemals ihre gesamten Ersparnisse in einer Anlageklasse investierten. Das Wichtigste sei, dass die Risiken auf viele Schultern verteilt und daher die Anlagen breit gestreut werden, meint auch Experte Bayer.

Autor:

Fabian Grün aus Essen-Kettwig

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