Eine Rundfahrt mit dem Bürgerbus

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Wo: Hauptstraße , Essen auf Karte anzeigen

Zum 10-jährigen Jubiläum wird am kommenden Donnerstag groß gefeiert, mit Festakt und Tamtam. Im Mai 2002 nahm der Kettwiger Bürgerbus seinen Dienst auf. Grund genug für den Kettwig Kurier, mal wieder eine Tour mit dem Bürgerbus zu unternehmen. Vom Kettwiger Markt ging es bis nach Ickten, den Schmachtenberg hinauf und sogar über die Ruhr rüber nach vor der Brücke. Bestens kutschiert und aufs Genaueste informiert wurde der Kurier von Fahrer Hartmut Ketteler, der mit Bierruhe und einer ansteckend-fröhlicher Gelassenheit seine Kettwiger Runde drehte. Kaum gesessen und schon angesprochen! Im Bürgerbus ist man nicht lange allein. Und hier darf man auch während der Fahrt mit dem Fahrer sprechen...Wer da so alles mitfährt, welche Ecken knifflig sind, erfahren Sie hier.

„Hallo, ich möchte eine Runde mitfahren, bitte.“ Hartmut Ketteler lächelt freundlich, hilft aber zunächst der älteren Dame in den Bus, faltet ihren Rollator zusammen, stellt ihn sicher ab. „So, junger Mann, das macht ein Euro fuffzig…“

Dann geht sie los, die verwegene Fahrt durch Kettwigs Randgebiete, die leider nicht von den gängigen Buslinien angedient werden. Und deswegen und genau da springt der Bürgerbusverein seit zehn Jahren ein. Hartmut Ketteler ist übrigens auch schon seit 2005 dabei: „Echt, sieben Jahre schon? Wie die Zeit vergeht…“ Überhaupt, so ein regelmäßiger Dienst im Bus macht ihn zum Zeitzeugen: Wir sehen ja unsere Fahrgäste im Laufe der Jahre älter werden, plötzlich kommen sie mit einem Krückmann, dann gar nicht mehr…“

Ein Stammgast besteigt das Gefährt, etwas wackelig, aber zielstrebig bis zum gewohnten Platz in der letzten Reihe. “Wenn ich heute noch könnte wie früher...Ich war immer sehr verwegen!“ Edith Philippsen ist 90 Jahre alt, nimmt auf ihrem Weg vom Kettwiger Markt zur Icktener Heimat natürlich das tolle Angebot wahr. Und ist gesprächig: „Bis 85 bin ich noch selbst Auto gefahren, das geht nun nicht mehr.“ Frau Philippsen berichtet von ihrer Kindheit in Ostpreußen, der Flucht - „am 20.Januar 1945 sind wir abgehauen“ – und ihrem abwechslungsreichen Leben. Seit zwölf Jahren lebt sie nun in Kettwig, ist froh, dass es dieses Angebot gibt: „Bei uns ist ja nichts los!“ Da muss ihr Ketteler Recht geben: „In Ickten und auch im Schmachtenbergviertel fehlt gänzlich die Infrastruktur. Und da die Leute mit ihren Häusern alt werden, brauchen sie Unterstützung. Und diese Hilfestellung geben wir gerne.“ Das mit der Hilfe ist auch so gemeint, die Hand reichen, die Einkaufstüten in den Bus hieven, das ist Ehrensache. Und auch Ehrenamt, versteht sich. Selbstverständlich stellen alle Fahrer ihre Zeit kostenfrei zur Verfügung. Hartmut Ketteler sieht sich da nicht im Minus: „Unsere Fahrgäste sind alle sehr höflich und zuvorkommend. Man kriegt also auch was wieder!“ Die Kettwiger stehen „ihrem“ Bus positiv gegenüber, grüßen, winken dem Fahrer zu. Doch dann gibt es Ärger. Die vielen Falschparker gehen auf die Nerven. „Der ist doch nicht zu retten!“ Da parkt wieder einer ausgangs der Strängerstraße, quasi mitten auf der Kreuzung. So was von unsozial. Dazu noch ein entladender LKW, das gibt Nervenkitzel für die Mitreisenden. Denn nun hat der Chauffeur Millimeterarbeit zu verrichten. Doch dies ist nur ein schaler Vorgeschmack. Denn jetzt geht’s nach Ickten – und es wird eng! „Lassen Sie uns im Tal raus?“ Klar doch, allerdings? Frauchen ist schon ausgestiegen, doch ihr Hund will nicht so recht. Liegt platt auf dem Boden, war schon eingeschlummert, schnarchte fröhlich. Und nun wird er so barsch geweckt? „So, Vinzent, beweg dich endlich, ab, ab!“ Ein Gast meint nur trocken: „Der will gar nicht raus…“ Auch dazu hat Ketteler eine Anekdote zu bieten: „Ich sollte mal jemanden mit seinem Hund zum Tierarzt kutschieren, sollte aber nicht direkt davor halten. Sonst wäre das Tier nämlich nicht aus dem Bus ausgestiegen!“ Weiter geht es zwischen hohen Hecken durch, auf ein blühendes Feld zu. Doch jetzt geht’s scharf um die Kurve, am Neubaugebiet vorbei, eine kleine Verschnaufpause, dann wieder zurück. Auch hier gibt es kurze Blicke in wunderschöne Gärten zu erhaschen, zurück am Bürgermeister-Fiedler-Platz ist ein Fahrgast in heller Aufregung: „Ich dachte schon, Sie wären an mir vorbei gefahren.“ Fragende Gesichter, Herr Ketteler hat die Lösung: „Das war unser alter Bus, der fährt mittags immer die KiK-Kinder nach Mintard!“ Eigentlich ist immer gute Stimmung im Bus, doch die Tour mit der „Rasselbande“ ist eine besondere: „Da kommt sofort Leben in die Bude!“ Jetzt geht es aufwärts, den Schmachtenberg rauf. Auch hier gibt es ganz enge Kurven. „Wenn man diese Ecken nicht kann, darf man auch nicht Bürgerbus fahren.“ Ein Gespräch über Jugendkultur und deren Sprache entspinnt sich: „Die können doch gar keine ganzen Sätze mehr!“ Die Gesprächspartnerin ist angekommen, wird fast in ihrem Wohnzimmer herausgelassen. Ein paar Meter weiter winkt ein Mann hektisch, fuchtelt mit einer Tüte. „Der will noch kurz seinen Müll wegbringen“, weiß Ketteler, wartet auf diesen Fahrgast: „Wir haben doch Zeit!“ Überhaupt, drei Stunden dauert solch ein Dienst, „das reicht auch, sonst lässt die Konzentration nach.“ Und da versteht der Ehrenamtler keinen Spaß: „Man hat ja auch Verantwortung!“ Bergauf, bergab geht es durchs Viertel, die Straße ist nicht die allerbeste, der Bus hoppelt kräftig. Wieder zurück vorm Rathaus warten schon Kollegen vom Bürgerbus Mülheim-Styrum, die sich mal ein Bild machen wollen. In vor der Brücke glänzt Hartmut Ketteler mit einer eleganten Kehre, kurz vorm Kornfeld. „Hier gibt es seit zwei Jahren Dauer-Baustellen, echt schwierig.“ Zur alten Fähre wartet Vereins-Geschäftsführer Jürgen Dusse, der Kollegen und Gäste fröhlich begrüßt. Die Ablösung! Jetzt noch eine letzte Kurve, an der Haltestelle ausgestiegen, exakt 57 Minuten sind vergangen. Schön war’s bei Hartmut Ketteler und seinem Bürgerbus!

Hartmut Ketteler

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