Jason Bartsch und das Ensemble Ruhr im Stadtbauraum Gelsenkirchen
Mit Haydn auf der Parkbank

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mit dieser scheinbar lapidaren Feststellung Wittgensteins beginnt Jason Bartsch den Abend am vergangenen Mittwoch im Stadtbauraum Gelsenkirchen. Der Fall ist auch, dass sich das Ruhrgebiet Ende Dezember nach über 100 Jahren von der Kohle verabschiedet.
Schicht im Schacht also. Fast wirkt Bartschs Einstieg da wie eine Entschuldigung. Unter dem Motto „Äcker“ nehmen sich der Slam-Poet und das Ensemble Ruhr dem Ende des Bergbaus an.
„Bergwerke sind Äcker, die sich nur einmal ernten lassen“, besagt ein altes Kumpel-Zitat. „Das Bild hat uns deshalb so gut gefallen, weil es im Ruhrgebiet die Bergwerke sind, die den Menschen hier das gegeben haben, wovon sie lebten“, meint Anna Betzl-Reitmeier, Cellistin und eine der künstlerischen Leiterinnen des Ensembles.
Wahrscheinlich hätte es auch deshalb keinen besseren Ort für den Abschied von der Kohle gegeben als den Stadtbauraum, einem stillgelegten Zechenschacht.
Stillgelegte Fördertürme und Halden, über die Gras wächst, sind es auch, die Bartsch den Stoff für seine Sprachbilder geben, denen sich zur Musik wunderbar nachhängen lässt.
Lyrik im Dialog mit klassischer Musik: Schnell findet der Zuhörer sich bei einer sonntäglichen Radtour mit Joseph Haydn auf einer Parkbank wieder. „Hier kann man sich vor schönen Ecken kaum retten“, meint Bartsch, überzeugter Wahlbochumer dann schmunzelnd. Auch die meisten Mitglieder des Ensemble Ruhr sind Pott-Wähler, also Ortsansässige aus Überzeugung.
Am Ende scheint es allen im Saal ähnlich zu gehen:
Mit der Steinkohle ist es ein bisschen wie mit einem alten Teddy, der irgendwann in die Kiste kommt: Obwohl er nicht mehr gebraucht wird, verspürt man Wehmut, wenn er auf dem Speicher landet.

Lucas Gunkel

Foto: Philip Mayer

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