Tanzen am Abgrund

-Klimt-

Was: Bruno Beltrão & Grupo de Rua CRACKz
Wo: Pact Zollverein, Essen
Wann: Samstag, den 31.08.13

Pact Zollverein ist als geschichtsschwangerer Ort schon an sich verheißungsvoll. Durch die alten gefliesten Duschräume in denen noch Spiegel hängen und Seifenstücke liegen gelangt man in die alte Kaue. In diesem turnhallengroßen, leicht verdunkelten Raum wird heute getanzt. Statt Säcken voller Kleidung hängen nun Scheinwerfer von der Decke. Eine bildhafte Darstellung der Metamorphose des Ruhrgebiets: Industrie-Kultur. Mit sehr kleinen Mitteln wird hier bereits eine strake Atmosphäre kreiert.
„Wie ein Virus…oder ein Alien.“ lautet die fachkundige Analyse meines Freundes zu CRACKz.
Und wie ich verblüfft feststellen muss stimme ich ihm sogar zu. Ein Kernmoment der Choreographie liegt in der Ansteckung. Ein Tänzer beginnt die Bühne zu nutzen und Augenblicke später stoßen immer weitere hinzu und greifen die Bewegungen auf und erweitern sie.
Auffällig sind die vielen Dreh-Momente der Tänzer. In Derwisch-artigen Bewegungen auf Zehenspitzen, Füßen und Knien erschafft sich jeder einen eigenen Kosmos in welchem er um sich selber kreist. Wie Teilchen im Raum stoßen die Tänzer hierbei jedoch immer wieder aufs Neue zusammen, was sie die Richtung wechseln und die Bewegungen erweitern lässt.
Die einzelnen Sequenzen sind immer wieder durch völlige Dunkelheit unterbrochen. In den separaten Szenen wird intensiv mit der Funktion von Licht gearbeitet, so dass man manche Tänze nur zu erahnen vermag und andere einem wie ein Schattenspiel vorkommen. Hier findet sich auch der Titel welcher einerseits auf die Fertigkeiten der Tänzer hinweist aber doch viel stärker die Risse aufzeigt, die die Dunkelheit durchbrechen und mit Licht fluten. (“What if you could look right through the cracks, would you find yourself, find yourself afraid to see?” –Nine Inch Nails-) Der Riss gibt ja motivisch schon eine ganze Fülle an Interpretationsansätzen her und ist durch Heideggers „Der Ursprung des Kunstwerks“ auch fest in einem kunsttheoretischen Diskurs verortet.
So wie auch die Tänzer scheinbar willkürlich miteinander in Berührung kommen erhellen sich auch dem Zuschauer durch den Lichteinsatz nur gewisse Situationen des Bühnengeschehens. Zwölf Tänzer und eine Tänzerin die ähnlich bis synchron simultan tanzen um dann plötzlich in einer neuen Bewegung auszubrechen was oftmals heterarchisch anmutend erschwert eine Fokussierung des Blickes. Faszinierend ist vor allem die scheinbare Orientierungslosigkeit im Raum welche kunstvoll dargestellt wird und nur umso mehr Organisation und Disziplin der Tänzer fordert. Hierzu passt auch, dass es keinen erzählerischen Spannungsbogen gibt. Der Betrachter fühlt sich als bekäme er kurze Einblicke in verschiedene Situationen welche häufig voller Anspannung sind (dargestellt z.B. durch die Faust hinter vorgehaltener Hand, geducktes Schleichen und ruckartige Bewegungen). Diese Anspannung wiederholt sich in der nervenzehrenden Musik die einen mehr als einmal an das Geräusch von Nägeln die über eine Tafel kratzen erinnert. Hier wird sich nicht entspannt zurückgelehnt, denn dieses Tanztheater will nicht gefällig sein.
Beltrãos Inszenierung betreibt eine kleine Dekonstruktion am „Tanz Hip-Hop“. Die Inszenierung übernimmt klassische Bewegungen um sie aus ihrem gewohnten Kontext herauszureißen und mit neuer Bedeutung zu füllen. Dieser Akt wiederholt sich auch im Bühnengeschehen immer wieder. Hier wird das alltägliche Leben in Gesellschaften, deren Exzess sich im Internet findet, aufgezeigt. Es wird kopiert, übernommen, rekonstruiert, dekonstruiert, uniformiert und individualisiert. Die Unfassbarkeit und Nicht-Rekonstruierbarkeit die unausweichlich ist und die Grenzen des Denkbaren berührt ist das unheimliche Moment der Inszenierung. Beltãro lässt seine Tänzer einen Kampf zeigen - ein Ringen um Anpassung und Ausbruch, dessen Ausmaße der Zuschauer nur durch die von Licht beschienenen Risse erahnen kann.

Autor:

Janina Budde aus Recklinghausen

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