11. Mai 1952 – der Blutsonntag von Essen
Vor 70 Jahren – Kampf gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands

Erinnerung an die "Friedenkarawane" und den brutalen Polizeieinsatz vom Mai 1952. Hier die Kranzniederlegung auf der Gedenkkundgebung am 11. Mai 2012 auf der Rüttenscheider Brücke über der früheren Bahntrasse an der Gruga. Keine 4 Jahre später hatte die Bundesrepublik dann trotzdem nicht bloß eine Bundeswehr, sondern auch die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.
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  • Erinnerung an die "Friedenkarawane" und den brutalen Polizeieinsatz vom Mai 1952. Hier die Kranzniederlegung auf der Gedenkkundgebung am 11. Mai 2012 auf der Rüttenscheider Brücke über der früheren Bahntrasse an der Gruga. Keine 4 Jahre später hatte die Bundesrepublik dann trotzdem nicht bloß eine Bundeswehr, sondern auch die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.
  • Foto: Walter Wandtke
  • hochgeladen von Walter Wandtke

Europa war seit dem Ende des 2. Weltkriegs 1945 durchaus nicht kriegsfrei. So nah und so großflächig wie im Frühjahr 2022 mit dem Angriff der russischen Armee gegen die Ukraine, haben wir in Mitteleuropa Krieg aber seit vielen Jahrzehnten nicht mehr erleben müssen. Im Gegensatz zu erschreckend vielen Ländern dieser Welt, finden die Zerstörungen zu unserem persönlichen Glück aber noch hunderte Kilometer außerhalb unserer Staatsgrenzen statt. Die Die Erinnerung an den politischen Kampf gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, der durch brutalen Polizeieinsatz insbesondere in Essen am 11. Mai 1952 zu einem Toten und vielen Verletzten führte, scheint deshalb wohl nicht in die Zeit zu passen.
Vergessen und ignorien hilft aber auch in Krisenzeiten nicht. Da am heutigen Datum in NRZ/WAZ und anderen Medien der Funkegruppe  dieser 70. Jahrestag der tragischen "Friedenskarawane" mit keinem Halbsatz erwähnt wird, hier ein Stück Erinnerungsarbeit. 
Als eine Produktions des Medienzentrum Ruhr e.V. ist heute (11.5.2022) von 21-bis 22.00 Uhr im Bürgerfunk des Lokalradios Essen eine Sendung zur "Friedenskarawane" zu hören. Schwerpunkt ist ein Gespräch von 1992 aus dem Sendearchiv der Neuen essener Welle e.V. mit Pfarrer Arnold Haumann, der vor 70 Jahren der Kundgebungsleiter der damals kurzfristig verbotenen Demonstration war.
Philipp Müller – bei der Friedenskarawane durch Polizeischüsse getötet
1952 waren die Verwüstungen des von Deutschland ausgelösten 2. Weltkriegs im Ruhrgebiet noch überall zu sehen, zu spüren und auch viele Kriegsgefangene waren noch lange nicht heimgekommen. Nicht wenig Menschen, wie auch ein junger Mann aus München, Philipp Müller, stemmten sich mit aller Macht gegen eine neue Militarisierung ihres Lebens. Der erste politische Tote der BRD hieß deshalb nicht Benno Ohnesorg, sondern Phillipp Müller. Der Student Benno Ohnesorg, der 1967 während der Proteste gegen den pompösen Staatsbesuch des iranischen Gewaltherrschers Schah Reza Pahlevi vom Westberliner Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen wurde, ist aber bis heute vielen Deutschen ein Begriff.
An der „Rüttenscheider Brücke“ konnte zumindest vor knapp 10 Jahren eine offizielle Gedenktafel der Bezirksvertretung II angebracht werden, die an den Kampf gegen die Wiederbewaffnung und die vor den Toren der Gruga brutal beendete „Friedenskarawane“ erinnert. Der dort 1952 von der Polizei erschossene Philipp Müller und die Schwerverletzten des sogenannten „Blutsonntags von Essen“ bleiben siebzig Jahre danach trotzdem weitgehend vergessen.

Kriminalisierung der „Aktionsgruppen gegen Aufrüstung“

Gesamtdeutsche Aufmerksamkeit erzielte der später als evangelischer Pfarrer tätige Arnold Haumann allerdings am 11. Mai 1952 als offizieller Demonstrationsleiter der „Friedenskarawane gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands“ in Essen. Eigentlich hatten die „ Aktionsgruppen gegen Aufrüstung“ mit dem Darmstädter evangelischen Studentenpfarrer Herbert Mochalski diese Großveranstaltung schon seit dem 1. Mai geplant.
Wiedereröffnung des Grugaparks darf nicht gestört werden
Trotzdem wird öffentlich die Parole verbreitet, die für den 11. Mai vorgesehene Kundgebung sei von Kommunisten gesteuert. Ohne sich weiter mit den Essener Behörden abzustimmen, erlässt Heinemanns Nachfolger im Bundesinnenministerium, Robert Lehr, am Freitagabend für die am übernächsten Tag organisierte Demonstration ein Verbot. Formell ist die nach Beseitigung der Kriegszerstörungen feierlich mit Politprominenz zelebrierte Wiedereröffnung des Grugaparks der Verbotsgrund . Die Polizei könne nicht für beide Großveranstaltungen gleichzeitig die Sicherheit garantieren.
Durchaus widersprüchlich dazu verbreitet die von der CDU und der katholischen Zentrumspartei geführte NRW-Landesregierung im Radio jedoch die Aufforderung: Eltern sollten ihre Kinder nicht zu dieser „kommunistischen Kundgebung“ gehen lassen.
Viele der später etwa 30000 Teilnehmer der Friedenskarawane befinden sich wegen langer Anreisewege schon vor der Verbotsverfügung in der Stadt. Zu diesen zahlreichen Jugendlichen gehören natürlich viele Mitglieder der Freien Deutsche Jugend - FDJ (deren Verbot die Bundsregierung zwar bereits verfügt hatte, dessen Rechtskraft aber noch nicht wirksam war) die der noch legalen KPD nahesteht.  Auch die Naturfreunde-Jugend, die Falken als eine der SPD verbundene Organisation, und viele evangelische, wie katholische Jugendliche sind nach Essen und später nach Rüttenscheid gekommen. Sie alle wollen keine deutsche Wiederbewaffnung, die das Land endgültig in Ost und West spalten würde.

Rechte Provokateure von Polizei geschützt?

Zusätzlich heikel wird die Situation, weil einige hundert Mitglieder der neonazistischen „Deutschen Jugend des Ostens“ und des erzkonservativen „Bund deutscher Jugend“ ebenfalls in die Stadt gereist sind, und an mehreren Stellen die Jugendlichen der Friedenskarawane in Schlägereien verwickeln. Wie Arnold Haumann in seinem Buch „Gott mit uns?“ beschreibt, greifen die Trupps der Bereitschaftspolizei hier zwar mit ihren Gummiknüppeln ein, schützen im Zweifelsfall aber eher die angreifenden rechten Jugendgruppen.
Vor dem Haus der Technik erlebt Arnold Haumann gegen 11.30 Uhr, wie einige Polizisten besonders wüst und unkontrolliert auf die Jugendlichen einschlagen. Als er den Namen des prügelnden Bereitschaftspolizisten erfahren will, wird der Pfarrer selbst Opfer des Schlagstocks, stürzt hin, wird besinnungslos und kommt erst nach 15 Minuten wieder zu sich.
Damit die Anfahrt zur staatlich verhinderten Friedenskarawane nicht völlig unnütz wird, gibt Arnold Haumann die Parole aus: Wenn Demonstrieren verboten ist, dann sollen die Menschen doch zumindest den an diesem Wochenende nach dem Krieg erstmals wieder geöffneten Grugapark besuchen.

Scharfe Munition für die Polizei

Die Polizei, hauptsächlich Bereitschaftseinheiten aus anderen Städten, postiert sich ebenfalls vor den Toren des Parks. Da die Menschenmenge sich nicht schnell genug auflöst, schießt die Polizei nach angeblichen Steinwürfen mit scharfer Munition auf die Menschenmenge. Ein aus München angereister Wiederbewaffnungsgegner, Philipp Müller, der auch Mitglied in der freien deutschen Jugend ist, bleibt nach Schüssen in den Rücken tödlich getroffen zurück. Mehrere schwer verletzte Demonstranten finden sich für längere Zeit in Essener Krankenhäusern wieder.
Essener Tageszeitungen drucken nach den tragischen Ereignissen Sätze wie: „Schon Tage zuvor sind Kommunisten in die Stadt eingesickert“ und beschreiben, wie jetzt verhaftete Jugendliche mit angeblich stieren Blicken auf dem Polizeihof sitzen.
Ein halbes Jahr später verhängen Landgerichtsurteile, deren Beweismittel sich auf den offiziellen Polizeibericht beschränken, gegen 11 Teilnehmer der „Friedenskarawane“ mehrmonatige Haftstrafen. Insgesamt erlässt die Justiz über 70 Haftbefehle gegen Teilnehmer der Friedenskarawane. Die wenigen Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamte, die mit ihren Waffen die später nicht mehr genau bezifferbaren 30 bis 80 Schüsse auf die Demonstranten abgefeuert hatten, werden schließlich im April 1953 eingestellt.
Eigentlich ist die SPD ebenfalls gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung, die eine Wiedervereinigung Deutschlands auf lange Zeit unmöglich machen wird. So wird nach den Vorfällen an der Gruga zumindest ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss gefordert, der nach ablehnendem Mehreitsbeshcluß des NRW-Llandtags aber nicht zustande kommt. Als Wochen später im Landtag das Polizeiverhalten aufgeklärt werden soll, kommt es zu keinen die Einsatzleitung belastenden Ergebnissen. Immerhin wird nach der tödlichen Friedenskarawane beschlossen, künftig für ähnliche Kundgebungen Wasserwerfer anzuschaffen.

Kriminalisierung der Volksbewegung gegen die Wiederbewaffnung

Gegen den Willen großer Teile der Bevölkerung wurde vor 70 Jahren durch den CDU-Gründer und Bundeskanzler Konrad Adenauer mit dem sogenannten „Generalvertrag“ die Wiederbewaffnung Westdeutschlands durchgesetzt. Für die fünfziger Jahre gibt es viele Belege für die bewusste Kriminalisierung der breiten Volksbewegung gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands durch den Adenauer-Staat.
Solche Einschränkungen grundgesetzlich verbriefter Bürgerfreiheiten in Westdeutschland gaben im Juni 1953 dem damaligen stalinistischen DDR-Staatsapparat wohl auch vordergründige Alibis für die gewalttätige Unterdrückung der eigenen Opposition.
Trotz erheblicher Widerstände wurden dann wenige Jahre später in beiden deutschen Staaten wieder Armeen aufgestellt.

Gegenwartsblick: Pazifismus und der
Russsiche Krieg gegen die Ukraine

Auch gegenüber der seit mehr 30 Jahren gesamtdeutschen Bundeswehr sollte die Beurteilung unserer militärischen Rolle in der Weltpolitik kritisch bleiben. In der heutigen Situation des russischen Angriffskriegs gegen das Nachbarland Ukraine, müssen wir sicherlich Waffenlieferungen und mögliche Schutzfunktionen eines demokratisch kontrollierten und beherrschten Militärs anders bewerten als vor 70 Jahren.
Das heutige Russland unter dem Alleinherrscher Putin ist allerdings nicht die 1991 aufgelöste Sowjetunion. Erst recht ist Russland kein demokratisches Land, dass sich z.B. der frühere und letzte Präsident der UDSSR, Michail Gorbatschow für die Zukunft hat vorstellen wollen.
Trotz der Notwendigkeit einer angegrifenen Ukraine waffentechnisch zu helfen, sind Zweifel, ob und wie uneigennützig Deutschlands Freiheit tatsächlich am Hindukusch in Afghanistan, im Kosovo oder am Horn von Afrika vor der somalischen Küste verteidigt wurde, nicht überflüssig geworden.
Moralisch glaubhaft den früheren Überwachungsstaat der aufgelösten DDR, brutale Polizeieinsätze  gegen Demonstranten in Syrien, Ägypten, Belarus oder Russland zu kritisieren, darf keine Blindheitauch auslösen, wenn bundesdeutsche Staatsorgane und Politik Richtlinien des Grundgesetzes verletzt haben.
Anfang der fünfziger Jahre wollten die meisten Deutschen kein Militär mehr erleben. Im Ruhrgebiet waren die Verwüstungen der deutschen Angriffskriege von 1939 bis 1945 noch unübersehbar. Mit welchen staatlichen und publizistischen Mitteln die Wiederbewaffnung und 1956 die allgemeine Wehrpflicht trotzdem durchgesetzt wurde konnte, bleibt ein Forschungsfeld der aktuelleren Geschichte.
Keine Staatsfeinde - sondern kriegsmüde junge Menschen
Wir dürfen die vorwiegend jugendlichen Demonstranten, die sich am 11. Mai 1952 in unserer Stadt zur Kundgebung gegen die deutsche Wiederbewaffnung versammelt hatten, nicht vergessen oder ihre Ziele als naiv abtun. Nur 7 Jahre nach Ende des von Deutschland angezettelten 2. Weltkriegs wollten sich diese Menschen gegen die Aufstellung neuer Soldatentruppen wehren. Teilnehmer*innen der Friedenskarawane wurden damals von Bundesinnenminster Robert Lehr, wie auch von der CDU-Bundesregierung unter Kanzler Adenauer jedoch als Staatsfeinde verunglimpft, auf die keine Rücksicht zu nehmen ist.
Gut dass es vor 10 Jahren endlich möglich war, mit einer Gedenktafel in Rüttenscheid an die "Friedenskarawane" und den Tod von  Philipp Müller zu erinnern. Wir hoffen also, dass zumindest die Stadt Essen aus rechtsstaatlichen, wie politischen Fehlern vergangener Jahrzehnte gelernt hat.

Autor:

Walter Wandtke aus Essen-Nord

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