"Nicht nur Angst und Schrecken" - Al-Arz Libanon setzt auf Jugendarbeit

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Angefangen hat alles mit zwei Torhütern: 2008 waren Nemr Fakhro, damals sportlicher Leiter bei TuS Helene, und ein paar Freunde bereit, einen eigenen Verein zu gründen – mitunter mit dem Ziel, libanesischen Landsleuten zur Integration zu verhelfen. Sportlich sorgte die erste Mannschaft von Al-Arz Libanon mit dem Durchmarsch von der Kreisliga C in die Kreisliga A für Furore, der Unterbau für eine erfolgreiche Jugend- und Integrationsarbeit fehlt dem Verein allerdings noch.

Als der heute 31-Jährige mit der Idee schwanger ging, sagten zu seiner Überraschung gleich zwei befreundete Torhüter, der eine Verbandsliga erprobt, der andere mit Landesligaerfahrung, zu. Zwei Keeper machen aber noch keine Mannschaft – und auch die insgesamt acht Gründungsmitglieder nicht, die Al-Arz schließlich aus der Taufe hoben. Dennoch stellte der Verein eine spielstarke Truppe zusammen, die bisweilen mühelos die gegnerischen Abwehrreihen durcheinanderwirbelte.

Gerüchte über Nationalspieler

Einigen Amateurvereinen wurde dieser steile Aufstieg suspekt: Al-Arz verfüge über ein Budget von 100.000 Euro, heißt es. Angesichts der Umstände, unter denen der Verein arbeitet, eine wahnwitzige Vorstellung. Zudem machten Gerüchte über libanesische Nationalspieler die Runde. „Wir waren an einem ehemaligen Nationalspieler dran. Aber da wurde nichts draus“, lässt Fakhro, der als 1. Vorsitzender die Geschicke des Vereins lenkt, durchblicken.
Tatsächlich kokettiert der Verein mit seinem sagenumwobenen Image. „Ich will weiter Angst und Schrecken im Essener Amateurbereich verbreiten“ heißt es im fiktiven Vereinslebenslauf auf der eigenen Internetseite. In Wirklichkeit ist das Erfolgsrezept kein Geheimnis. Man nehme: Talentierte, libanesische Fußballer, die in anderen Mannschaften den Sprung - aus welchen Gründen auch immer - nicht schaffen und einen Torhüter, der seine Handschuhe liegen lässt und zum Stürmer umsattelt. Seine beeindruckende Torausbeute: 55 Treffer in drei Spielzeiten.

„Wenn drei, vier Libanesen einem Verein beitreten wollen, stoßen sie oft auf Widerstand“, erklärt Fakhro. Verbittert ist er dabei allerdings nicht: „Ich kann die Sorgen aber auch verstehen.“ Zu negativ waren die Schlagzeilen, die die libanesische Gemeinschaft in letzter Zeit heraufbeschworen hat.
Allerdings will er Al-Arz nicht als Sammelbecken abgewiesener Landsleute verstehen. Derzeit spielen in den beiden Seniorenmannschaften Kicker aus acht Nationen, darunter ein ehemaliger Jugendnationalspieler Deutschlands. „Und wir legen Wert darauf, dass wir deutschsprachige Trainer beschäftigen“, führt Fakhro fort. Schließlich sei der Kerngedanke der Integration fest in der Vereinssatzung verankert.

In Sachen Jugendarbeit hat der Klub große Pläne. „Wir wollen die Jugendlichen von der Straße holen“, kündigt der 1. Vorsitzende an, nicht zuletzt im Hinblick auf die Sicherheitsdiskussionen rund um den Altenessener Bahnhof. Wer sich im Sport verausgabt, komme eben auf weniger dumme Gedanken. Um den Jugendlichen zusätzliche Perspektiven aufzeigen zu können, wollen die Vereinsmitglieder zukünftig auf Hausaufgabenbetreuung, Aufklärungsarbeit und Kooperationen mit der ortsansässigen Wirtschaft (zwecks Praktika- und Ausbildungsvermittlung) setzen. Ganz im Sinne der Handlungsempfehlungen des AWO-Jugendhilfe-Netzwerkes also, die unter der Überschrift „Integration und Sport“ zusammengefasst sind.
Bevor diese Pläne in die Tat umgesetzt werden können, gilt es, zwei Hürden zu meistern. Erstens: Noch verfügt Al-Arz Libanon über keine Jugendmannschaften. „Die ersten Anmeldungen haben wir bereits“, beruhigt Nemr Fakhro. Mitte Juni fand zudem ein erster „Kinder- und Jugendsichtungstag“ statt. Ein, zwei Nachwuchsmannschaften wird der Verein zur neuen Saison melden, die Trainingszeiten an der Bäuminghausstraße wurden bereits von der Verwaltung bestätigt.

Auf der Suche nach Räumlichkeiten

Zweitens sind die Verantwortlichen noch immer auf der Suche nach einem geeigneten Vereinsheim, in dem die geplanten Aktivitäten stattfinden können. Die Schwierigkeit hierbei: Die Räumlichkeiten müssten sich in direkter Nähe zur Bäuminghausstraße und somit zum Altenessener Bahnhof befinden. „Das ist der Brennpunkt, in dem wir arbeiten möchten“, fasst der 31-Jährige zusammen.

Mehrere Male sei man „beinahe“ fündig geworden. Doch entweder seien die Gespräche an der Raumgröße, den Kosten oder den Vorbehalten der Eigentümer gescheitert. Nun hofft Al-Arz auf die Unterstützung der Stadt. Denn Nemr Fakhro ist sich sicher: „Sein“ Verein kann zu mehr Verständigung und Entgegenkommen im Stadtteil beitragen.

Trainersuche erfolgreich:
Al-Arz hat ein neues Trainer-Duo für die 1. Mannschaft verpflichtet. Josip Cosic (47 Jahre, aus Kroatien) und Moktar El-Karoui (62 Jahre, aus Tunesien) werden den Verein in die neue Spielzeit führen. Wer bei Al-Arz Libanon vorspielen möchte: Eine Kontaktaufnahme ist über die Vereinshomepage www.al-arz.de möglich.

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