„Der Wurstfritz kriegt jetzt einen drauf!“

So etwas sollte man am Ruhrradweg aufhaben.

Unschöne Szene am längsten Tag des Jahres am Baldeney-See in Essen

Wenn man Schlägertypen mit sportlichem Geschehen in Zusammenhang bringen will, denkt man in der Regel an eine bestimmte Ballsportart. Mittlerweile kann es einen aber auch am hellichten Tage auf dem Radweg am Baldeney-See erwischen. Beobachtet werden konnte folgendes Geschehen: Ein sportlicher Mensch gesetzten Alters fährt zur Mittagszeit mit seinem Liegerad auf dem Nordufer von Heisingen in Richtung Baldeney. Er hat es augenscheinlich nicht eilig, genießt ruhig dahingleitend das schöne Wetter am längsten Tag des Jahres. Von hinten nähern sich ihm zwei Radler, durchaus keine Jugendlichen oder junge Erwachsenen mehr, sondern Athleten, so um die dreißig. Sie nähern sich dem Liegeradfahrer sich laut unterhaltend. Einige Meter bevor dieser erreicht wird, sagt einer der beiden: „Der kriegt jetzt einen drauf!“ Bevor der Mann auf dem Liegerad das auch nur annähernd gedeutet hat, holt der Sportsfreund aus und schlägt ihm mit der flachen Hand kräftig auf den Helm. Der radelnde Herr unterbricht - sichtlich schockiert - seine Treterei, die anderen überholen grölend und machen sich über den Geschlagenen lustig. Es fallen üble, sinnlose Beschimpfungen, die originellste mag hier wiedergegeben werden: „Du Wurstfritz!“ Glücklicherweise gibt es keinen Sturz oder eine schlimme Verletzung. Die Rüpel wähnen sich in Sicherheit, denn es scheint ja weit und breit niemand ihren üblen Scherz beachtet zu haben. Sie täuschen sich allerdings.

Man fragt sich, wie es dazu kommen kann. Gilt ein Radfahrer, der ein anderes Fahrrad als die Allgemeinheit fährt, bereits als „Fremder“, dem man was „auf die Nuss geben darf“? Was hätte dem friedlichen Radler geblüht, wenn er vielleicht dunkelhäutig oder eine Frau gewesen wäre oder irgend ein anderes vermeintlich ethnisches äußeres Merkmal an sich gehabt hätte? Man wähnt sich an das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit - auch wenn diese Attacke im Endeffekt glimpflich verlaufen ist - erinnert. Eine unzulässige Assoziation?

Die eigentlich armen Würstchen in dieser Geschichte sind bei reiflicher Überlegung die beiden Gewalttäter. Was in ihrem Leben macht sie so wütend auf harmlose, aber andere Fahrräder als sie fahrende Menschen? Woher glauben sie, das Recht zu haben, ihren Frust - aus welcher Impotenz er auch immer gespeist sein mag - in einem Hieb gegen den Kopf eines Mitmenschen abzureagieren? Und noch mal anders gefragt: Welches gesellschaftliches Klima haben wir, dass diesen Feiglingen die Sicherheit gibt, sich in vermeintlich unbeobachteten Momenten so aufzuführen?

Ein Vorfall wie dieser regt zum Nachdenken an. Falls jemandem ein „lustiger Bericht“ über einen derben Schabernack zu Ohren kommen sollte (man darf getrost davon ausgehen, dass die beiden mit ihrer Heldentag prahlen werden), sollte man sie zur Rede stellen. Noch ist Zeit zum Reden - und zum Nachdenken. Noch.

Autor:

Ralf Kaupenjohann aus Essen-Ruhr

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