Fragen eines Mobbing-Opfers – ein Denkanstoß für ‚Wegseher’

Seit der Publikation meiner teils haarsträubenden Mobbing-Erlebnisse erhielt ich so viele Hilferufe zahlloser Leidensgenossen – und alle dachten, sie seien Einzelfälle –, dass mein Kampf gegen diese soziale Pest sehr öffentlich geworden ist. Häufig begegnete mir Kopfschütteln mit der Frage: „Haben die sich denn nie für ihre Taten entschuldigt?“. Nein, haben sie nicht – daran arbeite ich noch, doch wo kein Rückgrat ist...

Nachfolgend ein Auszug aus meinem Brief an die Mitglieder eines Mobbing-Vereines – meine so genannten Ex-‚Kameraden’ – als Denkanstoß für all diejenigen, die irgendwo in ihrem Umfeld Mobbing einfach zulassen, tatenlos zusehen oder sogar die Täter aktiv unterstützen:

[...] Ich möchte von euch allen wissen, ob man sich wirklich gut fühlen kann in dem Bewusstsein, eine solche Hexenjagd, wie ich sie bei euch erduldet habe, entweder ignoriert oder sogar aktiv unterstützt zu haben. Ich frage euch, ob ihr euch genauso verhalten hättet, wenn diese monatelange wiederkehrende ‚Vergewaltigung’, die ich im [Kanuklub] ertragen habe, nicht psychisch sondern physisch stattgefunden hätte.

Wenn man selber sicher im Boot sitzt ist es ein Leichtes, der Kameradin, die soeben gewaltsam und völlig überflüssig aus genau diesem Boot gestoßen wurde, zuzurufen: „Schwimm doch nach Hause! Ist doch kein Problem!“ Und wie spaßig muss es wohl sein, genau diese Kameradin dann immer wieder unter Wasser zu drücken, mal gemeinsam, mal abwechselnd. Die immer verzweifelteren Hilferufe dieser Kameradin dann als lästig zu empfinden, kann ich nur noch als pervers bezeichnen. Wenn es die unfreiwillige Schwimmerin dann tatsächlich schafft nicht abzusaufen, sondern allen Quälereien zum Trotz letztendlich eine Spitzenleistung vorzuweisen, diese dann noch als Bösewicht darzustellen und ‚hinzurichten’, das ist an Perversion nicht mehr zu übertreffen. Und wie fühlt man sich dabei, wenn man dieses ganze Schauspiel vom sicheren Ufer aus beobachtet und statt zu helfen einfach weggesehen hat, ja sogar den Tätern noch huldigt und applaudiert?
Für alle, die diesen Absatz nicht verstanden haben: es handelt sich hier um Metaphern, die in wenigen Worten das umschreiben, was ich monatelang im [Kanuklub] erlebt habe.

Ich möchte von euch wissen, ob – damals oder in der Zwischenzeit – auch nur einer von euch nur ein einziges Mal versucht hat, sich in meine damalige Lage zu versetzen. Der [Kanuklub] war mein Zuhause. Ist es wirklich so einfach mit dem gleichgültigen Satz: „Die ist ja jetzt im [neuer Verein].“ die völlig unzivilisierte ‚Hinrichtung’ einer Kameradin zu sanktionieren und das eigene Gewissen zu beruhigen?

Wer von euch hat sich auch nur einmal mit der Aussage der Anti-Mobbing-Fibel auseinandergesetzt: ‚Bei Mobbing gibt es keine Unbeteiligten – bei Mobbing spricht man von Möglichmachern.’?

Ja. Ich bin damals unglaublich viel gepaddelt. Einer der Gründe dafür war, mein Selbstwertgefühl, das immer und immer wieder durch das Mobbing angegriffen wurde, aufrecht zu erhalten. Ich lasse mich nicht einfach zum Fußabtreter degradieren, ich kämpfe dagegen an. Und ja: ich war stolz auf meine Leistung, die ich mir selbst vorher nicht zugetraut hätte. Welches Problem hattet ihr eigentlich, mir dafür die Ehrung zu erweisen, die jedem Anderen selbstverständlich zuteil geworden wäre? Welches Problem hattet Ihr, wenigstens meinem Sohn sein schwer erkämpftes Wanderfahrerabzeichen zu überreichen?

Ich stelle euch all diese Fragen, weil ich versuche zu ergründen, wie man sich daran ergötzen kann, einen anderen Menschen, eine Kameradin, eine Freundin monatelang kontinuierlich auszugrenzen, zu piesacken, zu triezen, zu schikanieren, zu demütigen, zu entwürdigen – vorsätzlich und gezielt zu verletzen – oder dieses untätig zuzulassen. Obwohl ich immer voller Stolz feststellte, dass ich mich hervorragend in andere Menschen hineinfühlen kann, bin ich nicht in der Lage, dieses Verhalten – mir, zum Teil meiner Familie gegenüber – nachzuvollziehen. De facto bin ich in meinem ganzen Leben noch nie dermaßen tief verletzt worden wie von euch. [...]

Warum ich diesen Auszug eines sehr ernsten Briefes ausgerechnet heute veröffentliche? – Schließlich leben wir heute noch im Karneval...
Heute vor drei Jahren erhielt ich von ‚Frau Bosheit’ ein Einschreiben, das in äußerst hochtrabender Formulierung hinter einen wichtigen Teil meines Lebens einen endgültigen Punkt setzen sollte. Kein zufälliger Termin für die Zustellung, dafür aber ein weiterer Beweis, dass der Bösartigkeit einiger Zeitgenossen ganz offenbar keine ethischen Grenzen mehr gesetzt sind – für mich nur ein weiterer Anstoß, für ethische Werte zu kämpfen.

Bezeichnenderweise erhielt ich weder auf diese hier zitierten – sehr allgemein abgefassten –, noch auf andere – ganz konkret formulierte – Fragen irgendeine Antwort. Die Täter und Mittäter sind zu feige – den ‚Wegsehern’ wird dieser im Original 6seitige Brief mit allen Mitteln vorenthalten beziehungsweise verheimlicht...

Autor:

Ilia Faye aus Essen-Ruhr

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