Batman en miniature

"Tübi", der Große Abendsegler, war der Star bei der Pfadfinder-Gruppenstunde in Überruhr. Foto: Olaf Eybe
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  • "Tübi", der Große Abendsegler, war der Star bei der Pfadfinder-Gruppenstunde in Überruhr. Foto: Olaf Eybe
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Sie leben mitten unter uns, schlafen hinter Hausverkleidungen, in Rolladenkästen, auf Dachböden und unter Flachdächern - und sind doch selten gesehen: Fledermäuse.

Die nachtaktiven Wesen haben die menschliche Phantasie seit jeher angeregt. In der Populärkultur sind sie als Vampire oder Superhelden bekannt - Graf Dracula und Batman lassen grüßen.
Dabei ist das Leben der kleinen Flugsäuger auch ohne literarischen Überbau spannend genug. Das erfuhren nun die Pfadfinder vom Stamm Eberhard Wittgen in Überruhr bei einer Gruppenstunde der ganz besonderen Art: Rolf Niggemeyer, Fledermausexperte aus Haan und seine Frau Monika, eine Biologin, besuchten die Wölflinge und Jung-Pfadfinder im Stephanus-Gemeindezentrum. Im Gepäck gleich zwei Highlights: hochaufgelöste 3-D-Aufnahmen von diversen Expeditionen und ein „Batman“ höchstselbst.
„Oh ist der süß!“, rufen die Kinder aus. In der Mitte des großen Saals steht Rolf Niggemeyer, in seine Hand gekuschelt „Tübi“, der kleine, etwa vier Gramm leichte Fledermausmann der Gattung Abendsegler. Tübi ist der einzige Dauergast bei Familie Niggemeyer. Die Haltung von Fledermäusen ist streng reglementiert. Nicht mal Zoos dürfen die Tiere beherbergen. Für Tübi besitzt Niggemeyer eine Ausnahmegenehmigung.
Der Name lässt es bereits erahnen: Tübi stammt aus Tübingen, wo Rolf Niggemeyer seine Ausbildung zum Fledermaus-Sachverständigen absolviert hat. „Den Ausbildungsgang gibt es in NRW gar nicht“, erläutert Niggemeyer, der als Ehrenamtler begonnen hat und mittlerweile als Gutachter für Fledermäuse im Kreis Mettmann arbeitet. Wenn verletzte Fledermäuse gefunden werden, ist Niggemeyer zur Stelle. „Unser Hauptziel ist, die Tiere so schnell wie möglich auszuwildern.“ Auch auf Baustellen trifft man den Experten an: „Wenn alte Häuser abgerissen werden sollen, werde ich öfters gerufen“, so Niggemeyer. Den Auftrag erhält er von der Unteren Landschaftsbehörde und sein Wort hat Gewicht. „Zur Not müssen Bauarbeiten schon mal sechs bis acht Wochen ruhen, bis alle Tiere ausquartiert sind.“ Die Leute hätten meist Verständnis für den Aufschub. Batman ist beliebt.
Nachdem Tübi ausgiebig betrachtet und ein wenig beschmust wurde und bevor der bildgestützte Vortrag beginnt, lässt sich Niggemeyer erst noch von den „Pfadis“ löchern: „Wieviele Fledermausarten gibt es in Deutschland?“, „Wie groß ist die kleinste Fledermaus der Welt?“, „Wie schlimm ist ein Fledermausbiss?“. „Die Kinder haben sich in den vergangenen Gruppenstunden schon mit dem Thema auseinandersgesetzt“, erläutert Olaf Eybe von der Stammesleitung.

Naher Verwandter des Menschen

Der Experte beantwortet alle Fragen zur Zufriedenheit des Auditoriums. Etwa 24 Fledermausarten gäbe es in Deutschland, weltweit ca. 1.000; die kleinste Fledermaus sei so groß wie eine Hummel und ein Biss komme relativ selten vor und sei nur dann gefährlich, wenn das Tier an Tollwut leidet - was wiederum gar nicht so häufig der Fall sei. Niggemeyer berichtet von einer Untersuchung unter 3.000 Tieren. „Kein einziges davon hatte Tollwut.“ Und wer hätte gedacht, dass Fledermäuse nach den Primaten die nächsten in Deutschland lebenden biologischen Verwandten des Menschen sind? Tatsächlich weist der Körperbau der Fledermaus viele Übereinstimmungen mit dem des Menschen auf.
„Ihr erfahrt gleich noch viel mehr in meinem Vortrag“, bremst Niggemeyer die kindliche Wissbegier. „Sonst haben wir nicht mehr genug Zeit.“ Stichwort für Monika Niggemeyer, die eine Unzahl lustig ausschauender Riesenbrillen in die Runde gibt. Die 3-D-Brillen sind nötig, um die Bilder des Fledermausexperten in voller Schönheit betrachten zu können. Die Reise beginnt im rumänischen Schässburg, dem wahrscheinlichen Geburtsort des Grafen Vlad Dracul. „In Vlads Burgruine kriegen viele hundert Weibchen jedes Jahr ihre Kinder“, erzählt Niggemeyer. Eine Innen-Ansicht eines anderen Schlosses in Rumänien zeigt, wie Abertausende Fledermausweibchen in sogenannten Clustern oder Pulken von der Decke hängen. Fledermäuse sind sehr soziale Tiere. Der enge Körperkontakt hält sie warm und fordert jedem einzelnen Tier weniger Energieaufwand für die Körperwärmung ab.
„Iih“, rufen die Kinder, als eine Nahaufnahme den Bereich unter den Tierclustern zeigt. Der Boden ist über und über mit Fledermauskot bedeckt, was wiederum für Mistkäfer einen gedeckten Tisch bedeutet. Großes Hallo gibt‘s auch beim Anblick der „Hufeisennase“. Niggemeyer: „Das ist die hässlichste Fledermaus, die es überhaupt gibt.“ Ganz niedlich dagegen die Langflügelfledermaus, die Niggemeyer in vollem Flug in Bulgarien fotografiert hat. Sein Vortrag ist gespickt mit Wissenswertem: „Die Tagesbeschäftigung von Fledermäusen ist Putzen. Dabei werden die Flughäute durchgekaut, sonst vertrocknen die wie Pergament.“ Fledermausweibchen seien sehr geschwätzig. Und wenn ihr das Gefasel der Pulk-Nachbarin zu nervig wird, kann die Fledermaus ganz bequem auf stumm stellen. „Fledermausohren sind sehr beweglich; nach rechts, links, oben und unten bewegen sie ihr Ohr um den Tragus - einen Ohrendeckel - herum und halten es damit zu.“ Beim Flug sind Maul und Augen offen. „Das offene Maul brauchen die Tiere zum Orten.“ Dabei sei, so der Experte, das durch Echolot erzeugte Abbild der Umgebung „viel viel präziser“ als das Bild, das Augen liefern. „Brünftige, also verliebte Fledermausmännchen grinsen“, berichtet Niggemeyer amüsiert. „Das ist wegen der Fettdrüse unter den Augen. Die füllt sich und drückt die Mundwinkel nach oben.“ Im Frühsommer dann sind die Weibchen zickig und die Männchen werden verscheucht, denn sie stören nur bei der Aufzucht der Jungen. Letztere werden binnen sechs bis acht Wochen des Säugens so groß wie ihre Mütter, sind dann aber längst noch nicht erwachsen: „Babys erkennt man an den blauen Lippen, Adulte Fledermäuse haben braune.“
Die Pfadfinderkinder staunen über die Mopsfledermaus, die mit ihrem eingedrückten Gesicht wie eine „fliegende Zigarre“ aussieht, erfahren von 50 Mio. Jahren alten Fledermaus-Fossilien aus der Grube Messel bei Darmstadt und hören, dass sich die Flugsäuger gerne in Bunkern verkriechen. „Der Rückbau von Bunkern ist leider schlecht für die Fledermäuse“, so der Experte. Zugesetzt wird der Fledermaus außerdem durch Umweltbelastungen. Als Insektenfresser nehmen sie Insektizide auf, die sich im Fettgewebe ablagern. Im Winterschlaf, wenn es an die Fettreserven geht, löst sich die Chemikalie aus dem Gewebe und vergiftet die Tiere. Auch der Nachwuchs nimmt das Gift über die Muttermlich auf.
Der 3-D-Exkurs endet mit Bildern vom Schloss Hohentübingen, Tübis Heimat. Hier gab es in der Vergangenheit viele tote Fledermäuse, die sich durch Lindan-behandeltes Holz vergiftet haben. „Heute leben die Tiere im Keller des Gebäudes. Die `Erholung´ des Schlosses hat 20 Jahre gedauert“, erläutert der Fachmann. Derart umfassend informiert, wollen die Überruhrer Pfadis ihre nächste gute Tat den faszinierenden Flugsäugern widmen. Ein Fledermauskasten als Unterschlupf ist schon vorhanden und Rolf Niggemeyer weiß ganz bestimmt, wo man den am besten montiert.

Autor:

Melanie Stan aus Essen-Ruhr

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