Heiligabend in den 1950ern

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Ein ganz besonderer Heiligabend

Vater war bei der Bahn und fuhr damals in den Fünfzigern als 
Schaffner in den alten roten Bahnbussen auch auf der Linie 
Essen HBF – Velbert – Wuppertal.
Diese alten Busse hatten damals nur den Einstieg hinten und 
der Schaffner saß in so einem Art Schaltersitz, wo auch der 
Durchgang war. Man musste einen Fahrschein lösen, den er
von einem der vielen verschiedenen Blöcke abriss und gab das 
Wechselgeld aus einem auch auf den Bauch zu tragenden 
Wechselgeldbehälter zurück, indem er Tasten an bestimmten 
Röhren niederdrückte, wo dann unten das entsprechende 
Kleingeld herausfiel.
Da die Bahner nun auch Wechseldienst hatten, fiel hin und
wieder auch der Heiligabend auf so einen Tag, wo Vater Dienst 
hatte.
Da Mutter mich Küken gerne von Halse hätte (um den 
Weihnachtsbaum zu schmücken), machte Vater den Vorschlag, 
mich zum Dienst morgens von 10Uhr bis 16Uhr mitzunehmen.
Ich fand das toll und meine Mutter konnte in Ruhe zu Hause 
alles fertig machen.
Vater schaute noch im Kursbuch nach, wann denn der letzte 
Zug von Essen nach Steele fuhr und stellte fest, dass 16Uhr30 
noch einer fuhr. Damals ruhte wirklich ab 17Uhr der Verkehr
und es wurde wirklich eine Stille Nacht.
Also fuhren wir frohgemut morgens mit der alten Dampflok 
nach Essen und ich begleitete meinen Vater in das Gebäude mit 
dem Bereitschaftszimmer, wo auch die Cola-Automaten damals 
schon standen.

Kollegen begrüßten meinen Vater und freuten sich, abgelöst zu 
werden und zu ihren Familien heim zu können. Laut wurde
überall Fröhliche Weihnachten gewünscht und schon hatte mein 
Vater all die Utensilien zur Hand, die er zum Dienstantritt
brauchte. Wir gingen zu seinem Bus, er setzte mich hinten in 
die letzte Reihe und begab sich zu seinem Platz. Er richtete seine 
Fahrkarten her und als sich die Türen öffneten, strömten schon 
die Fahrgäste herein, die alle erst bei ihm eine Fahrkarte lösen 
mussten.
Es war kalt draußen und es lag tatsächlich Schnee, was damals 
an Heilig-Abend auch nicht so oft vorkam.
Richtung Velbert und Wuppertal war es glatt und der Fahrer 
musste schon aufpassen.
Die Stunden vergingen wie im Fluge und die Fahrgäste wurden 
nach und nach weniger. Viele wünschten ein frohes Fest und die 
Stimmung war locker und fröhlich, und dann ging es wieder 
heim nach Essen. Kurz vor 16 Uhr waren wir zurück. Vater 
rechnete sein Wechselgeld ab, brachte seine Dienstutensilien in 
sein Spind und wir eilten uns, um den letzten Zug nach Steele 
nicht zu verpassen. 

Unsere Überraschung war groß, als wir feststellten, dass der 
letzte Zug nicht um16Uhr30 sondern schon um 16Uhr 
abgefahren war. Da standen wir nun am Heiligen Abend in der 
Kälte - was nun? Taxi- damals undenkbar- das Geld war knapp. 
Straßenbahn kostete zwar auch Geld, aber auch sie fuhr 
nicht mehr.
Also blieb uns nur die Erkenntnis, dass wir uns zu Fuß 
die lange Steeler Str. entlang bis nach Hause laufen mussten.

Frohgemut machten wir uns auf den Weg. Als wir uns dann 
in der Höhe Schwanenbusch befanden, kam uns der Ostwind 
eiskalt entgegen .Vater hatte damals noch einen Eisenbahnermantel
an, einen ganz langen und schweren warmen Mantel mit 
goldenen Knöpfen dran. Er knöpfte ihn auf und nahm mich 
unter den weiten Mantel. So vor der Kälte beschützt, 
marschierten wir durch den Schnee gegen den Wind und sahen
in den Fensterscheiben schon die Kerzen leuchten an den 
Weihnachtsbäumen.Wir fingen an, laut Weihnachtslieder zu singen
und erreichten in mehr als einer Stunde immer noch singend, zwar
durchfroren, aber glücklich unser Zuhause.
Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht, weil wir nicht kamen.
Aber jetzt hatte sie für uns eine heiße, leckere Rindfleischsuppe 
vorbereitet und danach konnte endlich unser Weihnachtsfest beginnen.
Diese Erinnerung ist eine meiner liebsten an meinen schon lange 
verstorbenen Vater und damit auch an die alte Bundesbahn.
Vaters Uniformmütze, die rote Schärpe und die Trillerpfeife
besitze ich heute noch.
Brigitte Steins, Essen

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