Die AWO Essen mischt sich politisch ein - und das jetzt deutschlandweit!

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Die AWO Essen-Spitze macht Druck auf die Politik und schreckt auch vor einem "Aufmerksamkeits"-Besuch in Berlin nicht zurück (v.l.): Klaus Johannknecht, Judith Schlupkothen, Oliver Kern und Dirk Busch. Fotos: Janz
 
AWO Essen-Vorsitzender Klaus Johannknecht

Nicht erst durch den Armutsbericht der Bundesregierung wurde die AWO Essen-Spitze aufgeschreckt. Klaus Johannknecht (Vorsitzender): "Was auf diesen 638 Seiten zu lesen ist, erlebt unser AWO-Team tagtäglich in der Realität." Und Oliver Kern (Geschäftsführer) legt nach: "Wir sind nicht der stille Reparaturbetrieb für die Fehler des Systems." Deshalb wird's jetzt aus Essen laut...

Klaus Johannknecht und Oliver Kern haben ihre politischen Forderungen in eine Broschüre verpackt, die in diesen Tagen an alle AWO-Kreis- und Landesverbände sowie den Bundesverband verschickt wird. Von Essen aus soll das Zeichen klar sein: Gemeinsam Druck machen gegen Ungerechtigkeit.
Die Forderungen: "Altersarmut bekämpfen", "Bessere Pflegeschlüssel", "Erhöhung des Mindestlohns", "Zukunft ohne Kinderarmut", "Betreuung in Kitas verbessern", "Sozialen Wohnungsbau stärken".
Oliver Kern möchte diese - ja längst bekannten - Punkte mit bundesweiter AWO-Wohlfahrstverbands-Kraft ins Visier von Politik und Gesellschaft bringen: "Es darf doch nicht dem Zufall, Wahlterminen oder Wahlversprechen überlassen sein, dass auf die verschärfte Situation der Ärmsten in unserer Gesellschaft endlich reagiert wird." 
Drastisch sieht Oliver Kern die Situation der alten Menschen: "Immer mehr Senioren droht die Altersarmut, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet und für die Rente eingezahlt haben. Ein weiteres Absinken des Rentenniveaus muss politisch verhindert werden. Ich finde es klasse, wenn die Tafeln in den Städten durch Ehrenamtler organisiert werden. Wir können aber doch nicht sagen, toll, klappt doch. Vielmehr ist es erbärmlich, dass alte Menschen auf gespendete oder kurz vor der Mindesthaltbarkeit stehende Lebensmittel angewiesen sind."
Die AWO Essen fordert aber nicht nur, sie handelt auch. Da in der Ruhrmetropole rund 16.000 Sozialwohnungen fehlen, will die AWO selbst als Bauträger fungieren. Aktuell in Rüttenscheid und womöglich auch in Steele. Sozialer Wohnungsbau sei möglich, wenn Investoren auch durch Fördergelder angelockt würden und die Stadt mehr Anregungen parat hätte. Weiterhin baut die AWO ihre Seniorenzentren um, investiert in Mehrgenerationenprojekte und die Verbesserung der Pflegeberufe.
Und wie möchte die AWO sich durchsetzen? Klaus Johannknecht: "Es reicht nicht, bei Konferenzen nur Beschlüsse zu fassen. Wir müssen als AWO die Öffentlichkeit suchen, so die Menschen für unsere Ideen begeistern und Druck auf die Politik ausüben. Ich stelle mir noch in diesem Jahr keine Demo, aber eine, sagen wir mal: Aufmerksamkeitsveranstaltung mitten in Berlin vor."

 „Wir werden weiter Druck machen! Die AWO ist ein politischer Verband und wir werden uns weiter einmischen, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht. Wir werden nicht hinnehmen, dass in unserer Gesellschaft Arme immer ärmer und Reiche immer reicher werden.“
AWO Essen-Vorsitzender Klaus Johannknecht

KOMMENTAR:
Wenn nicht jetzt, wann dann?

In Deutschland geht es allen gut, hier lebt man gerne und demnächst haben wir auch noch Vollbeschäftigung... Dieses Märchen entzaubert u.a. der Armutsbericht der Bundesregierung. Rentner, die im Pflegeheim nur noch ein lächerliches Taschengeld zur Verfügung haben. Kinder, in die falsche Familie und den falschen Stadtteil hineingeboren, die keine Aufstiegs-Chancen besitzen.
Und mittendrin Wohlfahrtsverbände, die die Menschen vernünftig betreuen wollen - und dafür noch draufzahlen müssen. Die AWO Essen-Spitze hat den Kaffee auf. Oliver Kern und Klaus Johannknecht (selbst Sozialdemokraten) trauen sich was und gehen - mitten im Geplänkel zur nächsten Großen Koalition - auf die Barrikaden. Was Kanzlerkandidat Martin Schulz nicht gelungen ist, die Broschüre "Wir machen Druck" bringt es auf den Punkt: Es ist jetzt Zeit für mehr Gerechtigkeit - wenn nicht jetzt, wann dann?
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1 Kommentar
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Siegfried Räbiger aus Oberhausen | 03.02.2018 | 11:38  
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