"So ungewöhnlich bin ich noch nie aufgetreten" - Kultur im Laden öffnet Türen und Möglichkeiten

Konstantin Novikau spielt englische, deutsche und italienische Lieder und hat seine Wurzeln in Russland.
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  • Konstantin Novikau spielt englische, deutsche und italienische Lieder und hat seine Wurzeln in Russland.
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„Bitte hier nicht parken, hier findet gleich eine Tanzperformance statt. Aber kommen Sie doch vorbei, es lohnt sich!“, Christina Hellmich hat einen stressigen Job an diesen Abend: Sie unterstützt „City in motion“, einen der drei Walking Acts (übersetzt: mobiler Auftritt) des Kulturprojekts „Kultur im Laden“ bei den letzten Vorbereitungen für den großen Auftritt.

„Das hier geparkt wird, hat vorher keiner bedacht. Alle waren so angetan von den Möglichkeiten hier“, berichtet sie, während sie mitten auf dem Parkplatz an der Altendorfer Straße, Ecke Grieperstraße spontan ein „Nicht parken“-Banner bastelt. Später am Abend sollen auf beide Straßenseiten mobile Wände die Tanzdarbietung wie ein Kokon künstlerisch ergänzen. Das Projekt sei eine tolle Sache und die Menge an Teilnehmern großartig, so Hellmich weiter. 
„Kultur im Laden“ ist ein Kulturprojekt der Stadt Essen unter Leitung von Veronika Maruhn. Geschäfte und Betriebe entlang der Altendorfer Straße zwischen den Haltestellen Röntgen- und Helenenstraßen öffnen ihre Türen bis spätabends und geben Künstlern aus aller Welt die Gelegenheit zu außergewöhnlichen Auftritten.
Ein paar Meter weiter, beim 1-2-3 Autoservice werden um 18 Uhr noch letzte Vorbereitungen getroffen. „Unsere Band Culture Pool war ursprünglich als vorübergehendes Studienprojekt geplant. Wir haben 2001 angefangen und dann hat es sich einfach weiterentwickelt. Wir spielen Rock, Pop, Funk und vieles mehr, ergänzt um Ethnoeinflüsse. Wir nennen es Global groove“, schmunzelt Ralf Jahn, selbst Bandmitglied. Und schon beginnen die Musiker mit Wurzeln in Afrika, Asien und Europa mit der letzten Probe. Eine Stunde später platzt der kleine Laden aus allen Nähten. Die aufgestellten Bierbänke im Inneren reichen längst nicht mehr aus, um allen Gästen Platz zu bieten und so stehen sie bis auf die Straße. Dabei verdecken sie fast den roten Teppich, der vor allen teilnehmenden Geschäften ausgelegt ist und deutlich macht: Hier ist was los und alle sind eingeladen.
„Wir bringen die Kultur zu den Menschen. Das Festival ist kostenlos und direkt vor der Haustür“, erklärt die künstlerische Leiterin Veronika Maruhn. Ihr Ziel ist es Kultur auch für neue Zielgruppen zu erschließen und gleichzeitig die lebens- und liebenswerten Seiten Altendorfs hervorzuheben. Das Programm des Projektes umfasst viele Künstler, die sich auf sehr individuelle Weise mit der Geschichte des ursprünglichen Krupp-Einzugsgebietes befassen. „Aus ähnlichen Angeboten haben sich in New York und anderen Großstädten neue Trendviertel entwickelt“, sinniert Maruhn und hat dabei wohl Brooklyn und das East Village im Big Apple im Kopf. Sie selbst spielt in der Unterführung an der Altendorfer Straße 360 und trägt Großstadtlyrik vor, ergänzt durch das Akkordeonspiel von Winni Slütters. „Ich bin aktiv angesprochen worden, ob ich mir eine Aktion für Altendorf vorstellen kann. Ich bin hier seit fünf Jahren unterwegs und irgendwann entstand die Idee für dieses Kulturprojekt“, erinnert sich die Maruhn an die Startphase von „Kultur im Laden“.
Auf dem Weg zum nächsten Laden, der an diesem Abend kulturell in Erscheinung tritt, schlichtet ein weiterer Walking Act gerade einen aufkeimenden Streit. Ein Auto ist über eine rote Ampel gefahren, als eine Anwohnerin die Straße überqueren wollte. „Ganz ruhig, Sie haben ja recht, aber lassen wir uns diesen Abend nicht verderben“, beschwichtigt Trostspender und Schauspieler Giesbert Görke. „Ich war schon bei der ersten Auflage des Festivals im letzten Jahr dabei und heute wieder“, freut er sich. An seinem Arm hängt ein großer Korb, gefüllt mit Süßigkeiten. Er hat sich zum Ziel gesetzt, an diesem Abend keine schlechte Laune zuzulassen. „Ich mache Scherze mit den Leuten und schlichte sogar Beziehungskrisen“, lacht er.
In der afrikanischen Bar vor der Görke in diesem Moment steht, spielt zeitgleich Konstantin Novikau, Akkordeonspieler und Sänger. Die Bar ist gut besucht und die Klänge sind bis auf die Straße zu hören. Barbesitzer Hmadou Kanté gibt zu: „Das ich mitmache war die Idee der Chefin (Anm.: gemeint ist Veronika Maruhn) und ich habe einfach ja gesagt.“
Ebenfalls von Maruhn angeworben und begeistert wurde Sabine Paas, die in den Räumen der Familien- und Krankenpflege e.V. eine Lesung hält. „Ich hoffe, dass heute Abend alle fasziniert sind von den Geschichten, die ich vorlesen werde.“ An ihrer Seite und jeweils im Wechsel auftretend: Der Essener Kulturdezernet Muchtar Al Ghusain am Klavier. „Es war die Idee meiner Mitarbeiter bei diesem Programm selbst aufzutreten“, berichtet er. Seit sechs Monaten in Essen, lernt er die Stadt noch immer kennen: „Ich hoffe, dass wir dieser lebensfeindlichen, vierspurigen Straße heute Abend neuen Flair einhauchen können. Nachher schaue ich mich auch noch selbst im Viertel um.“
Erst als es schon lange dunkel geworden ist, endet „Kultur im Laden“ in Frohnhausen mit einer Abschlussveranstaltung an der Christuskirche, die die Lebhaftigkeit des gesamten Abends widerspiegelt.
Das Festival geht nun in eine kleine Serie: Am 21. September finden „Kultur im Laden“ in Frohnhausen statt.

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