Bücherkompass - Rezension: Herbert Knebel "Boh glaubse... Die Klassikers"

Verlag Henselowsky Boschmann – Bücher vonne Ruhr

Herbert Knebel sollte man im O-Ton erlebt haben. Sei es bei seinen U-Punkt Geschichten auf WDR oder bei seinen zahlreichen TV-Auftritten. Erst 2013 feierte die von Uwe Lyko erschaffene und verkörperte Kunstfigur Ihr 25jähriges Bühnenjubiläum und man stellt fest: er ist kein bisschen älter geworden, als er schon immer war. Aber funktioniert der Mann, der vermutlich als einziger eine goldene Uhr für ein viertel Jahrhundert eifrigen Rentnertums ums Handgelenk tragen dürfte, auch als Buch?

Es ist nicht ganz einfach, das Buch, das gerade nach vollendeter Lektüre neben mir liegt einzuordnen. Etwas naiv und unvorbereitet ging ich davon aus, eine Sammlung seiner besten Werke zum gegebenen Anlass in den Händen zu halten. Ein flüchtiger Blick auf die ersten Seiten bestätigte den Verdacht zunächst. 1. Auflage – aha, also brandneu. 2012 – naja fast; aber da ahnte der Mann bestimmt schon, dass sein Jubiläum vor der Tür steht. Dennoch mal genauer auf die Randdaten geschaut. Im Rückseitentext wird hier von der ersten Buchveröffentlichung geschrieben. Aber hatte ich nicht letztens noch in der Buchhandlung eine ganze Auslage diverser Knebel-Bücher in meinem Blickfeld wahrgenommen? Dann war der Autor in den vergangenen zwei Jahren aber extrem produktiv. Also gut, erst mal den Inhalt in Angriff nehmen. Wird sich bestimmt klären.

Kaum angelesen hat man auch schon die gewohnte Ruhrpott-Nöle des Altenessener Stammtischfillesofen inne Lauscher. Etwa 45 von diese Annekzdoten hat der Oppa da nachhem Alphabett geordnet auf 95 Seiten zusammengekritzelt. Da wird vonnem Theo Röttger seine Problemzonen (Pilsgeschwür), dem Echbert seinem neuen Montan-Beik und über der Guste ihrem Frauenklatsch-Treffen, dat im Knebelschen Wohnzimmer ausgetragen wird, obwohl bei der Witwe Rita Hammerschlag, ja getz sturmfrei is, berichtet. Während man bei die Großeverdienern noch drüber wech sehn kann, dat die die ein oder andere Markfuffzig mehr einheimsen als die noch unter uns verbliebenen Kollegen ausser Rauchergruppe, fragt man sich doch spätestens bei die Magret Schreinemackers und dem Frank Elstner – wer warn denn die nochma?

So lustig die Geschichten auch sind, wird einem mit abnehmender Seitenzahl immer bewusster, dass die in diesem – leider sehr dünnen – Werk zusammengetragenen „Klassikers“ irgendwo nach der Pensionierung des Protagonisten anfangen – und dort auch stehen geblieben sind. Eine kurze Recherche bestätigte den zurückgehaltenen Anfangsverdacht. Bereits 1996 (also noch kurz vor dem Internetzeitalter) erschien ein Buch von Herbert Knebel mit gleichem Titel im gleichen Verlag. Und bereits dort wurden diese frühen Klassikers seiner Bühnenjugendtage zu Papier gebracht. Damit ist dann auch die Aussage vom Bucheinband zum ersten Buch gerechtfertigt. Verwirrend bleibt weiterhin, wie man die Bemerkung „1. Auflage 2012“ zu verstehen hat, denn, wer schon mal in einem Antiquariat die Regale entstaubt hat, dem wird vielleicht auch mal eine 7. veränderte Auflage aus dem Jahr 2004 (diese sogar noch mit 119 Seiten) auf den großen Zeh gefallen sein. Zugegeben, es wäre anmaßend von mir zu behaupten, das Knebelsche Repertoir chronologisch herunterbeten zu können und es gehört ja auch irgendwie zur Figur, dass die Weltgeschehnisse dem alten Schlapphutträger, ein wenig enteilen. Ich werde jedoch auch ohne den detaillierten Silbenvergleich mit den früheren Auflagen den Verdacht nicht los, dass der Verlag uns frisch aufgebackene, alte Brötchen verkauft. Wohlwollend könnte man einräumen, dass die Nachfrage bestimmt mittlerweile so groß geworden ist, dass die Auflagen der vielen Zahlenstellen wegen nicht mehr fortlaufend gezählt werden, und ich jetzt gerade die erste Auflage von den vielen, die 2012 herausgegeben wurden, erwischt habe.

Fazit: „Boh glaubse…“ ist ein unterhaltsames und kurzweiliges Buch, an dem man lediglich bemängeln kann, oder besser gesagt, muss, dass Autor und Verlag es verpasst haben, dem Sammelband durch fortlaufende Ergänzungen der neueren Geschichten in einer geeigneteren (z.B. chronologischen) Reihenfolge, den nötigen Mehrwert einzubinden. Wer Herbert Knebel noch gar nicht kennt und sich erhofft, durch dieses Erstlingswerk den Einstieg zu finden, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nur einen Bruchteil seines Humors über das Buch aufnehmen können. Der Schreibstil im Ruhrpottslang alleine kommt nicht annähernd an das authentische Auftreten heran, mit welchem Uwe Lyko seinen alter Ego auf der Bühne die Dönekes erzählen lässt. Somit komme ich auf zwei Empfehlungen zu diesem Buch. Zum einen an potentielle Leser: nur kaufen, wenn Ihr Herbert Knebel schon kennt oder Sammler seid. Neueinsteigern sei da eher zu einer DVD seines Bühnenprogramms geraten. Zum anderen meine Empfehlungen an den Verlag: die erste Auflage 2014 sollte man besser als Hörbuch (gab es sowas 1996 überhaupt schon?), gelesen vom Autor, in Betracht ziehen.

Autor:

Sebastian Cappellacci aus Essen-Süd

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