Händler in Rüttenscheid stehen zu ihrem Markt
"Es macht immer noch großen Spaß!"

Ein gemütlicher Marktbummel gehörte früher zum Alltag - heute ist es oft die Ausnahme.
3Bilder
  • Ein gemütlicher Marktbummel gehörte früher zum Alltag - heute ist es oft die Ausnahme.
  • Foto: Meike Coenders
  • hochgeladen von Meike Coenders

Spätestens um 4.30 Uhr startet der Tag von Frank Seibertz. Zweimal in der Woche geht es für den Blumenhändler aus Essen zur Blumenauktion an der holländischen Grenze. Dann heißt es mitbieten und die Kundenwünsche im Blick behalten.

“Früher hatte ich nur wenige Produkte, davon aber große Mengen. Heute hingegen muss ich viel Auswahl bieten, dafür benötige ich jeweils nur einen Eimer”, erklärt der gelernte Gärtner, wie sich sein Arbeitsalltag über die Jahre verändert hat. Den Marktstand betreibt Seibertz gemeinsam mit seinem Vater, der noch heute an den Samstagen mitkommt: “Es ist sein Leben. Und ich kann mir gut vorstellen, dass ich selbst auch bis 70 mache.”
Wenn er nicht in den frühen Morgenstunden mit dem LKW in Richtung Venlo startet, geht es stattdessen auf die einzelnen Wochenmärkte in den Stadtteilen. “In Rüttenscheid baue ich meist schon um 5 Uhr auf”, erzählt der Frühaufsteher. Mit den Jahren hat sich auf dem Markt eine Routine entwickelt und die Händler wissen, in welcher Reihenfolge sie auf den kleinen Platz auf- und wieder herabfahren. Ein Standplan gibt zudem vor, wer wo steht. Oftmals besetzen die Händler schon seit Jahrzehnten den gleichen Platz. So finden Stammkunden stets ihren Weg zu den Lieblingsprodukten. Der Nachteil: Insbesondere am Mittwoch gibt es viele freie Standplätze. Für viele Händler lohnt sich der Wochentag nicht. “Die Zeiten haben sich geändert. Wir merken, dass heute meist beide Partner arbeiten sind. Da bleibt keine Zeit, um bis mittags auf den Markt zu gehen”, meint Seibertz.
Einige Meter weiter steht Hermann Welp mit seinem Stand. Neben frischen Backwaren gibt es hier auch Pasta und stets neue Geschichten zu hören. Welp engagiert sich stark für den Markt und veranstaltet das samstägliche Marktsingen, eine Vorlesereihe für Kinder, ebenfalls samstags sowie die regelmäßigen mottobezogenen Marktspaziergänge. “Beim Marktsingen bekommen wir oft prominente Unterstützung”, freut sich Welp, bevor es sich schon der nächsten Kundin zuwendet, “Die Vorteile des Marktes gegenüber dem Einzelhandel liegen auf der Hand: Wir sind openair, bieten ein breites Programm, engen Kundenbezug und vor allem Fachwissen.” Schnell zählt der Bäckermeister auf, wer in der Umgebung was verkauft. Jeder sei Experte für sehr spezielle Produkte, beispielsweise Backwaren, schweizer Käsesorten oder Obst und Gemüse. Das könnten Supermarktketten so nicht bieten.
Seibertz hingegen macht sich Sorgen über die Zukunft des Marktes: “Es wird einfach immer mehr online gekauft. Bei Blumen gibt es da zwar klare Qualitätseinbußen, aber schauen Sie sich mal die Auswahl in den Supermärkten an.” Da sei es schon eine Herausforderung, mithalten zu können. Beide Händler geben an, dass sie zu 80 Prozent Stammkunden haben. “Laufkundschaft habe ich kaum noch”, bedauert Seibertz. Welp, der seine Kunden fast alle mit Namen kennt, genießt es ganz offensichtlich, mit diesen ins Gespräch zu kommen. Er kenne viele Geschichten, berichtet er, und zeigt auf eine Handpuppe, die auf dem Tresen sitzt: “Das ist Herr Svensson. Der erzählt den Kindern Geschichten.”
Vielleicht eine Möglichkeit, die Kunden von morgen schon heute zu binden. Oder auch Nachwuchs in Sachen Marktstandbetreuung zu generieren. “Wir haben Nachwuchssorgen”, berichtet Frank Seibertz. Viele Stände würden wohl nach der Verrentung ihrer Betreiber nicht fortgeführt werden. “Das wäre sehr schade. Bis dahin werde ich hier zwar auch nicht mehr einkaufen können, aber ich mag den Wochenmarkt”, sagt Elfie Beitert, die regelmäßig mit einer Freundin über den Markt bummelt. Kaufen täten sie allerdings nur selten etwas, geben beide zu. Letztlich seien die Produkte bei den Discountern einfach günstiger und die Rente würde nicht viel Spielraum erlauben, rechtfertigen sich die Damen.
Gemütlich ist solch ein Bummel allemal. In Rüttenscheid ist dies mittwochs und samstags möglich, dann sogar bis 14 Uhr.

Autor:

Meike Coenders aus Essen-Süd

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

2 Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.