Museum Abtsküche zeigt Ausstellung über die Strafanstalt Werden
Es war die Hölle

Norbert Fabisch mit einem Schlüsselbund  als das Erkennungsmerkmal eines Aufsehers. 
Foto: Bangert
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  • Norbert Fabisch mit einem Schlüsselbund als das Erkennungsmerkmal eines Aufsehers.
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Der Werdener Norbert Fabisch präsentiert im Museum Abtsküche die Wechselausstellung „Hinter Schloss und Riegel“. Sie befasst sich mit der 117-jährigen Geschichte der Strafanstalt Werden und dem Alltag heutiger Strafanstalten.

Nobert Fabisch ist es gelungen, ein düsteres und lange Zeit verschwiegenes Kapitel der oft so glänzend aufpolierten Historie des Abteistädtchens anschaulich, aufklärend und unterhaltsam aufzuarbeiten. Dieser komprimierten, aber doch gehaltvollen Ausstellung wünscht man viele Besucher. Fabisch denkt auch an Führungen und Schulklassen, für die der Pädagoge im Ruhestand eigens Arbeitsblätter vorbereitet hat, die genaues Hinschauen und per Q-Code auch Recherche im Netz erfordern. Der Ausstellungsort ist gut gewählt. So war die Abtsküche lange Zeit die Sommerresidenz der Werdener Äbte.

Bizarrer Humor?

Es begann mit einer schwarz-weißen Postkarte. Sie zeigt die Strafanstalt Werden, mit Schreibmaschine ist ein irritierender Spruch getippt: „Zur Erinnerung an Ihren unfreiwilligen Aufenthalt…“ Das gab Norbert Fabisch zu denken: „Hatte der Direktor einen bizarren Humor?“ Es dauerte eine Weile, bis der Historiker die Antwort fand. 1923 waren während der Ruhrbesetzung hier in Werden unter französischer Regie Honoratioren eingesperrt. Manager der Ruhrindustrie, Polizeichefs, Bürgermeister, natürlich auch der Werdener, Verwaltungsfachleute. Sie saßen zwar ein, doch mit aller nur erdenklichen Behaglichkeit. Der Direktor sorgte für seine prominenten Gäste und so war diese Abschiedskarte frei von Ironie.

Kostengünstige Lösung

Den sonst üblichen „Gästen“ der Zuchtanstalt ging es deutlich schlechter. Norbert Fabisch macht es kurz: „Es war die Hölle.“ Extrem miserable Haftbedingungen, sadistische Strafen, grassierende Krankheiten. Innerhalb der Mauern der früheren Benediktinerabtei war das Leben eine Qual. Mit wenig Empathie beschaut von den Nachbarn, so Fabisch: „Die Werdener hassten die Strafanstalt.“ Eigentlich eine völlig irre Idee, so eine gigantische Haftanstalt mitten in eine beschauliche Kleinstadt zu pflanzen. Doch die Preußen waren Pfennigfuchser, wie Fabisch erklärt: „Die alte Abtei war die kostengünstigste Lösung.“

Schwerverbrecher

Die Werdener hassten also den Knast. Gründe dafür fanden sich genug. Da war die nicht unbegründete Angst vor Ausbrüchen und Aufständen oder auf den Ort übergreifender Seuchen wie Typhus, dazu die entheiligende Schändung empfundene Umnutzung des uralten Klosters. Die 1803 aufgelöste Werdener Abtei wurde 1811, also noch unter französischer Herrschaft, in eine Zuchtanstalt umgewandelt. Sämtliche Schwerverbrecher der Haftanstalten Düsseldorf und Münster wurden nach Werden verlegt. Bis 1842 waren hier auch Frauen inhaftiert, es gab in dieser Zeit 79 Geburten. Im Jahr 1928 wurde die Haftanstalt aufgelöst. Ihre Überreste wuNorbert Fabisch präsentiert ein Schlüsselbund, das Erkennungsmerkmal eines Aufsehers.
Foto: Bangert
Norbert Fabisch präsentiert ein Schlüsselbund, das Erkennungsmerkmal eines Aufsehers.
Foto: Bangert
rden weitgehend beseitigt. 

Schlimme Haftbedingungen

Die Zuchthausstrafe war ausschließlich für schwere Straftaten vorgesehen. Im Gegensatz zum Gefängnis mussten die Inhaftierten harte körperliche Arbeit leisten. Das produzierte wirtschaftliche Nöte für viele Werdener. Die in der Tuchindustrie Arbeitenden bekamen „Konkurrenz“ durch die quasi kostenlos schuftenden Häftlinge, was die Löhne senkte. Da die Zuchtanstalt keine eigene Landwirtschaft unterhielt für ihre über tausend Insassen, sorgte die Verknappung der Lebensmittel für drastische Verteuerung. Die Zuchthäusler werden sich kaum darum geschert haben, was die Nachbarn von ihnen dachten. Sie hatten ganz andere Probleme. Norbert Fabisch zeigt auf, dass die Bedingungen zumindest aus heutiger Sicht nicht menschenwürdig waren. Viele Häftlinge starben in den ersten 18 Monaten.

Hochsicherheitsschlösser

Darüber hinaus gibt Fabisch Einblicke ins heutige Justizsystem. Das Gefängnismuseum Willich und die JVA Vohwinkel stellten zahlreiche Exponate zur Verfügung wie selbst gefertigte Waffen, Tätowier-Maschine und Schnapsdestille. Einer der Hingucker der Ausstellung ist zweifellos das Hochsicherheitsschloss der Heiligenhauser Firma Steinbach & Vollmann (STUV). Der Albtraum jedes Beamten in der JVA ist es, den Schlüssel zu verlieren. Früher hatte das den Austausch sämtlicher Schlösser zur Folge. Doch STUV entwickelte ein Schloss, welches neun Umstellmöglichkeiten hat und so blitzschnell auf einen neuen Schlüsselsatz „kodiert“ werden kann. Die exquisite Technik hat ihren Preis, je nach Ausstattung bis zu 2.500 Euro je Schloss.

Erschreckende Einblicke

Die 96-seitige Schrift „Hinter Schloß und Riegel“ ist in der Reihe „Wadden Kladden“ erschienen, in der Ausstellung und bei Schmitzbuch zu kaufen. Hier fasst Norbert Fabisch seine Erkenntnisse zur königlich-preußischen Strafanstalt Werden zusammen und gibt erschreckende Einblicke in diesen ganz besonderen Kosmos aus Strafe, Elend und Tod. Die Ausstellung wird bis ins neue Jahr hinein zu bestaunen sein. Das Museum Abtsküche an der Abtskücher Straße 37 in Heiligenhaus öffnet samstags von 13 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr seine Pforten, sowie nach Absprache. Der Eintritt ist frei. Gruppenführungen können unter 0201-402511 abgesprochen werden. Weitere Infos sind unter www.museum-abtskueche.de zu erhalten.

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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