Weltmeisterlich

Die Werdener Nationalspieler Alexander Harzheim und Jonas Gauselmann (r.). 
Foto: Henschke
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Die Werdener Kanugesellschaft Wanderfalke hat zwei Nationalspieler in ihren Reihen

Die Kanugesellschaft Wanderfalke wurde 1925 gegründet. Das Vereinsheim im Werdener Löwental versprüht angestaubten Charme.

Wache Augen, einnehmendes Wesen, beeindruckende Muskeln. Der 28-jährige Jonas Gauselmann ist eher ein ruhiger Vertreter: „Ich bin jetzt nicht so der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Muss nicht sein.“ Daher hatte der Lehrer für Sport und Mathe auch keinem an seiner Schule Bescheid gesagt. Doch nach den Sommerferien umringten ihn plötzlich die Schüler: „Herr Gauselmann, sind Sie wirklich Weltmeister geworden?“ Das hatten ein paar Vorwitzige wohl gegoogelt. In der Tat gewann er mit der deutschen Nationalmannschaft in Kanada die Weltmeisterschaft im Kanupolo. Mit 4:1 wurde Titelverteidiger Italien bezwungen.

Idealismus und Entbehrungen

Unter den Besten der Welt. Wie kommt man da hin? Jonas Gauselmann blickt jetzt ganz fest: „Unfassbarer Idealismus und Entbehrungen. Höhen und Tiefen. Aber es hat sich gelohnt.“ Acht lange Jahre hat er darauf hin trainiert, das große Ziel zu erreichen. Hat sich gequält, in der „Folterkammer“ der KG Wanderfalke den Grundstein gelegt. Hier sind die Geräte antik und es riecht ein wenig streng. Aber Gauselmann strahlt: „Keiner von uns würde unsere alte Bude mit einem schicken Fitness-Studio tauschen.“ Erstklassige Fitness ist unerlässlich. Besonders für ihn: „Ich bin jetzt nicht so der Ballvirtuose, komme eher vom Körperlichen.“ Wichtig sind die Stabilisation aus der Hüfte und gezielt eingesetzte Kraft. Und dies alles in einem kippeligen Kajak: „Das ist Übungssache.“ Da bedeutet drei- bis viermal in der Woche Mannschaftstraining, auch bei eisigen Temperaturen geht es raus aufs Ruhrwasser. Dazu noch individuelles Training. Dazu jede Menge Turniere. Man ist fast jedes Wochenende unterwegs: „Ich lade mein Auto schon gar nicht mehr aus. Zelt und Schlafsack bleiben im Kofferraum.“ Beim Kanupolo geht es familiär zu. Man hat Freunde überall auf der Welt: „Wir sind eine so kleine Sportart. Da kennt Jeder Jeden. Auch in Neuseeland. Da bin ich zwei Monate lang rumgetourt, von Freund zu Freund. Ich habe insgesamt nur 75 Euro für Unterkunft ausgeben müssen.“ Ein Deal auf Gegenseitigkeit. Seit 2015 kommen die neuseeländischen Teams nach Werden für Trainingslager und Testspiele.

„Lass uns Weltmeister werden“

Weltmeisterschaft in Kanada. Das Örtchen Welland hat 50.000 Einwohner, liegt rund eineinhalb Autostunden von Toronto. Übernachtet wurde in einem College. Der Spielort war weit außerhalb auf einer Regattastrecke: „Da war nix. Laufkundschaft verliert sich da nicht hin.“ Man blieb also unter sich. Ganz anders in Europa, da wird ein Stadion schon mal zum Hexenkessel mit zehntausend Zuschauern. In Deutschland gibt es den Maschsee bei Hannover und natürlich den Baldeneysee. Im kommenden Jahr will das ZDF verstärkt übertragen: „So können wir unsere Sportart bekannt machen.“ Der erste WM-Titel war ein unglaublich emotionaler Moment für die deutsche Kanupolo-Mannschaft. Denn sie musste ohne ihren Teamkameraden Fiete Junge antreten. Der war kurz vorher völlig überraschend an den Folgen einer Hirnhautentzündung verstorben. Jonas Gauselmann ist immer noch geschockt: „Fiete war mein Vorbild. Für mich der beste Spieler der Welt.“ Die Einstimmung vor dem Finale fiel kurz aus und Bundestrainer Björn Zirotzki zitierte Fiete Junge: „Lass uns Weltmeister werden.“ Das ganze Turnier über war die Defensive der Schlüssel zum Erfolg. Doch Deutschland fing sich in der ersten Minute ein Gegentor: „Wir waren echt nervös.“ Dann aber hatte Italien nicht den Hauch einer Chance. Der Rest war Jubel: „Unfassbar emotional. Natürlich freut man sich, hat aber einen guten Freund verloren.“ Jonas Gauselmann reckte nach dem Titelgewinn Fiete Junges Weste mit der Nummer 10 in die Höhe: „Diese Lücke ist sportlich und menschlich nie zu schließen.“

„Da war nur Leere“

Auch Alexander Harzheim war bei der WM in Kanada. Der 21-jährige Spross einer in Werden als extrem sportlich bekannten Familie studiert BWL und Maschinenbau: „Als Zehnjähriger hat mich ein Freund mal mitgenommen zum Reinschnuppern. Ich habe sofort gemerkt, dass mir Kanupolo Spaß macht. Seitdem habe ich gefühlt 360 Tage im Jahr bei der KG verbracht.“ Auch er ist Nationalspieler und war erstmals bei den U21-Junioren mit von der Partie. Auch sein Team erreichte das Finale: „Dabei hatten wir in der Vorrunde einen Stolperstart. Nur Remis gegen die Niederlande und hauchdünner Sieg über Polen.“ Aber Deutschland wurde im Turnierverlauf immer stärker: „Im Halbfinale haben wir Italien weggemäht.“ Mit breiter Brust ging es ins Finale. Aber Großbritannien war zu gut: „Zunächst hatten wir ihren Spielmacher im Griff, dann machte er doch zwei Dinger. Auf diesem Niveau darfst du halt keinen aus dem Blick verlieren. Und der britische Torwart hat alles rausgeholt.“ Ein knappes 2:3 gegen den Titelverteidiger war durchaus aller Ehren wert. Vizeweltmeister. Dennoch war der Frust groß: „Man saß mutterseelenallein in seinem Boot und da war nur Leere. Direkt nach dem Spiel war es schwierig. Doch nachher haben wir uns schon gefreut.“

Viel beim Sport gelernt

Kanupolo ist so ähnlich wie Handball. Nur halt auf dem Wasser. Fünf Spieler pro Team, es gibt keinen festen Torwart. Die Tore sind zwei Meter über dem Wasserspiegel angebracht. Gespielt wird mit einem griffigen Wasserball, zur Ausrüstung gehören ein Kajak und ein Paddel, außerdem noch ein Helm mit Gesichtsschutz und eine Schwimmweste. Im Kanupolo gehört Wanderfalke zu den profilierten Bundesliga-Vereinen, diesmal wurden Alex und Jonas mit ihrem Team Siebter. Kanupolo beginnt im Löwental mit Jungen und Mädchen bis zu 10 Jahren, die sich spielerisch der anspruchsvollen Sportart annähern und bei den ersten Übungen im Boot nach und nach die Scheu vor dem Wasser verlieren. Doch die Kanugesellschaft hat Nachwuchsprobleme. Hohe Fluktuation im Jugendalter. Lehrer Gauselmann weiß genau, wovon er da spricht: „Das ist ein generelles Problem. Ich habe tagtäglich mit Jugendlichen zu tun. Da fehlen mir oft Ehrgeiz und Disziplin. Man muss dranbleiben. Bei mir gehört Sport zum Tagesablauf. Ich habe viel gelernt beim Sport.“

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