20 Jahre Werden Kurier - Guten Tag

Zum Guten Tag gehört natürlich ein Portraitfoto. Hier einer der ersten Versuche.  Foto: Archiv
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  • Zum Guten Tag gehört natürlich ein Portraitfoto. Hier einer der ersten Versuche. Foto: Archiv
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Wie eine eigentlich ganz simple Titelglosse in bedingungsloser Offenheit endete

Es begann wie so vieles im Leben völlig unspektakulär. Die Kollegin quälte sich. Partout wollte ihr kein gescheiter Opener für die Titelseite des Werden Kuriers einfallen. Im „Guten Tag“ sollen die Leser auf die aktuelle Ausgabe vorbereitet werden und die kleine Randglosse Geschmack auf mehr machen. Natürlich alles mit lokalem Bezug zum Abteistädtchen.

Klingt doch ganz harmlos. Ist aber nicht so mal eben so zweimal in der Woche aus dem Ärmel geschüttelt. Ein verzweifelter Blick: Hier war eine Dame in Not. Sofort meldete sich meine Ritterlichkeit und ich sagte zähneknirschend: „Also guuut.“ Doch was schreiben? Kann ich wenigstens ein paar Tipps bekommen? „Och Daniel, du fabulierst doch so gern. Und Du wohnst doch in Werden. Da liegen doch die Themen vor deiner Tür.“ Ach so ist das. Aber wenn schon, denn schon. Also mit Schmackes ran an den Speck, den Griffel raus und schreiben. Meine kleine Welt, was unseren Nachbarn letzte Woche passiert ist, ein bisserl Politik, unser nicht immer nur bilderbuchschönes Werden, die lieben Tiere: Unsere Hundeseniorin in Love, die bekloppte Katze, das gefundene Entenbaby. Auch gerne missbraucht: Die Familie. Speziell unser Kleiner musste immer wieder herhalten: Sein USA-Trip, das erste Tor bei den Fußballsenioren, der Junge will demnächst ausziehen, und so weiter. Natürlich immer mit Augenzwinkern serviert. Sein vorsichtiger Blick auf die Titelseite, ob er schon wieder in die Pfanne gehauen wurde: Unbezahlbar. Was auch immer ich verzapfte, beim Frühstück konnten die Werdener es lesen. Die Marlies hat mir da mal ihre Technik anvertraut: „Wenn dein Bild da vorne prangt, bekomme ich den Kurier zuerst zu Lesen. Wenn nicht, kann der Michael ihn erst einmal haben.“ Das Foto machte mich noch leichter identifizierbar. Das trieb merkwürdige Blüten. Im Supermarkt standen wir an der Kasse. Da drängelte sich die resolute Dame vor, schubste meine Gattin zur Seite und bedrängte mich: „Sind Sie nicht der von der Titelseite? Der Henschke?“ Ja. Ertappt. Diese Schmonzette erzählt meine Frau heute noch gerne in trauter Runde. Und schaut mich dabei warnend an.

Heikle Themen

Ab und zu drängten sich heikle Themen in den Guten Tag. In „Kinderaugen“ kritisierte ich die nicht nur aus meiner Sicht unsensible Vorgehensweise der Behörden, als eine Flüchtlingsfamilie mit vier kleinen Kindern in einer Nacht- und Nebelaktion aus den Betten geholt und abgeschoben wurde: „Ich muss einen Kommentar verfassen, Worte finden, wo es eigentlich keine mehr gibt. Wo man ohnmächtig schweigen müsste. Aber eine leere Zeitung? Undenkbar. Journalist? Manchmal ein Scheiß-Job.“ Die so wichtige Arbeit der Menschen von der Hospizarbeit nahm ich zum Anlass, über den Todeskampf meines Vaters zu reflektieren. Es war ein verzweifelter stummer Abschied, der mich noch heute, 22 Jahre später, schaudern lässt. Vor kurzem ein Nachruf auf meine Freunde Harald und Werner. Ein journalistisches Vorbild und ein warmherziger Menschenfreund. Wie oft haben mich schon Mitmenschen angesprochen, ich würde ja gar nichts mehr im Käseblättchen schreiben. „Stimmt doch gar nicht“, denke ich: „Mehr denn je.“ Doch die Leute meinen natürlich den Guten Tag. Denn inzwischen haben sich die Aufgaben verschoben. Ich mache Homeoffice, die in der Redaktion schreiben den Guten Tag, was für mich eine Entlastung bedeutet. Und meine Familie ist heilfroh, dass sie nicht mehr wöchentlich bei völlig fremden Menschen auf dem Frühstückstisch auftaucht. Das fällt mir eine nette Anekdote ein, eigentlich ideal für einen Guten Tag. Herrjemine, fast wäre sie mir rausgerutscht. Aber ich schweige wie das Grab. Das kann ich ja überhaupt am besten.

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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