Saubermänner mit Tiefgang

Metallschrott fand sich zuhauf im Baldeneysee. Am Ende kam ein ganzer Hänger voll Müll zusammen. Foto: GS
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Zeige mir deinen Müll und ich sage dir, wer du bist. Ginge es danach, sind die Essener ein Volk von radelnden Inline-Skatern mit einem Faible für Waffen und Bier.

Ein Sturmgewehr, ein Verkehrsschild, Warnbarken, zwei Gasflaschen, ein Fahrradrahmen und -Gepäckträger, Inlineskate-Rollen, Bierflaschen und jede Menge Fetzen von Plastiktüten türmen sich auf der Plane am Hardenbergufer 7, gleich am Steg des Eisenbahner Sportvereins Essen-Kupferdreh (ESV-K). Es ist Sonntagmittag und etwa 40 freiwillige Helfer, darunter 15 tapfere Hobbytaucher und Tauchlehrer der „Divecenter Group“ - einem Verbund von vier Tauchcentern im Ruhrgebiet - sind mitten drin beim Cleanup-Day im und am Baldeneysee.
Es ist die erste Aktion dieser Art in Essen. Dabei gibt es den Cleanup-Day, eine Aktion der gemeinnützigen Organisation PADI Project AWARE, schon seit 1993. „Das Ganze ist eine weltweite Aktion mit bis zu 1.000 Locations pro Jahr“, erläutert Ulf Mayer, Organisator der Essener Aktion und Betreiber einer Tauchschule in Kettwig. Für Mayer ist es nicht die erste Gewässer-Reinigung. „Ich war schon bei Aktionen im Bösing­hovener See bei Krefeld und im Blausteinsee bei Aachen dabei, außerdem bei verschiedenen Beach-Cleanings.“ Dem Ausbilder ist es wichtig, auch seine angehenden Tauchlehrer für den Umweltschutz zu sensibilisieren und zu solchen Säuberungsmaßnahmen zu motivieren.
Essens Wahrzeichen ist an diesem Tag nicht gerade einladend. 11 Grad Wassertemperatur - immerhin doppelt so warm wie die Luft mit 5,5 Grad. „Ist doch warm“, scherzt einer der freiwilligen Helfer vor seinem ersten Tauchgang, benetzt sich das Gesicht mit Wasser und setzt die Taucherbrille auf. Alles eine Frage der Ausrüstung. Die Taucher laufen in „Trockis“, Halbtrockis“ und auch „Nassis“ auf. Gemeint sind drei verschiedene Typen von Taucheranzügen. Martin Herfurth aus Ratingen-Wülfrath hat sich für den „Nassi“ mit Eisweste darüber entschieden. Sicher ist sicher. Seinen ersten Tauchgang hat er gerade hinter sich und einen Eisenträger, eine Herdplatte, einen Fahrrad-Gepäckträger, diverse Werkzeuge und „sehr viele Bierflaschen“ aus dem Wasser gefischt.

Was so alles
im See landet

„In den Seen landet meist das typische Zeug, was die Leute so zurücklassen, wenn sie hier campieren“, berichtet Organisator Ulf Mayer aus Erfahrung: Zivilisationsmüll - jede Menge PET-Flaschen und anderer Plastikmüll. Kurioses ist auch immer wieder mit dabei - in Essen schießt besagtes Sturmgewehr den Vogel ab, in Australien wurden beim Cleanup Day 2009 besonders viele Schuhe gefunden (237 Stück), dazu 40 Einkaufswagen. Ein See in der Schweiz gab im letzten Jahr einen Grabstein frei und in ägyptischem Gewässer fand sich ein Gebetsteppich. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass bei der Aktion 2009 fünf Wäschetrommeln sowie zwölf Gartenzwerge aus deutschen Gewässern gehoben wurden - zeig‘ mir deinen Müll...
Insgesamt sammelten die Aktionsteilnehmer im September und Oktober des letzten Jahres bei weltweit 879 Cleanup-Events 222 Tonnen Abfall von den Uferzonen und aus den Gewässern. Der Müll in den Seen, Flüssen und Meeren ist freilich nicht nur ein ästhetisches Problem: „Vor allem Plastikmüll ist für Tiere gefährlich“, weiß Ulf Mayer. „Plastikteile werden oft verschluckt und in Plastiktüten verheddern sich die Tiere. Metallmüll dagegen ist zunächst relativ ungefährlich für Tiere. Das ändert sich allerdings, sobald der sich zersetzt.“
Um die Hinterlassenschaften der Wohlstandsgesellschaft zu entdecken, sind die Taucher mit Taschenlampen unterwegs. Schwere Gegenstände wie der Metallträger oder die Gasflaschen werden mit Hilfe von luftgefüllten Hebesäcken an die Oberfläche geholt und im Anschluss auf einer Plane am Hardenbergufer drapiert. Vorbeigehende und -radelnde bleiben immer wieder stehen, wundern sich über die Fundstücke, zollen den Tauchern Respekt. Gar nicht verwundert über all die hässlichen und gefährlichen Fundstücke ist Kerstin Depiereux, ehrenamtliche Greenpeace-Mitarbeiterin der Gruppe Mülheim/Oberhausen, die zusammen mit einem Kollegen an diesem Tag über Gewässerschutz informiert. „Gerade beim Baldeneysee habe ich schon erwartet, dass viele alte Sachen dabei sind. Ich denke, dass der Baldeneysee und die Ruhr sehr viel Müll enthalten.“ Das Interesse der Bevölkerung im Ruhrgebiet an Umweltthemen ist ihrer Erfahrung nach ziemlich groß. „Gerade das, was vor der Haustüre passiert, interessiert die Leute. Man ist einfach näher dran als etwa an der Problematik der Pazifik-Vermüllung.“
Von der Stadt Essen ist übrigens niemand zugegen bei dieser Reinigungsaktion am und im See. „Es kloppt sich halt niemand um Extra-Arbeit am Wochenende“, mutmaßt Organisator Mayer. Und so kümmern sich die umweltbewussten Taucher selbst um die Entsorgung des Mülls - wieder einmal. Andere Kommunen, ähnliche Erfahrungen. Eine zweite Auflage des Cleanup-Days in Essen kann sich Ulf Mayer vorstellen. „Wir werden aber erst einmal abwarten, wie die Resonanz auf die Aktion ist.“ Und ob es noch mal eine Genehmigung gibt: „Damit tun sich die Verwaltungen leider häufig schwer.“

Autor:

Melanie Stan aus Essen-Ruhr

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