„Schwimmen in Villa Hügel“ - Mary Bruce stellt ihre Kindheitserinnerungen vor

Mary Bruce und ihr Verleger Dr. Ludger Claßen.
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Wenn heutzutage ganze Schulklassen fröhlich rumorend durch die „heiligen Hallen“ der Villa Hügel ziehen, Touristen andächtig die riesigen Ölschinken mit den Familienportraits bewundern, dann ist wohl keinem bange. Ganz anders kurz nach dem Krieg…

„Mein Daddy sollte etwas mit Krupp anstellen, wer oder was immer das auch war.“ Die neunjährige Mary freut sich für ihren arbeitslosen Vater, dem endlich ein Job winkt.
Nun ja, es ist nicht gerade in der Nachbarschaft, die da Decatur hieß, eine Kleinstadt in Georgia, im Süden der Vereinigten Staaten. Nein, Daddys neue Arbeitsstelle liegt weit weit weg. Die Krupps sind Synonym für eine Fabrikantenkaste, die am Krieg verdient hat, Rüstungsindustrie, Verbrecher. So wird das in den USA gesehen. Der alte Krupp ist tot, der junge sitzt im Gefängnis.
Der Krieg ist vorbei, Deutschland soll wieder aufgebaut werden. Daddy wird der „Alliierten Hohen Kommission“ dabei helfen. Mehr weiß Mary nicht, mehr braucht sie nicht zu wissen. Doch was für Menschen werden sie dort erwarten? Böse Menschen, diese Nazis. Groß, blond, halb Mensch, halb Tier, so wie Werwölfe?
Die Familie Baldy fliegt also über den großen Teich, die größte Sorge der fast Zehnjährigen - ihre Geschenke zu Weihnachten! „Traut sich der Weihnachtsmann überhaupt nach Deutschland?“
Es werden ganz andere Sorgen sein, die Mary beschäftigen. Kaum in Frankfurt angekommen, ereilt die von Migräne geplagte Mutter ein Herzanfall - sie kümmert sich auch später wenig um ihre Tochter. Der Vater muss zur Arbeit, also wird Mary bei der Familie des Zimmermädchens untergebracht. Es ist der erste Kontakt mit Deutschen - und es stellt sich rasch heraus: „Die sind gewiss keine Monster!“

Der Swimming-Pool

Dann wird Daddy nach Essen versetzt, die Familie wohnt in Heisingen, in der Elsaßstraße. Mary ist dort sehr einsam, hat kaum Kontakte. Frank Baldy arbeitet bei der Kohlen-Kontroll-Kommission, die ihre Büros auf Villa Hügel hat. Bei der Anfahrt gruselt sich Mary: „Die kahlen schwarzen Bäume und das graue Anwesen unter einem wolkenverhangenen, düsteren Himmel erinnerten stark an ein Spukhaus.“
Aber nicht nur Mary fürchtet das Haus der Krupps. Eines Tages nimmt sie eine deutsche Freundin mit zum Schwimmen, denn Villa Hügel hat ein beheizten (!) Pool im Keller. Doch Irmgard möchte nicht eintreten, hat enorme Angst: „Mein Vater sagt, dort gehen Leute hin und kehren nie wieder zurück. Viele, sehr viele. Manche von ihnen sprachen kein Deutsch.“
Hier wird er sichtbar, der kindliche Blick, auf ein zu mehr als 60 Prozent zerstörtes Essen, das in der Nachkriegszeit unendliches Leid erfahren muss, kurz nach dem Dritten Reich mit seinem unerträglichen Gräuel. Und mittendrin die kleine Mary, mit staunenden Augen, sie saugt alles in sich auf.
Mary ist mittlerweile 73 Jahre alt, lehrt Englisch am Monmouth College in Illinois. Ende des Jahres geht sie in Rente. In ihrem Buch „Schwimmen in Villa Hügel“ finden wir Essener eine ganz andere Sicht der Dinge: die Deutschen sind zwar vom Krieg gebeutelt, die Amerikaner sind die Besatzer. Doch im Kleinen beginnt, was mal im Großen die deutsch-amerikanische Freundschaft werden soll – das US-Girl lernt Essen und die Essener kennen und lieben.

Erinnerungen

Noch heute, nach einer Anreise mit über 18 strapaziösen Stunden in Taxi, Flugzeug und in Wartehallen, blickt sie über den Baldeneysee und strahlt: „Es ist so schön hier!“ Ein Spaziergang am See, ein Blick auf die Villa, Mary Bruce wird warm ums Herz: „Es fühlt sich an wie zuhause!“ So fiel es ihr überhaupt nicht schwer, sich beim Schreiben - nach 60 Jahren! - zu erinnern: „Plötzlich hatte ich alles vor meinen Augen, als ob es gestern gewesen wäre!“
Was sagt Mary Bruce jungen Menschen, die das Buch lesen? „Sie sollten lernen, für sich selbst zu denken. Das habe ich in Essen gelernt. Für mich gibt es nur Menschen, keine Amerikaner, Engländer, Deutsche. Auch sollte ihnen klar sein, dass das heutige Deutschland ein viel schönerer Platz ist als damals - das kann sich aber jederzeit wieder ändern!“
Was an Deutschland hat Mary Bruce besonders beeindruckt? „Das Essen! Der Sauerbraten, das Weihnachtsgebäck...“
So blickt sie über den Baldeneysee, hängt schönen und weniger schönen Erinnerungen an ihre Kindheit im Nachkriegs-Deutschland nach, freut sich über viele neue Freunde in Essen, auf weitere Spaziergänge: „Aber ich habe ein wenig Angst, mich zu verirren...“

Villa Hügel

Die Villa Hügel wurde 1869 bis 1873 als Familiensitz der Krupps erbaut. Für die Essener Bürgerschaft war das Anwesen „verbotenes Gelände“, bekam so fast mythischen Charakter. Nach dem Krieg diente das Haus den amerikanischen Besatzern als Bürogebäude, ab 1953 wurden Villa und Park für die Öffentlichkeit freigegeben und in der ersten Zeit förmlich „überrannt“.

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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