Interview zum Thema Neuroonkologie
30.000 Neudiagnosen pro Jahr

Leitet die Abteilung Klinische Neuroonkologie der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Essen: Prof. Dr. Martin Glas.
  • Leitet die Abteilung Klinische Neuroonkologie der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Essen: Prof. Dr. Martin Glas.
  • Foto: Universitätsmedizin Essen
  • hochgeladen von Frank Blum

Jährlich gibt es rund 30.000 Neudiagnosen mit Hirntumoren in Deutschland. Immerhin: Mit modernen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten ist es gelungen, eine Gruppe von Patienten zu identifizieren, die deutlich länger überleben kann als noch vor zwölf Jahren. Ein Interview des Stadtspiegels und seiner Nachrichten-Community Lokalkompass.de mit Prof. Dr. Martin Glas, Leiter der Abteilung Klinische Neuroonkologie der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Essen, zum Thema Neuroonkologie.

Was versteht man unter Klinischer Neuroonkologie?
Bei uns im Universitätsklinikum Essen werden Patienten mit gutartigen und bösartigen Tumoren des Gehirns und des Rückenmarks behandelt. Dazu gehören Tumoren, die fast nur im Gehirn entstehen, aber auch Hirnmetastasen. Also Patienten, bei denen beispielsweise der Lungen- oder Brustkrebs in das Gehirn gestreut hat. Viele Tumoren sind glücklicherweise gutartig, aber leider gehören einige Hirntumoren auch zu den bösartigsten Krebserkrankungen, die wir kennen. Zusätzlich behandeln wir Patienten mit paraneoplastischen Syndromen. Das sind indirekte Auswirkungen von Tumorerkrankungen auf das Nervensystem und andere Organe.

Wie viele Patienten in Deutschland sind von diesen besonderen Erkrankungen betroffen?
Jährlich gibt es rund 30.000 Neudiagnosen mit Hirntumoren in Deutschland. Sie gehören inzwischen zu den zehn häufigsten Krebsdiagnosen von Erwachsenen über 40 Jahren und sogar zu den Top 3 bei jungen Erwachsenen zwischen 15 und 40 Jahren. Der bösartigste Hirntumor, das Glioblastom, gehört zu den aggressivsten Krebserkrankungen, die wir kennen. Patienten leben häufig leider nur etwa zwei Jahre. Mit modernen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten ist es uns aber gelungen, eine Gruppe von Patienten zu identifizieren, die deutlich länger überleben kann. Betrachtet man die letzten zwölf Jahre, dann hat sich die Zwei-Jahres-Überlebensrate unter gewissen Umständen sogar versiebenfacht. Das ist ein toller Erfolg, an den wir hoffentlich anknüpfen können.

Was sind genau Ihre Schwerpunkte?
Wir versuchen unsere Patienten individuell zu betreuen und zu therapieren. Wenn es möglich ist, dann ist immer ein personalisierter und damit maßgeschneiderter Therapieansatz das Ziel. Dazu gehört auch der Einsatz von intensivierten Chemotherapien. Darauf haben wir uns ebenso wie auf den Einsatz einer Behandlung mit elektrischen Wechselfeldern spezialisiert. Hinzu kommen moderne Diagnoseverfahren und der innovative Einsatz von künstlicher Intelligenz. Klinische Studien und translationale Therapieansätze spielen auch eine entscheidende Rolle in unserer Arbeit. So fließen die Erkenntnisse aus unserer Forschung in der Universitätsmedizin Essen direkt in die Behandlung der Patienten ein. So können wir unseren Patienten die neuesten Therapieformen anbieten.

Wie sehen konkret die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten aus?
Das wichtigste bei allen therapeutischen Überlegungen ist, dass Hirntumorpatienten interdisziplinär, also gemeinsam mit allen beteiligten Fachabteilungen behandelt werden. Wir treffen daher fast alle wichtigen Diagnose- und Therapieentscheidung an der Uniklinik Essen im Team in unserem Tumorboard und besprechen uns mindestens zweimal pro Woche. Die Therapie besteht grundsätzlich aus Operation, Strahlentherapie, medikamentöser Behandlung und neuerdings auch aus elektrischen Wechselfeldern. Insbesondere für letztere Therapieform sind wir mittlerweile eines der größten Zentren in Deutschland. Jede Therapie wird individuell festgelegt. Darüber hinaus gibt es aber auch eine Reihe von experimentellen Verfahren, wie beispielsweise zielgerichtete Therapieansätze, eine Tumorimpfung oder andere Formen der Immuntherapie. Und es gibt erneut Versuche, durch eine lokale Virustherapie den Tumor zu bekämpfen.
Bei der Diagnose gibt es neben den Routineverfahren, wie einer Kernspintomografie auch innovative Bildgebungsverfahren, wie eine Aminosäure- oder Hybridbildgebung per Positronen-Emissions-Tomographie. Die Untersuchung von Gewebe zur sogenannten histologischen Diagnosesicherung gehört ebenso dazu wie eine molekulare Analyse. Experimentell spielt der Einsatz von künstlicher Intelligenz eine wachsende Rolle. Wissenschaftlich versuchen wir beispielsweise durch die Auswertung von Daten die molekularen Eigenschaften eines Tumors mit bildgebenden Methoden schon vor einer Operation vorauszusagen. 
Es arbeiten also ganz viele Experten, wie z. B. Neurochirurgen, Neuroonkologen, Neuropathologen, Radiologen, Nuklearmediziner, Onkologen, Strahlentherapeuten, Wissenschaftler u.v.m. in der Universtitätsmedizin Essen zusammen, um gemeinsam die beste Behandlungsstrategie für unsere Patienten zu entwickeln.

Die Corona-Krise beeinflusst auch ihre Arbeit. Wie halten Sie Patienten-Sprechstunden ab?
Wir versuchen, unter Beachtung der besonderen Schutz- und Hygienemaßnahmen, Normalität für unsere Patienten beizubehalten. Für Betroffene mit geschwächtem Immunsystem oder mit beschwerlichem Anfahrtsweg bieten wir eine neue Videosprechstunde an. Unsere Patienten müssen sich daher keine Sorgen machen, dass sie nicht umfassend betreut und behandelt werden können.

Autor:

Frank Blum aus Essen-West

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