Ein Lied in allen Dingen: Joseph Schmidt
Essener Autor schreibt bewegenden Roman

Cover Joseph Schmidt „Ein Lied in allen Dingen“
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  • Cover Joseph Schmidt „Ein Lied in allen Dingen“
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Nein, kein Hollywood-Studio hat diese Biographie erfunden für einen hochdramatischen Kassenschlager. Joseph Schmidts steiler Aufstieg zu einem Superstar Anfang der 30er Jahre und sein tragischer Tod mit gerade 38 Jahren auf der Flucht vor den Nazis sind wahre Geschichte. Mittlerweile ist die Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Menschen und großen Künstler aber weitgehend verblasst.

Joseph Schmidt – ein Superstar in 30er Jahren

Jetzt widmet sich ein großer biographischer Roman dem Mann, der einst als der „deutsche Caruso“ galt. Der Essener Autor Stefan Sprang (Jg. 1967) hat ihn geschrieben. In einer kunstvollen Komposition mit einem so musikalischen wie poetischen „Sound“ reist er zurück in das jüdische „Stetl“, in dem Schmidt seine Kindheit verbracht und bereits die Liebe zur Musik entdeckt hat: „Heimlich, aber nicht still und leise hast du dich verkrümelt auch an diesem Tag. Bist vielleicht fünf oder sechs gewesen. Hast wieder pausenlos vor dich hin geträllert und gesungen, als müsstest du niemals Luft holen. Warum sprechen, wenn man auch singen kann.“
Sprang begleitet den jungen Mann in das pulsierende Berlin der 20er Jahre, in dem Schmidt sich für das neue Medium Radio „casten“ lässt. Zwischen Wolldecken und Krepppapier zur Schalldämmung beginnt er mit dem Siegeszug des Rundfunks selbst eine unglaubliche Karriere nicht nur als Operntenor. Mit Schlagern wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“ und in Filmen wie „Ein Lied geht um die Welt“ wird er ein erfolgreicher „Crossover“-Künstler. Bei den Frauen hat er Schlag. Schmidt hat viele Liebschaften und Affären – dabei ist er gerade einmal 1 Meter 54 groß. Die Damenwelt stört es nicht, aber die Opernintendanten. Gerne würde Schmidt auch auf der Bühne spielen, aber dafür, sagt man ihm, sei er „zu klein“. Das trifft ihn tief.

Der Liebling der Massen wird zum Gejagten

Der Roman beginnt mit einer eindringlichen Szene: Joseph Schmidt und seine Freundin versuchen ein drittes Mal, aus Frankreich über eine gut gesicherte Grenze in die Schweiz zu fliehen: „Endlich denen entkommen, die Böses gut und Gutes böse nennen. Denen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen Tag für Tag … Endlich entrinnen denen, die Lärm zu Liedern erheben und seine Lieder verhöhnen als Lärm.“
Die Frage, warum sich Joseph Schmidt sich nicht schon früher in Sicherheit gebracht hat – auf zwei USA-Tourneen hatte er die Gelegenheit dazu -, war der Auslöser für den Autor Stefan Sprang, diesen Roman zu schreiben: „Ich hatte schon einen riesigen Respekt und habe mich gefragt, ob ich das überhaupt darf: mich als nicht-jüdischer Autor, der die Nazi-Zeit natürlich nur noch aus Büchern kennt, in die Gedankenwelt eines Joseph Schmidt zu versetzen.“ Aber es gab da einen zentralen Anknüpfungspunkt: Das Thema Heimat, das Eingebundensein in eine Familie, die Liebe zu den Orten der Herkunft und zur vertrauten Kultur. Einerseits gibt all das Sicherheit. Andererseits lauern hier aber auch Fesseln, wenn es darum geht, sich zu befreien, zumal, wenn die eigene Existenz bedroht ist. Schon in seinem ersten Roman hat sich Sprang mit der Ambivalenz dieser Verwurzelung beschäftigt: „Auch ich selbst bin jemand, der spürt, natürlich auf keinesfalls so dramatische Weise, wie schwer es einem Bindungen machen können, die doch so wertvoll sind.“

Flucht durch Europa

Als die Nazis die Macht übernehmen, muss Schmidt quer durch Europa von Österreich nach Belgien nach Frankreich und schließlich in die Schweiz fliehen. Dort wird er als „Illegaler“ in ein Internierungslager gesteckt unter menschenunwürdigen Umständen. „Aber weil ein fester Wind ging und sie keine Zeit hatten, sich für den Appell im Hof noch ein wärmendes Kleidungsstück mehr überzuziehen, hatten die Männer gezittert und geschlottert. Hier wie dort hatte man in den Reihen die Knochen aneinander schlagen hören. Wer als Gerippe nach Girenbad gekommen war, wie hätte der vom Löffel Kohlpampe und den drei verkeimten Kartoffeln Fett ansetzen können.“ Gerade in diesen Passagen zeigt sich dann auch, wie stark die Bezüge dieser Geschichte zu unserer Gegenwart sind. Auch das Thema „Flucht“ spielt eine zentrale Rolle im Roman.
Sprang zeigt Schmidts Charakter in vielen Facetten und bedient sich der einmaligen Möglichkeit des Romans: Hinter den Fakten spürt der Autor den Emotionen nach - denn, wie könnte die Begegnung von Schmidt mit Joseph Goebbels abgelaufen sein, die es gegeben hat – Der Propagandaminister war ein Fan des Sängers und hat ihm sogar angeboten, ihm zum „Ehrenarier“ zu machen, wie man damals sagte.

Brillanter und vielschichtiger Roman

In einem großen dramatischen Bogen entsteht in diesem Roman das ergreifende Porträt eines gläubigen, so bescheidenen wie seelenvollen Künstlers, der sein Talent in den „Dienst an den Menschen“ gestellt, aber auch zu sorglos auf den sich anbahnenden Horror des Nazi-Regimes geschaut hat. Zugleich ist der Roman eine großartige Hommage an den Zauber der menschlichen Stimme, den Schmidt mit seinem engelgleichen Tenor so sehr entfaltet hat. Oder wie der Musikkritiker Jürgen Kesting schrieb: „Schmidt singt mit leidender Inbrunst – und in seinen größten Momenten mit einer todberührten“.

Stefan Sprang: „Ein Lied in allen Dingen: Joseph Schmidt“. Roman. Größenwahn Verlag Frankfurt. 330 Seiten. 19,90 Euro.

Cover Joseph Schmidt „Ein Lied in allen Dingen“
Stefan Sprang

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