Kontrovers diskutierte Rauminstallation „aufbrechen“ in Kettwiger Kirche
Kirche im Aufbruch

Die hochgebockten Kirchenbänke ermöglichen neue Blickbeziehungen. 
Foto: Bangert
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  • Die hochgebockten Kirchenbänke ermöglichen neue Blickbeziehungen.
    Foto: Bangert
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Mehrere hundert Kilo schwere Kirchenbänke wirken wie von Riesenhand durcheinander geworfen. Ungewohnte Perspektiven ergeben sich, aufstrebende Formen. Bis zum 7. November gibt es in der evangelischen Kirche am Markt in Kettwig eine Rauminstallation der Künstlerin Dorothee Bielfeld zum Thema „aufbrechen“ zu entdecken.

Silke Althaus setzt sich auf die Schräge und balanciert aus: „Als die Holzbänke erst einmal zur Seite geschoben waren, hörte ich unsere Kirche förmlich seufzen: Endlich Luft!“ Die Pfarrerin nutzt gern die neu entstandene offene Mitte. Zur Taufe, für Gottesdienste. Da fühle sie sich mittendrin und nicht auf Distanz: „In dieser Kirche gibt es sonst keinen Spielraum. Jetzt passt es genau. Wir müssen aufbrechen.“ Die Installation wird recht kontrovers diskutiert im Stadtteil. Sie lässt keinen kalt und „Kirche“ ist in aller Munde. Sind die dort jetzt bewundernswert mutig oder einfach nur durchgeknallt? Silke Althaus ist es wichtig, dass Kirche ihr soziale Umgebung widerspiegelt: „Es gibt Brüche im Leben. Das können Abbrüche sein, aber auch Aufbrüche. Warum soll das bei Kirche anders sein?“

Umfangreiches Programm

Die Installation wird von einem umfangreichen Programm begleitet. Eine sonntägliche Predigtreihe, ein Gesprächsabend für Frauen, ein Pilgertag. Am 30. Oktober findet der Rheinische Gottesdiensttag statt, unter dem doppeldeutigen Motto „Gottesdienst (T) Räume“. Dazu Kulturveranstaltungen, die mit Musik, Theater, Gesang das Thema „aufbrechen“ variieren. Der Poetry Slam mit bunten Lichtern und Technomusik war ein Erlebnis, der Einakter „Striptease“ und das Konzertprogramm „TOCstory“ lassen Modernes erahnen. Bei der Filmnacht haben die Jugendlichen auf dem Boden gelegen und der Film „Into the wild“ wurde an die Decke projiziert. Überhaupt, das Votum der Jüngsten stehe, weiß die Pfarrerin: „Die Kinder finden’s toll. Wenn es nach denen geht, soll es so bleiben.“

Zwei Gesprächsforen mit der Gemeinde sollten klären: „Wir finden wir das denn?“ Sorgen konnten genommen werden, Vor-Urteile ausgeräumt werden, aber eben nicht alle. Den Bänken geht es gut, sie wurden von Fachleuten sehr sorgsam behandelt. Das Denkmalamt hat mit Argusaugen darauf geachtet, dass nichts dauerhaft verändert wird. Nach dem 7. November werden die Bänke wieder an die vorgesehenen Stellen in ihre Zapfenlöcher gesteckt. Der Blick auf die Kanzel verbaut, auf den Altar? Die Kanzel werde ohnehin nur noch selten genutzt und es ergäben sich neue Ausblicke auf die Orgel. Selbst bei den älteren Gemeindemitgliedern ist kein einheitliches Stimmungsbild auszumachen. Die einen waren und sind entsetzt und wollen erst wieder in die Kirche kommen, wenn die Bänke wieder da stehen, wo sie hingehören. Andere wiederum sind Feuer und Flamme und helfen ehrenamtlich beim Team der Offenen Kirche, das durch viele Sonderschichten umfangreiche Öffnungszeiten ermöglicht: dienstags, freitags und samstags jeweils von 10 bis 18 Uhr, sonntags von 12.30 bis 18 Uhr.

Bis zum 7. November

Presbyterien anderer Gemeinden waren bereits da und wollten sehen, wie man einen Kirchenraum auf den Kopf stellen kann. Althaus lächelt verschmitzt: „Wenn sich so eine schwere Kirchenbank in die Luft heben lässt, sind noch ganz andere Dinge möglich.“ Die mittelalten Gemeindemitglieder hätten da jedenfalls eine klare Meinung. Sie wollten nicht mehr nur „angepredigt“ werden, sondern mitsprechen dürfen. Und dies gehe nun mal am besten in einer Runde. Für Silke Althaus ein spannender, aber vor allem völlig offener Prozess: „Was ist wichtig, was soll sich ändern, was soll bleiben?“ Eine Finissage beende die Installation. Aber die Frage bleibe: „Was machen wir mit dem Impuls? Was hier steht, ist ja keine Lösung, sondern ein Anstoß. Der Raum wird nie wieder so sein wie vorher.“

Bitte um Spenden

Pfarrerin Silke Althaus stellt klar: „Es wurden keine Mittel aus Kirchensteuern verwandt. Finanziert wird das Kunstprojekt mit Fördermitteln des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V. aus München, des Kulturamtes der Stadt Essen, einer kleinen Summe aus dem Projekt unseres Kirchenkreises GlaubeKunstLeben sowie einigen privaten Spenden. Darüber freuen wir uns sehr und danken herzlich. Auch wären wir sehr dankbar für Spenden, die das umfangreiche und hochkarätige Kulturprogramm unterstützen. Da fehlen uns noch einige tausend Euro.“
Ev. Kirchengemeinde Kettwig
IBAN: DE85 3506 0190 5993 6050 01
Stichwort „aufbrechen“
Weitere Informationen sind unter www.ev-kirche-kettwig.de erhältlich.

Die hochgebockten Kirchenbänke ermöglichen neue Blickbeziehungen. 
Foto: Bangert
Mehrere hundert Kilo schwere Bänke wirken wie von Riesenhand durcheinander geworfen.
Foto: Bangert
Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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