Dritte Abmahnung im VRR seit 2019
Ist der VRR das eigentliche Problem?

Abellio ist seit 2019 nun das dritte Unternehmen innerhalb kurzer Zeit, das vom VRR abgemahnt wurde. Diese Quantität an Abmahnungen gibt es in keinem anderen deutschen Verkehrsverbund und lässt vermuten, dass der VRR bei seinen Vergaben große Fehler gemacht hat und das eigentliche Problem sein könnte.

Als wäre es nicht schon schlimm genug für die Pendler, dass zum vergangenen Fahrplanwechsel Linien wie die S2, S3 und S9 von einem 20- auf einen 30-Minuten-Takt umgestellt wurden, fallen seit dem Betreiberwechsel im Dezember zu Abellio auch noch viele der wenigen Fahrten aus.

Anfangs hohe Verspätungen durch Kinderkrankheiten der Fahrzeuge

Bereits die ersten Wochen des neuen Verkehrsvertrages nahmen den Pendlern die Euphorie über neue Fahrzeuge und Betreiber. Durch ständige Fahrzeugstörungen, insbesondere in Verbindung mit Raureif kam es bereits zu Beginn des Verkehrsvertrages zu hohen Verspätungen.
Dennoch: Auch nach der Übernahme der S3 durch Abellio im März, lief sie zunächst einigermaßen zuverlässig. Hier ist aber auch zu betonen, dass die S3 nun ganztägig nur noch alle 30 statt alle 20 Minuten fährt. Abellio wurde durch Lokführer des Personaldienstleisters "WFL" unterstützt.

Hohe Ausfallquote nach Rückkehr zum Normalfahrplan nach Corona-Einschränkungen

Mit den starken Einschränkungen der Corona-Krise wurde auch im S-Bahn-Netz das Fahrtenangebot massiv ausgedünnt. Das machte es für Abellio überflüssig, Lokführer vom Personaldienstleister WFL zu beziehen. Nach massiver Kritik an überfüllten Zügen und dadurch fehlenden Möglichkeiten zur physischen Distanz wurde das Angebot schnell wieder erhöht - Vermutlich schneller als bei Abellio erwartet: Nun fehlten insbesondere vom Personaldienstleister viele Lokführer. Dies führte dazu, dass Linien wie der RE49 und die S3 nun schon wochenlang nicht mehr durch Abellio betrieben werden konnten und einige Fahrten bis heute dauerhaft ausfallen.
Die im Verkehrsvertrag vereinbarte Verlängerung der S9 nach Recklinghausen ist nicht vor September 2020 zu erwarten.

Krise war absehbar

In Expertenkreisen war bereits vor Jahren klar, dass es Abellio schwer fallen wird, genügend Lokführer für das RRX- und S-Bahn-Netz auszubilden. Der VRR verzichtete in seiner Ausschreibung ganz bewusst darauf, Lokführer des vorherigen Betreibers DB Regio NRW zu den alten Konditionen zu übernehmen.
Aus vorherigen Betreiberwechseln war klar, dass unter diesen Umständen nur ein geringer Teil der Lokführer von DB Regio NRW zu Abellio Rail NRW und Keolis wechseln wird.
Bei Keolis hat sich bereits früh abgezeichnet, dass man nicht genügend Lokführer ausbilden konnte, sodass man bereits im September 2019 den Verkehrsvertrag für die Linien S1 und S4 kündigte.

Zustand langfristig untragbar

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der dringend notwendigen Mobilitätswende ist es eine Unverschämtheit seitens des VRR gegenüber den Pendlern und der Wirtschaft, dass Abellio sich im VRR mittlerweile seit einem halben Jahr durchgehende Zugausfälle erlauben kann und einzelne Regionen im Norden und Süden des Ruhrgebiets gar nicht anbindet.

Insbesondere für diejenigen, die auf den ÖPNV angewiesen sind, ist das ein drastischer Einschnitt in die Lebensqualität. Es müssen aber auch aus der Regional- und Landespolitik ernsthafte Konsequenzen für den VRR und die Fehlentscheidungen bei der Vergabe des RRX und S-Bahn Netzes folgen, da die Katastrophe absehbar war und ein immenser finanzieller Schaden auf Kosten der Allgemeinheit entstand.

Abellio darf sich im VRR alles erlauben

"Am 4. Mai hat das Eisenbahnverkehrsunternehmen Abellio Rail NRW dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) bekannt gegeben, dass es auf lange Sicht nicht in der Lage ist, seine verkehrsvertraglichen Verpflichtungen bei den Linien der S-Bahn Rhein-Ruhr nachzukommen."

Dies schreib der VRR in seiner schriftlichen Abmahnung.
Damit wird es Zeit, die Notbremse zu ziehen und Abellio den Verkehrsvertrag für den RE1 zu entziehen.
Abellio soll ab dem 14. Juni zusätzlich noch den RE1 (NRW-Express) betreiben, dafür werden zusätzlich neue Lokführer benötigt.
Erstaunlich ist aber, über welchen immensen Zeitraum man diese drastischen Einschnitte noch tolerieren wird:

"Dafür sind als spät möglichste Fristen für eine vollständige Leistungserbringung im Rahmen der Abmahnung folgende Zeitpunkte benannt:

bis zum 14. Juni 2020 auf der Linie S 3,

bis zum 30. Juni 2020 auf der Linie RE 49,

bis zum 15. Juli auf den Linien S 2 und RB 40,

bis zum 15. September die Verlängerung der Linie S 9 von Bottrop bis Recklinghausen."

Man kann davon ausgehen, dass der VRR diese Ausfälle für diesen riesigen Zeitraum toleriert, weil für den RE1 ab Juni sonst eine Notvergabe an einen anderen Betreiber notwendig gewesen wäre. Aber nur so könnte man einen stabilen Betrieb im Netz der S-Bahn Rhein-Ruhr gewährleisten.

Eine Notvergabe wäre mit immensen Kosten verbunden, die der VRR scheut. Aber da muss man vonseiten der Politik auch deutlich machen, dass der VRR Fehler bei der Vergabe der S-Bahn Rhein-Ruhr und RRX-Netze gemacht hat, für diese Misere selbst verantwortlich ist und diese Kosten nun tragen muss.

Die S3 wird aktuell nicht mehr durch Abellio selbst, sondern durch den Betreiber "TRI" mit völlig veralteten Fahrzeugen aus den 70er Jahren betrieben. Zum Thema Qualität war in der Abmahnung leider kein Wort zu finden.

Der VRR hat Abellio zugestanden, bis zum 15. September dauerhafte Zugausfälle im Netz der S-Bahn Rhein-Ruhr zu tolerieren. Dazu muss man auch sagen, dass diese schon seit Dezember 2019 geduldet werden.

Auch Konsequenzen seitens der Politik für den VRR sind zu prüfen

Solange im VRR als Zweckverband ständig Leute an die Spitze gewählt werden, die durch ihre bisherige Vita offenkundig Verstrickungen zu einzelnen Unternehmen haben, wird sich das leider nicht ändern.

Es müssen aber auch aus der Regional- und Landespolitik ernsthafte Konsequenzen für den VRR und die Fehlentscheidungen bei der Vergabe des RRX- und S-Bahn Netzes folgen, da die Katastrophe absehbar war und ein immenser finanzieller Schaden auf Kosten der Allgemeinheit entstand.

Die Vergabe in VRR entscheidet sich nicht nach der Qualität oder dem Preis, sondern nach den Verstrickungen und Neigungen der VRR-Mitglieder zu den einzelnen Eisenbahnverkehrsunternehmen.
DB Regio hat aber in den letzten Jahren keine einzelne Linie wo der VRR alleine verantwortlich war gewonnen, was wohl in erster Linie an einem alten Rechtsstreit zwischen DB Regio NRW und dem VRR lag, wo es um immense Summen ging.

Lünser (VRR-Chef) selber ist zwar der verlängerte Arm vom Abellio-Vorstand in den VRR, aber nicht der einzige. Der VRR ist voll mit Leuten, die von Abellio und anderen Verkehrsunternehmen mal profitiert haben.
Und auch beim Blick in die Verbandsversammlung zeigt sich, dass Gremienzugehörigkeit im Ruhrgebiet nicht auf persönlichen Neigungen und Kompetenzen beruht, sondern auf Verflechtungen.

Die letzten Jahre und insbesondere die letzten Monate haben gezeigt, dass der VRR in seiner jetzigen Form nicht die Fähigkeit zur Aufgabenträgerschaft für den ÖPNV an Rhein und Ruhr besitzt und sich auch nicht verändern will.
Jetzt ist es Aufgabe der Politik, diese Zustände zu beenden.
Der VRR in seiner jetzigen Form wird sich nicht verändern und damit auch nicht verbessern.
Der VRR in seiner jetzigen Form gehört dringend aufgelöst und durch einen neuen, unabhängigen Aufgabenträger ersetzt.
Diesen Schritt könnte man nutzen, um die Aufgabenträgerschaft im Ruhrgebiet generell zu reformieren.

Autor:

Juan Marco Polifka Avila aus Bochum

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