Umbau der Heilig Kreuz-Kirche: Weiteres Kapitel der Revitalisierung Bochumer Straße aufgeschlagen
Es ploppt und ploppt in Ückendorf

Anlässlich der feierlichen Grundsteinlegung 2.0 wurde in der Kirche ein beheiztes Zelt aufgebaut. Doch das Foto zeigt die Seitenfenster und auch die Deckengestaltung, die erhalten bleiben werden. Foto: Gerd Kaemper
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  • Anlässlich der feierlichen Grundsteinlegung 2.0 wurde in der Kirche ein beheiztes Zelt aufgebaut. Doch das Foto zeigt die Seitenfenster und auch die Deckengestaltung, die erhalten bleiben werden. Foto: Gerd Kaemper
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 „Die Dynamik an der Bochumer Straße wird langsam auch sichtbar. Das ist ein bisschen wie beim Popcornmachen. Erst dauert es eine ganze Weile, aber dann geht alles ganz schnell und überall poppt etwas auf", freute sich Oberbürgermeister Frank Baranowski bei der feierlichen Grundsteinlegung. Und passend dazu wurde auch Popcorn gereicht.

Die Idee, die Heilig Kreuz-Kirche zu einer multifunktionalen Veranstaltungsstätte umzubauen, schwirrte schon lange durch die Stadt, bereitete so manchem auch schon Kopfschmerzen und wieder andere fieberten dem endgültigen Startschuss entgegen. Nun ist der Grundstein 2.0 gelegt, die Architekten haben ihre Ideen in ein Konzept eingebracht, viele der benötigten Partner für die Umsetzung sind bereits gefunden und die anschließenden Nutzer der Räumlichkeit gehen im Geiste schon die Möglichkeiten durch, die ihnen diese alte-neue Kulturstätte bieten wird.
Oberbürgermeister Frank Baranowski freute sich, bei der Grundsteinlegung Reloaded „in der kalten Kirche so viele Menschen begrüßen zu können. Noch dazu mitten in der Woche und obwohl die letzte Messe hier 2007 gelesen wurde. Ich war damals übrigens dabei, weil dieser Ort hier ein vielfältiger Punkt für Ückendorf ist. Darum war auch schnell klar, dass diese Kirche eine Rolle spielen muss im Umfeld der Bochumer Straße.“
Und an dieser Stelle trifft der Begriff „Leuchtturm“, den der Oberbürgermeister eigentlich gar nicht so gern nutzt, ganz besonders: Denn nicht nur, dass die Heilig Kreuz-Kirche quasi zwei Türme hat, diese sollen nach der Umgestaltung auch beleuchtet werden.
Baranowski freute sich, dass nun der Grundstein gelegt wird für ein Veranstaltungszentrum, das wie in seinen Ursprüngen einen Treffpunkt darstellt, „aber schon bald weit über Gelsenkirchen hinaus. Denn Veranstaltungsorte in Baudenkmälern sind rar gesät. Umso mehr freue ich mich, dass ich sagen kann: „Jetzt geht es endlich los!“
Der Umbau fällt in das Ressort von Stadtbaurat Martin Harter, der sich erinnerte, dass die Heilig Kreuz-Kirche ihn schon zu einer Zeit beschäftigt hat, als er noch gar nicht in Gelsenkirchen in Amt und Würden war. „Ich kannte Thomas Franke, den Enkel des Erbauers Josef Franke, schon lange vor meinem Amtsantritt in Gelsenkirchen. Als wir uns zu einem Kongress im Wissenschaftspark trafen, sind wir mal hier hin und haben sofort angefangen Ideen zu entwickeln, was man hieraus machen könnte. Inzwischen ist dieses Impulsprojekt für mich zum permanenten Thema geworden.“
Harter schilderte, dass er daran glaubt, dass dieses monumental-bedeutende Gebäude eine Strahlkraft weit über Gelsenkirchen hinaus haben wird. Denn die Neunutzung eines Denkmals als multifunktionale Veranstaltungsstätte und das unter höchst möglicher Erhaltung des Denkmals sieht er als ein Alleinstellungsmerkmal in der Region.
Die Kosten des Projekt werden derzeit auf ca. 12,3 Mio. Euro geschätzt. Es sind allerdings noch nicht alle Gewerke vergeben. Mit dem Umbau von Heilig Kreuz beginnt nun auch eines der größten Projekte im Rahmen des Stadterneuerungsprozesses an der Bochumer Straße. Bereits im Herbst vergangenen Jahres ging das soziokulturelle Zentrum „Subversiv“ an den Start. Auch das „Modellhaus Reichstein“ (direkt gegenüber der Kirche) feierte bereits seinen Baustart. Hier wird an einer so genannten „Problemimmobilie“ modellhaft gezeigt, wie wirtschaftlich und gleichzeitig denkmalgerecht saniert werden kann. Auch mit dem Bau einer Psychomotorikhalle wurde bereits begonnen.
Kein Wunder also, dass der mit dem Umbau beauftragte Architekt Edgar Krings vom Büro pbs Architekten voller Tatendrang seine Ideen über das zukünftige Innenleben und Erscheinungsbild des Baudenkmals präsentierte. Krings erklärte: „Der Umbau eines so großartigen Bauwerks ist eine große Herausforderung für einen Architekten.“
Zur Einstimmung auf das Gebäude erläuterte der Architekt die Gegebenheiten der Heilig Kreuz-Kirche, deren erste Grundsteinlegung am 13. November 1927 erfolgte und deren Bau den größten Kirchenneubau dieser Zeit darstellte. Die am 2. Oktober 1929 eingeweihte Kirche bot Platz für 1400 Gläubige und sie integrierte sich mitten im Stadtgrundriss.
Die Planungen sehen vor, dass bis Ende 2020 ein bestuhlter Saal mit Platz für bis zu 700 Besuchern entstehen wird, mit einer Bühne, Sitzplätzen auf der Empore, Toiletten in einem Anbau, der sich an die Originalgebäude anpasst, und Tagungsräumen für Zusammenkünfte von Vereinen und Initiativen oder auch dem Wissenschaftspark. Hierbei wünschte Edgar Krings sich und allen anderen Beteiligten ein gutes Gelingen.
Der Enkel des Erbauers der Kirche, Thomas Franke, bot einen Blick auf die Geschichte des Bauwerks und zitierte dazu auch seine anwesende Tante Lore Franke. Die 95 Jahre alte Dame ist eine Schwiegertochter des Architekten Josef Franke und erinnert sich noch an die lebhaften und kontroversen Diskussionen im Hause Franke bezüglich des Kirchenbaus.
„Mein Großvater hatte bereits 1912 in Dortmund eine Kirche in ähnlichem Stil erbaut. Der Stil entsprach dem Reformgedanken der katholischen Kirche in den 20er Jahren und wurde hier idealtypisch entwickelt. Denn das Bistum wollte keine pompöse Kirche inmitten des Arbeiterumfeldes“, schilderte Thomas Franke.
Der Franke-Enkel erläuterte, dass sein Großvater ein sehr eifriger Architekt war, der 170 Entwürfe für Bauwerke einreichte, von denen 120 umgesetzt wurden. Darunter befanden sich allein 32 Kirchen und parallel zur Heilig Kreuz-Kirche in Ückendorf baute der alte Franke jeweils eine weitere Kirche in Gladbeck und Bottrop.
Als zukünftiger Nutzer des Gebäudes freute sich Prof. Dr. Helmut Hasenkox, Geschäftsführer der emschertainment GmbH, über die vielen Nutzungsmöglichkeiten. „Hier werden das MiR, die Neue Philharmonie Westfalen und ebenso der Wissenschaftspark unsere potentiellen Partner sein. Wir rechnen mit rund 100 Veranstaltungen pro Jahr, die hier stattfinden werden. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass dieser Ort genau der richtige wäre für Götz Alzmann, Hermann van Veen oder auch Axel Prahl.“

Viele Möglichkeiten und viel Geschichtsträchtiges

Das Architektenteam von pbs hat sich bereits so manches einfallen lassen, um den Umbau so zu gestalten, dass die Kirche zukünftig multifunktional genutzt werden kann. So muss eine Belüftungsanlage eingebaut werden, die eine Größenordnung von sieben mal zwei Metern hat, also keine Kleinigkeit darstellt. „Da es hier aber nur eine kleine Kellerfläche gibt, haben wir uns etwas anderes ausgedacht: Die Glocken aus dem Turm werden dem Bistum übergeben zur weiteren Nutzung und stattdessen zieht dort das Belüftungsaggregat ein“, schmunzelt Architekt Krings.
Um möglichst viel von der denkmalgeschützten Kirche zu erhalten, sind auch Neunutzungen für die Nebenaltarräume als Seminarräume geplant und auch die Nebenaltäre bleiben als historische Details erhalten. Das Taufbecken wird wieder an seinen ursprünglichen Standort in die Taufkapelle umziehen. Da hier noch die Ursprungsfenster erhalten sind, bietet sich dieser Raum auch als Ausstellungsfläche zur Schilderung der Geschichte der Kirche an, denn nur durch die Taufkapelle kommt man auch auf die Empore.
Auch die Beichtstühle bleiben als geschichtliches Relikt erhalten, ebenso wie die Einrichtung der Sakristei, die mit ihren authentischen Schränken aus der Bauzeit der Kirche als Backstagebereich für die Künstler dienen soll. Ob der zentnerschwere in einem der Schränke eingebaute Safe weiter genutzt wird, sei einmal dahin gestellt. Beeindruckend anzusehen ist der Safe auf jeden Fall.
Die Fenster, die man heute in der Kirche sieht, stammen aus der Nachkriegszeit, weil bis auf die kleineren Fenster in den beiden Seitenkapellen, der Pietà- und Taufkapelle, alle den Kriegswirren zum Opfer fielen. Um den Schallschutz, aber auch die Energetik des Gebäudes zu gewährleisten, werden alle Fenster von außen oder innen mit einer zweiten Verglasung verdichtet.
Wie zu ihrer aktiven Kirchenzeit werden die Besucher auch in Zukunft beim Eintritt in die Heilig Kreuz-Kirche an den Weihwasserbecken entlang flanieren. Ein erhabenes Gefühl dürfte damit verbunden sein, dieses ursprünglich sakrale Gebäude in Zukunft als Kulturstätte der anderen Art zu besuchen.

Zur Geschichte der Heilig Kreuz-Kirche

Ende der 1920er Jahre war die Ückendorfer Pfarrgemeinde St. Josef mit 17.000 Gläubigen die größte Kirchengemeinde Deutschlands, so dass der Neubau dieses Gotteshauses nötig wurde.
Die Heilig Kreuz-Kirche an der Bochumer Straße 115 wurde in den Jahren 1927-1929 nach Plänen des Architekten Josef Franke erbaut. Sie ist eine der spektakulärsten Kirchenbauwerke der frühen Moderne und als ein Hauptwerk des Backsteinexpressionismus eines der Gelsenkirchener Baudenkmäler von überregionaler Bedeutung.
Heute stehen das Kirchengebäude und der dazugehörige Flügelbau Bochumer Straße 117/117a als Gesamtensemble unter Denkmalschutz. Große Teile der Bausubstanz stammen aus der ursprünglichen Bauzeit. Anders als bei vielen anderen Kirchen im Ruhrgebiet entstanden an der Heilig Kreuz-Kirche keine großen Schäden durch Bombenangriffe.
In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg wurden bis 1948 im Krieg entstandene Schäden an den Gewölben und den Fenstern behoben. Die heute vorhandenen Fenster stammen aus der Folgezeit; lediglich in den Seitenkapellen befinden sich noch originale Fenster aus der Bauzeit, gestaltet von dem expressionistischen Maler Andreas Wilhelm Ballin.
Die Heilig Kreuz-Kirche wurde im Jahr 2007 außer Dienst gestellt und wird seitdem nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Anfang 2017 erwarb die Stadt Gelsenkirchen das Gebäude von der Kirchengemeinde St. Augustinus.
Das Umbauvorhaben wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie aus Mitteln des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Kurz vor dem Jahreswechsel 2016/2017 wurde durch die Bezirksregierung Münster der Förderbescheid in Höhe von rund 9,7 Millionen Euro übergeben.

Autor:

silke sobotta aus Gelsenkirchen

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