„Eugen Onegin“ im Musiktheater im Revier
Große Oper im Kleinen Haus

Am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier fand am 1. März die umjubelte Premiere von Peter I. Tschaikowskis lyrischen Szenen „Eugen Onegin“ nach Alexander Puschkins gleichnamigem Versepos über verschmähte Liebe, vertane Chancen und das falsche Timing im Leben statt. Allerdings nicht in der originalen Version mit großem romantischem Orchester, sondern in einer fein-sensiblen Kammerfassung für 12 Instrumente (Streichquintett, Klarinette, Fagott, Horn, Klavier, Celesta, Akkordeon und Schlagwerk), welche André Kassel ursprünglich für das Nationaltheater Weimar eingerichtet hat. Dabei sorgten insbesondere Akkordeon und Celesta für neue und interessante Klangerlebnisse, so dass die vertrauten vollen Orchesterklänge zu keiner Zeit fehlten. Konsequenterweise verlegte man in Gelsenkirchen diese sehr intime Aufführung in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln in das dortige Kleine Haus. Das Konzept ging voll und ganz auf. Die vom Dirigenten Thomas Rimes souverän geleiteten Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen finden nur sehr leicht abgesenkt im vorderen linken Teil des Parketts Platz. Von der Bühne aus führt ein langer Steg mitten durch das Parkett bis hinauf auf den Rang, welcher insbesondere für die Auf- und Abtritte des exzellent von Alexander Eberle vorbereiten Opernchores, aber auch zum Spiel genutzt wird. Dadurch befindet sich das Publikum inmitten des Geschehens; kein störender Orchestergraben wirkt distanzierend zwischen Zuschauern und Bühne. Dieter Richter hat einen sonnenlichtdurchfluteten, sommerlich-russischen Birkenwald als Hintergrundbild geschaffen, welcher der kleinen Bühne Tiefe gibt. An beiden Seiten befinden sich echte Birkenstämme und sorgen für Weite. Durch die insgesamt am ganzen Abend raffinierte Lichtregie wird der Wald nach der Pause zum Duell zwischen Onegin und Lenski sehr geheimnis- und eindrucksvoll abgedunkelt. Zur großen Ballszene im 2. Akt klappt das Birkenwaldbild einfach nach vorne und dessen Rückseite gibt die Tanzfläche her. Lampions (im 3. Akt sind es Lüster) werden zur Vervollständigung des Bildes nach unten gesenkt. Diesen ebenso einfachen wie genialen Schauplatz nutzt die junge Regisseurin Rahel Thiel geschickt für eine starke Personenregie ohne die so oft beim Publikum verhassten Regietheater-Experimente. Sie inszeniert ein packendes und hochemotionales Seelendrama zwischen jungen Menschen, in welchem es am Ende ausnahmslos Verlierer gibt. Die Sopranistin Bele Kumberger gibt mit Tatjana eine herausragende Hauptrolle der Oper, die nach Auffassung der Regisseurin Thiel eigentlich in „Tatjana“ umbenannt werden müsste. Sie vollzieht stimmlich wie schauspielerisch eindrucksvoll die Wandlung vom jungen und naiven Mädchen vom Lande zur Fürstin Gremina der gehobenen St. Petersburger Gesellschaft. Ihrer zentralen Briefszene aus dem 1. Akt folgt langanhaltender Szenenapplaus. Im 3. Akt ist sie nach dem unerwarteten Auftauchen Onegins schwerst hin- und hergerissen, hält aber letztlich ihrem Fürsten Gremin (sicher noch steigerungsfähig mit dunklem Bass gesungen von Michael Heine) die Treue. Piotr Prochera wächst im Laufe des Abends in die Titelrolle hinein und gesteht Tatjana am Ende - allerdings vergeblich - verzweifelt und feurig mit kräftigem Bariton seine späten Gefühle. Es bleibt offen, ob er sich als gebrochener Mann in den Schlusstakten selbst erschießt. Auch das weitere Paar - Tatjanas Schwester Olga (mit weichem Mezzosopran gesungen von der jungen Lina Hoffmann) und der Dichter Lenski (der überragende Tenor Khanyiso Gwenxane)- fügt sich bestens in das absolut hohe musikalische Niveau ein. Gleiches gilt für Noriko Ogawa-Yatake als Gutsbesitzerwitwe Larina und Almuth Herbst als Amme Filipjewna. Eine ganz starke und sehr emotionale Produktion des Musiktheaters im Revier, die man auf gar keinen Fall verpassen sollte. Termine noch bis zum 5. Mai.

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