Schwalben-Fans: Zweitakt-Knattern und Abgas-Nebel

Da stehen sie in all ihrer Pracht: Zwei Schwalben und ein SR50.
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Zwei Brüder aus Erle lassen mit Simson-Fahrzeugen, unter anderem den „Schwalben“, einen Teil deutsch-deutscher Geschichte wieder aufleben.

von Marco Wolf

Die Motoren knattern im Zweitakt, es riecht nach vergangenen Zeiten und Abgase vernebeln das Schievenviertel in Erle. Die Brüder Felix und Nils Nowak haben ihre Simson-Roller aus dem „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann Suhl“ in Thüringen aufgefahren.
Felix Nowak hat seine Schwalbe von 1981 in der Grundform „KR 51/2 N“ vor kurzer Zeit neu aufgebaut, sein Bruder Nils modernisiert einen SR 50, den Nachfolger der Schwalbe, ebenfalls.
Dabei verzichten beide freiwillig auf so manchen „Luxus“ der in Mode gekommenen Baumarktroller aus Asien. Hier dominieren noch Benzinhahn, Kickstarter und Fußschaltung. Auch den Treibstoff, ein Gemisch aus Zweitaktöl und Benzin, mischen sich die Simson-Liebhaber im Verhältnis von 1:50 zurecht.
Insbesondere die Tatsache, dass die Ersatzteilversorgung reibungslos funktioniert, als auch die größtenteils leicht durchführbaren Reparaturarbeiten begeistern zusätzlich. Im „Arbeiter- und Bauernstaat“ war eine einfache Möglichkeit zur selbstständigen Reparatur ohnehin nötig und im Notfall wurden gewisse Mängel auch provisorisch geflickt, wenn bestimmte Ersatzteile nicht zu erwerben waren. Zudem wurden sämtliche angebotenen Teile gehortet, völlig gleich, ob sie jemals am eigenen Mokick oder Kleinroller verbaut werden mussten. Das erklärt auch die heute gute Versorgung mit, im Vergleich zu multinationalen Nachbauten, qualitativ hochwertigeren Original-Ersatzteilen, die dadurch natürlich einen gewissen Wert besitzen, sicherlich aber einen langjährigen Dienst am Kleinkraftrad leisten werden.
Ihre 60 Kilometer Höchstgeschwindigkeit erreichen die Simson-Fahrzeuge mit 50 Kubik dazu spielend. Und das völlig legal mit einem günstigen Versicherungskennzeichen. Grund dafür ist die im Einigungsvertrag beibehaltene Einstufung als Kleinkraftrad im Sinne der DDR, sofern sie vor 1992 zugelassen wurden. Dort durften diese - im Gegensatz zur Bundesrepublik mit einer damaligen Beschränkung auf 40 - eine Maximalgeschwindigkeit von 60 Sachen erreichen. Damit entgeht der heutige Simson-Fahrer dem lästigen Geschleiche mit nach EU-Norm festgelegten 45 Stundenkilometern und kann gut im Stadtverkehr mitschwimmen.
Dies war neben dem nostalgischen Charakter auch der Anlass für die beiden Brüder, keinen plastikverschalten 08/15-Roller mit automatischem Getriebe zu fahren.
Der Kult um die Schwalbe zieht dennoch eher in den alten Bundesländern der Republik seine Kreise, da (vor allen Dingen männliche) Jugendliche in der DDR lieber die sportlichen Mokicks S50 und den Nachfolger S51 aufgrund der Motorradoptik fuhren. Denn das Blechkleid der Schwalbe änderte sich in der Bauzeit von 1964 bis 1986 wie beim Sachsenring Trabant oder dem Eisenacher Wartburg nur geringfügig, gleichwohl die fortschreitende Technik unter der Verkleidung (bei den Krafträdern) im Kontrast zu „Weltstandsvergleichfahrzeugen“ durchaus konkurrenzfähig blieb. Kaum ein Roller verfügte Mitte der 60er-Jahre serienmäßig über Blinker, Brems- und Parklicht sowie eine Hupe.
Sogar ein dreirädriger Krankenfahrstuhl für Körperbehinderte, Krause Duo 4/1, wurde auf Basis der Schwalbe gebaut und vertrieben.
Kurz nach der Wende wollte allerdings fast niemand mehr eine Simson haben, obwohl die in der DDR zurückgehaltenen und schon lange serienreifen Weiterentwicklungen noch einige Jahre durch die „Suhler Fahrzeugwerke“ für den Markt gebaut wurden, ab 1992 allerdings mit der einheitlichen Maximalgeschwindigkeit von 50 km/h. 2002 folgte die Insolvenz und das Unternehmen „Meyer Zweiradtechnik Ahnatal“ kaufte die Rechte an Simson und stellt bis heute Ersatzteile nebst dem ab 1979 verbauten Standard-Motor her.
Erklären lässt sich die Beliebtheit der Schwalbe im „Westen“ damit, dass es keinen vergleichbar robusten und geländegängigen Roller zu kaufen gab. In der Bundesrepublik dominierten eher Mokicks ohne Allwetterverkleidung und die Räder der Vespa waren für Ausfahrten in die Natur doch ein wenig zu klein geraten.

Ein beliebtes
Alltagsfahrzeug

Felix Nowak fährt mit seiner Simson täglich zur Schule und nutzt das Kleinkraftrad für Freizeitausflüge und Ausfahrten in die nähere Umgebung. „Mittlerweile wollen meine Schulkameraden ihre Roller schon gegen die Schwalbe tauschen, doch darauf würde ich mich niemals einlassen“, meint der Gesamtschüler. Und er wird der Marke noch weiter treu bleiben, denn die Restauration einer S50 ist bereits in Planung.

Da stehen sie in all ihrer Pracht: Zwei Schwalben und ein SR50.
Lässt die alte Zeit aufleben: Felix Nowak auf seiner Schwalbe. Foto: Privat
Autor:

Lokalkompass Gelsenkirchen aus Gelsenkirchen

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