"Ballett ist sexy!": Interview mit Bridget Breiner

Foto: Sébastien Galtier
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Seit der vergangenen Saison weht frischer Wind in der Tanzabteilung des Musiktheater im Revier. Das hat das Haus und das Publikum vor allen Dingen einer Person zu verdanken: Ballettdirektorin Bridget Breiner.

Stadtspiegel: Bridget, wie kam es dazu, dass du den Weg ans Musiktheater im Revier gefunden hast?
Bridget Breiner: „Das ist eine sehr lange Geschichte (lacht)! Ich befand mich gerade in einer Phase, in der sich jeder Tänzer irgendwann im Laufe seiner Karriere befindet: man beginnt, über die Zukunft nachzudenken. Ich war immer noch mit Leib und Seele Tänzerin und wollte das auch nicht aufgeben, aber trotzdem wollte ich mich ausprobieren und neue Dinge versuchen.“

Du hast dir also mit der Choreographie ein zweites Standbein aufbauen wollen?
„Nein, das war nie meine Intention. Ich habe mit dem Choreografieren begonnen, weil es mich interessiert hat. Ich tanze bis heute ausgesprochen gerne und möchte das auch, solange es noch möglich ist, tun. Zu dem damaligen Zeitpunkt war ich Ballerina und aufsteigende Choreografin; ich wollte in keine Schublade gesteckt werden, sondern beides machen.“

Und das geschah noch alles in Stuttgart?
„Zum Teil, ja. Stuttgart ist meine tänzerische Heimat, meine Herkunft; dort bin ich so stark geprägt worden, dass ich mir nicht sicher war, ob ich mich dort noch wirklich weiterentwickeln könnte. Deshalb ging ich nach Dresden, doch leider litt ich dort sehr unter den Folgen einer alten Verletzung im Fuß...“

Was bedeutete das für dich?
„In Dresden durchlief ich eine komplette Veränderung meiner Tanztechnik und lernte das Tanzen quasi von Grund auf neu. Das war nicht einfach; körperlich wie psychisch. Auch die Entscheidung dazu fiel mir nicht leicht, schließlich war ich zu dem Zeitpunkt bereits 32 Jahre alt - ein Alter, in dem man im Ballett auch ans Aufhören denken könnte. Doch ich wollte unbedingt weitertanzen. Dann hieß es erst einmal zurück nach Stuttgart, wo man mir Raum gegeben und mich als ‚artist in residence‘ engagiert hat. Ich tanzte ein wenig, choreografierte und gastierte auch viel in dieser Zeit. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt nur, dass alles so wird, wie es früher einmal war. Aber das geht nicht, man bekommt sein altes Leben nicht mehr zurück, man kann immer nur nach vorn gehen.“

Und dann kam das Angebot in Gelsenkirchen...
„Genau, Michael Schulz (Generalintendant des MiR, Anm. d. Red.) hatte eine DVD von einer meiner Choreographien gesehen und suchte zu diesem Zeitpunkt nach einem Nachfolger für Bernd Schindowski. Als er und Anna Melcher (Chefdramaturgin am MiR, Anm. d. Red.) mich in Berlin besuchten, merkte ich schnell, dass das Menschen sind, mit denen ich gut zusammenarbeiten könnte. Von vielen Kollegen, die bereits eigene Kompanien hatten, hörte ich ganz oft, dass Ballett an den großen Häusern meist als Stiefkind behandelt wurde, doch Bei Michael und Anna ist das anders: Hier habe ich die Freiheiten und den Raum, den ich zur Entwicklung wirklich guter Stücke brauche.“

Und das hat sich, wenn man sich die drastisch gestiegenen Besucherzahlen der Ballettsparte des MiR ansieht, gelohnt. Vor allem junge Menschen scheinen sich zu den Aufführungen hingezogen - woran liegt das, meinst du?
„Wirklich? Das freut mich wirklich sehr! Selbst bekommt man das nicht immer so mit, wenn man auf oder hinter der Bühne steht. Ich denke es liegt einfach an der abwechslungsreichen Natur des Balletts: es ist sexy, es ist aufregend und athletisch. Aber es ist auch kreativ, intellektuell und vor allen Dingen emotional - jeder Zuschauer fühlt sich durch einen anderen Aspekt angesprochen, der eine durch die Ästhetik, der andere durch die Aufbereitung des Stoffes. Wer erst einmal Erfahrungen mit dem Ballett gemacht habt, merkt schnell, dass es eine wunderbare Kunstform voller Fantasie und Spaß ist.“

Auch die „move!“-Projekte führen mehr junge Menschen an das Tanzen heran.
„Ja, Marika Carena leistet wirklich Erstaunliches mit diesen Jugendlichen. Und es ist so schön zu sehen, wie sich alle Schüler, egal von welcher Schulform sie kommen, gegenseitig unterstützen. Es macht großen Spaß, diesen jungen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich selbst und ihren Körper neu erleben können.“

Mit deiner Kompanie bist du auch weit über die Grenzen Gelsenkirchens hinaus bekannt geworden; in dieser Saison alleine gibt es Kolaborationen zwischen dem Aalto Theater in Essen und der kunstsammlung nrw in Düsseldorf!
„Beides sind wirklich tolle Projekte, bei denen die gesamte Kompanie mitwirken kann. In Düsseldorf waren wir Anfang Oktober und haben um die Skulpturen von Alexander Calder herum eine Choreographie von Demis Volpi aufgeführt. Wir haben beide gemeinsam mit dem Choreografieren angefangen, doch während ich mich noch viel von der Musik leiten lasse, ist Demis ein sehr visueller Typ, der seine Inspiration auch aus den bildenden Künsten bezieht. Es war ein großer Erfolg, es hatten sich sehr viele Besucher eingefunden, um das Event zu verfolgen, sodass man manchmal gerade einmal eine Armlänge vom Publikum entfernt tanzte. Eine wirklich tolle Erfahrung. Dank eines Shuttle-Services konnten auch viele Gelsenkirchener dabei sein.“

Und in Essen tanzt ihr in dieser Saison gemeinsam mit der Kompanie des Aalto Theater das weltberühmte Ballett-Stück „Giselle“.
„Ja, und in der darauffolgenden Saison kommt das Stück an unser Haus. Bisher müssen noch viele organisatorische Dinge geklärt werden. Doch der Choreograf, David Dawson, ist einer der bedeutendesten Choreografen des klassischen Balletts in der Moderne. Er hat sehr hohe Ansprüche an die Tänzer und ist daher wirklich sehr gut für die Kompanie, aber auch für das Haus.“

Ein weiteres Highlight der Saison ist deine Inszenierung von Tschaikowskis „Schwanensee“, das morgen (9. November 2013) Premiere feiert. Was erwartet die Zuschauer?
„Dazu gibt es eine schöne Anekdote: ein Sänger kam letztens auf mich zu und sagte ‚Wir haben wohl noch nie so schöne Kostüme hier am MiR gehabt wie die für euer Schwanensee!‘ (lacht). Ich denke, viele Leute sehnen sich einfach nach der Schönheit des klassischen Balletts. Und das bekommen sie in dieser Aufführung, wenn auch mit einer neoklassizistischen Choreografie. Ich möchte, dass die Zuschauer die Geschichte durch die Bewegungen erleben und Raum für eigene Interpretationen haben.“

Als du in diesem Jahr den Theaterpreis Gelsenkirchen entgegengenommen hast, hast du keinen Augenblick gezögert, um ihn mit deiner Kompanie zu teilen.
„Absolut, denn es war der gemeinsame Erfolg der letzten Saison, der mir diesen Preis beschert hat. Die Hälfte der ‚ersten‘ Kompanie konnte den Preis mit mir entgegen nehmen, die andere Hälfte waren neue Tänzer, die erst einen Monat bei uns waren. Doch schon in diesem einen Monat sind wir sehr eng zusammengewachsen.“

Ist es üblich, dass man sich so viele Gast-Choreografen einlädt?
„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für Abwechslung sorgt und auch für mich immer wieder neue Impulse und Inspirationen bereithält, mit wechselnden Choreografen zusammenzuarbeiten. Ich finde diese unterschiedlichen, neuen Einflüsse sehr interessant und ich denke, das Publikum auch. So wird keine Inszenierung wie die andere.“

Du bist für diesen Job auch nach Gelsenkirchen gezogen: Wie gefallen dir Stadt und Region?
„Ich mag die Menschen hier. Am Anfang war die Ruhrpott-Art noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber es ist erfrischend, wie direkt und ehrlich die Leute hier sind. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs und interessiere mich auch brennend für die Geschichte dieser abwechslungsreichen Region. Auch ist die Nähe und Dichte der vielen Schauspielhäuser und Musiktheater toll, kulturelle Events wie die Ruhrtriennale sind einfach fantastisch. Die Region hat viel zu bieten.“

Bleibt zu hoffen, dass die hohen Qualitätsstandards, die das Neue Ballett im Revier in seiner ersten, phänomenalen Saison aufgestellt hat, auch in der laufenden eingehalten werden können. Erste Einblicke in die bevorstehende „Schwanensee“-Inszenierung stimmen zuversichtlich; lassen wir uns also überraschen!

Autor:

Deborrah Triantafyllidis aus Gelsenkirchen

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