Im Gespräch mit Meinolf Roth, Stiftungsdirektor der Theresia-Albers-Stiftung
"Es muss mehr Geld ins System"

Der Stiftungsdirektor der Theresia-Albers-Stiftung, Meinolf Roth. Foto: Pielorz
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  • hochgeladen von Dr. Anja Pielorz

Die Hattinger Theresia-Albers-Stiftung (TAS) ist ein sozial-karitativer Träger mit mehreren Einrichtungen in der Alten- und Behindertenhilfe sowie in der Kindertagesbetreuung. In den insgesamt neun Einrichtungen im Ruhrgebiet und im Ennepe-Ruhr-Kreis beschäftigt die Stiftung mehr als 840 Mitarbeitende und ist einer der wichtigen Arbeitgeber der Region. Im Südkreis ist die Stiftung Träger der Altenhilfeeinrichtung St. Elisabeth in Ennepetal sowie der gleichnamigen Kita. In Gevelsberg ist sie Träger der Kita St. Nikolaus für 65 Jungen und Mädchen. Nachdem die TAS vor elf Monaten erfolgreich ihre pädagogische Arbeit in der provisorischen „Container-Kita“ in Modulbauweise aufgenommen hat, wurde jetzt der symbolische Spatenstich am zukünftigen Standort der Kita St. Nikolaus in der Feverstraße im Beisein zahlreicher Projektbeteiligter, sowie Vertretern von Politik und Verwaltung gefeiert. In einem Gespräch mit der wap/Lokalkompass berichtet Stiftungsdirektor Meinolf Roth aus dem Alltag der Stiftung in herausfordernden Zeiten.

„Unsere Verwaltung befindet sich nach wie vor am Stammsitz in Hattingen-Bredenscheid. Neben Altenhilfeeinrichtungen in Bochum und Essen sind wir Träger von einer Einrichtung in Ennepetal und von zwei Einrichtungen in Hattingen. Dazu kommen zwei Kitas sowie 35 Plätze für chronisch psychisch Kranke in Bredenscheid und 24 Plätze für geistig behinderte Menschen, für die wir bald neu in Hattingen-Niederwenigern bauen möchten. Außerdem gibt es eine ambulante Betreuung. Die Corona-Pandemie hat uns an allen Standorten vor große Herausforderungen gestellt“, fasst Stiftungsdirektor Meinolf Roth die Situation zusammen.
Im April stand man beispielsweise in der Ennepetaler Einrichtung vor dem Problem, dass drei symptomfreie Mitarbeiter eine Bewohnerin, die ebenfalls keine Symptome zeigte, infiziert hatten. „Das bedeutete eine Quarantäne für elf Mitarbeiter, die man natürlich ersetzen muss. Das bedeutete viele Tests, die zum Glück alle negativ ausgingen. Und das bedeutete eine schnelle Reaktion von uns, grundsätzlich in allen unseren Einrichtungen mit Mund-Nase-Bedeckung zu arbeiten. Heute tragen unsere Mitarbeiter alle eine FFP2-Maske, um die Bewohner, aber auch sich selbst zu schützen.“ Doch Meinolf Roth sieht viele ungeklärte Fragen und Situationen. „Wie wollen Sie psychisch kranke Menschen oder Menschen mit Demenz in Quarantäne halten? Wie wollen Sie mobile Bewohner, die unsere Einrichtung noch verlassen können, kontrollieren? Wie wollen Sie Angehörige, die einen Bewohner für ein paar Stunden aus der Einrichtung mitnehmen, befragen, wo er war und wie er sich verhalten kann? Das ist schlicht nicht möglich.“ Roth berichtet auch, dass strikte Besuchsverbot im Frühjahr habe zu teils skurrilen Situationen geführt. „Bei manchen Bewohnern stieß dies auf genauso wenig Verständnis wie bei den Angehörigen. Wir haben sogar Anträge auf einstweilige Verfügungen gehabt, einen Bewohner zu besuchen. Wir haben einen Besuchsfall gehabt, in dem sich mit einer Leiter von außen am Fenster Zutritt zum Bewohner verschafft wurde – der Fall ging ja durch die Medien und führte zu einem Shitstorm in den elektronischen Medien im Hinblick auf meine Reaktion. Ich habe Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet. Die Besuchslockerung kam dann ausgerechnet zum Muttertag. Es war aber trotzdem und ist es bis heute kein normaler Besuch möglich – Nähe und sich in den Arm nehmen, das ging nicht und geht auch heute nicht. Wir mussten in den Einrichtungen Zeitfenster schaffen und wir lassen uns unterschreiben, dass wir bei Besuchen in den Bewohnerzimmer die Verantwortung des Angehörigen sehen, sich an die Hygieneregeln zu halten. Wie sollen wir kontrollieren, ob in den Zimmern Mund und Nase bedeckt sind oder sich die Menschen nicht doch in den Arm nehmen?“ Das Pflegepersonal leiste hier sehr, sehr viel, so Roth. Es regt ihn auf, dass der „Corona-Bonus“ zwar in der Altenpflege gezahlt werde, aber nicht in der Behindertenpflege. „In der Altenpflege kommt das Geld über die Pflegekasse. In der Behindertenpflege müssten Landschaftsverbände und Sozialämter in die Pflicht genommen werden. Wir von der Theresia-Albers-Stiftung zahlen unseren Mitarbeiter in der Behindertenpflege den Bonus deshalb aus eigener Tasche.“

Finanzen sind ein großes Thema

Das liebe Geld ist überhaupt ein großes Thema. Für Meinolf Roth ist klar: „Es muss einfach mehr Geld ins System. Die Kernfrage muss lauten: Was braucht der Mensch? Das gilt in erster Linie für die Bewohner, aber eben auch für die Mitarbeiter. Wenn jeder Mensch wüsste, er würde sein Lebensende in einer Altenhilfeeinrichtung verbringen, dann sähe manches ganz anders aus. Doch es ist einfacher, den Gedanken daran wegzuschieben. Doch wenn ich für elementare Bedürfnisse Hilfe brauche, dann bin ich eben dort gut aufgehoben, wo es diese Hilfe gibt. Es müssen mehr Personen in das System gebracht werden. Es müssen dadurch mehr Dienstplansicherheiten entstehen. Die Familienfreundlichkeit muss durch diese Pläne zunehmen. Und dazu braucht es mehr Geld im System. Aus meiner Sicht muss die Pflegeversicherung um zwei bis drei Punkte steigen. Dabei ist der Verdienst einzelner Mitarbeiter nur ein Aspekt. Natürlich soll und muss der Job mit mehr Wertigkeit in der Gesellschaft verbunden werden. Es braucht aber auch deshalb mehr Geld, weil wir unsere Mitarbeiter zunehmend psychologisch unterstützen müssen. Frühere Altenwohnheime sind heute Altenpflegeheime und nicht selten quasi Hospize. Die Mitarbeiter werden zunehmend mit dem Tod und schweren Krankheiten konfrontiert und müssen das auch selbst verarbeiten können.“
Unbändige Lebensfreude dagegen steht bei den Kleinen im Raum, die in der neuen Kita St. Nikolaus betreut werden. Die Fertigstellung der neusten Kindertageseinrichtung ist für Dezember 2021 avisiert. Neben TAS-Stiftungsvorstand Meinolf Roth, der Einrichtungsleitung Bettina Hinrichs und dem Bauherrn Peter Lüke von der Pro Secur GmbH griff auch Bürgermeister Claus Jacobi (SPD) beherzt zum eigenen Spaten, um das zukunftsträchtige Bauprojekt für Gevelsberger Familien zu unterstützen. Meinolf Roth: „In unserem Haus sind alle Jungen und Mädchen herzlich willkommen und werden mit ihren jeweiligen Wünschen, Bedürfnissen und Eigenarten wahr- und angenommen. Aus unserem christlichen Selbstverständnis heraus werden wir aber natürlich bestimmte Angebote, die sich aus dem Kirchenjahr ableiten lassen, in die pädagogische Arbeit einfließen lassen und unseren Glauben im täglichen Miteinander erlebbar machen.“ Die Corona-Pandemie wird allerdings auch hier eine große Rolle spielen. „Die Kinder bleiben in ihrer Gruppe und wir müssen sehen, wie wir das mit Kindern regeln, die Schnupfen haben. Die Temperatur zu messen – na ja, es gibt auch fiebersenkende Medikament. Ich kann die Sorgen und den existenziellen Druck der Eltern sehr gut nachvollziehen. Es reicht nicht, per Verordnung etwas festzuschreiben und die Verantwortung ihrer Durchsetzung anderen zu überlassen.“

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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