Eine Nacht- und Gratwanderung durch bizarre Welten und dämonische Träume im Gladbecker Café Stilbruch

Ellen Norten live
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Wo: Café Stilbruch, Rentforter Straße 58, 45964 Gladbeck auf Karte anzeigen

Dr. Ellen Norten überzeugte bei ihrer Lesung am Kulturmontag im Café Stilbruch nicht nur die Phantastikfans. Die avantgardistischen Werke von Hubert Katzmarz standen auf dem Programm und übten große Faszination aus. Und ganz so alptraumhaft, wie es der literarische Stoff vermuten ließ, wurde es denn auch nicht. Schließlich war eine Menge spleeniger Humor mit im Spiel.

"Na, Gott sei Dank!" Die Erleichterung war Harry Michael Liedtke deutlich anzumerken. Zwar ist der Stilbruch als solcher fest verankert im Namen des beliebten Kunstcafés auf der Rentforter Straße, diesmal indes fiel er reichlich gewagt aus, wie der umtriebige Veranstaltungsorganisator in seiner Anmoderation unumwunden zugab.
Tanz in den Mai und eine Literaturlesung mit kafkaesken Texten am gleichen Ort – das beißt sich, sollte man meinen. Gottlob gibt es Schiebetüren.
"Dass die Lesung auf einen Brückentag fällt, haben wir alle außer Acht gelassen, als wir die Veranstaltung vor mehr als einem halben Jahr festgezurrt hatten", verkündete Harry Michael Liedtke entschuldigend. "Speziell ich! Man möge mir diesen Fauxpas verzeihen. Wenn man sich permanent wie ich im Kulturbetrieb tummelt, verliert man das Gefühl für Wochenenden und Feiertage. Das werden ganz normale Arbeitszeiten."

Den ersten Grund zur Erleichterung gab es mit Blick auf die Zuhörerzahlen. Es war brechend voll im Café Stilbruch am Abend des 30.4. – und zwar erst mal mit Lesungsgästen. Zu Beginn um 20:00 Uhr waren die Literaturfreunde in überwältigender Mehrheit eingetroffen, erst nach der Pause hatten die Feierbiester das Zahlenverhältnis ausgeglichen. Im Sinne einer friedlichen Koexistenz rückte man also in der Lounge etwas zusammen, deckte sich mit Getränken ein, schloss die Schiebetür und genoss in Ruhe den Rest der Lesung.

Dass es an jenem Abend anspruchsvoll werden würde, davor hatte Harry Michael Liedtke lange gewarnt. Hubert Katzmarz' in das Genre der Phantastik zu verortende Texte sind versponnen, verschlungen, bizarr, unheimlich und manchmal auch befremdlich. Sie erfordern Konzentration. Lesungen sind sowieso nichts für Weicheier, und besonders bei den Werken des 2003 verstorbenen Autors und Herausgebers sollte man besser alle Sinne beieinander haben, will man in die wunderlichen Wortbilder ein- und abtauchen.

Die durch ihre Arbeit beim WDR, beim BR und beim Deutschlandfunk wohlbekannte Wissenschaftsjournalistin Ellen Norten hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Ehemann und seine Literatur nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.
Zwar hat sie noch nicht allzu viele Lesungen "auf dem Buckel", aber als TV-Moderatorin (unter anderem an der Seite von Jean Pütz in der Hobbythek) ist ihr Nervosität gänzlich fremd. Entsprechend locker und souverän war ihr Auftritt. Wer mag, wird sich demnächst selbst davon überzeugen können, denn die Lesung wurde fürs Radio aufgezeichnet (der Ausstrahlungstermin wird im Newsletter des Café Stilbruch bekannt gegeben).

Beeindruckt war die öffentlichkeitserfahrene Gelsenkirchenerin, die inzwischen auch mit eigenverfassten Texten Erfolg hat, vom CSB-Publikum. "Wahnsinn! Die hören ja alle genau zu. Keiner ist mit einem Ohr woanders. Eine Sticknadel könnte man fallen hören." Wohl wahr! Die Stammgäste bei den CSB-Kulturmontagen sind weder Gefälligkeitspublikum noch auf seichte Unterhaltung geeicht. Kunst ist Trumpf!

Grund zum gebannten Lauschen gab es reichlich. Das Lesungsmotto "Dämonische Träume und Bizarre Welten" hielt, was es versprach.
In "Nachwanderung" (einer Kurzgeschichte, die auf einen sehr realen Traum des Autors aus Recklinghausen basiert) ging es um einen fantastischen Kneipenbesuch mit einem Kellner, der zu einem Vogelgespenst mutiert und einer zum Leben erwachenden Schaufensterpuppe. Damit nicht genug der Abstrusitäten. Es muss seelisch mächtig rumoren, wenn man zusieht, wie seine hinter Spiegeln in einem Kabinett befindlichen Kameraden hinaus ins Universum treten ...
In "Alptraumhaft" geht es um einen Mann, der im Schlaf denkt, er habe einen Herzinfarkt, daraufhin erschreckt aufwacht, zunächst mal erleichtert ist, dass alles nur ein Traum war ... und später eröffnet bekommt, dass er Krebs hat.
Mit einem Gedicht an eine keusche Jungfrau wurde es kurzfristig lyrisch, und das CSB-Publikum kam in den Genuss einer absoluten Premiere. Das Verswerk ist noch nie veröffentlicht worden.
Des Weiteren bekam man Einblick in die Seelenlandschaft eines Zeitreisenden, und in einer weiteren Kneipenstory lief das Geschehen aus dem Rahmen. Strange Stuff!
Wer die Lesung verpasst hat, aber wissen möchte, wie ein Szenelokal in Bonn, ein Stammplatzverlust und Rollmöpse inhaltlich zusammenhängen, braucht nicht zu verzweifeln. In Kürze wird Hubert Katzmarz' Gesamtwerk anlässlich des 60. Geburtstags des Schriftstellers beim Verlag p.machinery erscheinen.

http://www.cafe-stilbruch-gladbeck.de/
http://www.pmachinery.de/

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