Inga Hetten * Nachbetrachtung Gladbecklesung 04.10.2011

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Am 4.10.2011 wurde die Stadtbücherei Gladbeck zum Schauplatz einer schaurig-schönen Lesung. Die "Mordsmütter" standen auf dem Programm. Wer nicht da war, hat was verpasst. Was genau verpasst wurde, kann man aus diesem sehr persönlichen Report der Trierer Schriftstellerin Inga Hetten erfahren.

Gladbeck, Stadtbücherei: Mordsmütter
Punkt neunzehn Uhr dreißig entsteige ich dem Dorstener ((Regionalbahn 44, pendelt zwischen Oberhausen und – wer hätte das gedacht – Dorsten.)) ins Gladbecker Herbstdunkel. Das Café Stilbruch lasse ich diesmal links liegen, folge meiner mental map zum Veranstaltungsort. Google lügt nicht, wie vorgesehen zweigt Friedrich von der Schützenstraße ab, an der nächsten Kreuzung liegt die Stadthalle. Einige der rotgeklinkerten Elemente des Gebäudekomplexes beherbergen die Stadtbücherei.
Durch wandbreite Fenster fällt Licht. Leser stöbern in Regalen, sitzen in ein Buch vertieft. Winddurchweht umrunde ich den halben Bau.
Schon vorm Eingang stehen Besucher, gleich links geht es zum Lesecafé, dort herrscht noch viel mehr Betrieb. Ich zahle an der Abendkasse, ein paar Meter weiter kümmert sich Harry Michael Liedtke um mehrere Leute gleichzeitig. Eine Theke verspricht Labung, davor sind Stühle um Tische gruppiert, zur Bühne hin formieren sie sich zu sechs oder sieben dichtgepackten Reihen. Etliche Plätze sind bereits besetzt, belegt mit Taschen und Kleidung. Vorn haben Liedtkes Kolleginnen ihren Stützpunkt aufgeschlagen, konferieren vorm dunklen Fenster.
Rechts auf der niedrigen Galerie überwacht ein schwarzgekleidetes Team ((Schwarz wie ich und doch so anders)) die Bühnentechnik, weiter hinten führt eine Treppe ins Untergeschoss. Das schlicht gehaltene Podium beherbergt alles, was der Autor zum Vortrag braucht: Tisch, Stuhl und Mikrofon. Aufgestellt vor schwarzer Wandverkleidung, flankiert von mannshoch aufragenden Lautsprecherboxen auf Ständern.
Die Veranstaltung ist ausverkauft. Nicht alle haben einen Sitzplatz abbekommen, zwei vom schwarzen Team schaffen Abhilfe, bringen gestapelte Stühle. Liedtke nutzt den Mikrofoncheck für eine Mitteilung an die Raucher: Achtung, letzte Gelegenheit. ((Dieser Harry hat entschieden ein Herz für Raucher.))
Nach der Gnadenfrist für Nikotinfreunde stellt Hausherr Uwe von der Weppen die angekündigten Autor/inn/en ((Dem Binnen-I bin ich nicht zugetan, ragt es doch recht phallisch in die Zeile. Wobei phallisches Ragen m.E. nicht per se von Übel ist. In der weiblichen Wort(!)form indes wirkt es – nochmals m.E. – erheiternd.)) vor. Der Leiter der Gladbecker Stadtbibliothek zählt nicht wenige Preise auf, heute lesen Stars in Gladbeck. Die Anthologie Mordsmütter vereint neunundzwanzig bekannte Namen, kein Wunder, dass sie bereits als Bestseller gehandelt wird. Uwe von der Weppen bittet für weitere Informationen Mitherausgeberin Regina Schleheck aufs Podium. Sie berichtet, die Idee zum Werk stamme von den Mörderischen Schwestern. ((Zitat aus „Wer wir sind – Organisation“: „Die Mörderischen Schwestern sind ein Netzwerk von Krimiautorinnen, Bücherfrauen und Leserinnen.“)) Deren Ressort sind Krimis. Noch vor wenigen Jahren galt dieses Genre als Männerdomäne, bei den Schwestern tauschen sich Frauen ((Weibliche Fachkräfte aller Sparten, nicht nur Angehörige der schreibenden Zunft)) aus – über eine Netzwerkstruktur, der Autor Liedtke naturgemäß nicht angehören darf. Um mit dem Mythos „Mutti“ aufzuräumen, haben die Schwestern statt einer Ausschreibung gezielt Autorinnen angesprochen, Autoren aber auch. Nicht alle Männer besaßen die Traute, ((Okay, die Traute ist auf meinem Mist gewachsen – Schleheck sagte, einige Männer konnten schlicht mit dem Thema nichts anfangen. Dabei hätten doch wir alle, das könne man wohl so sagen, mit Müttern zu tun.)) ein Werk einzureichen, nur sechs Heroen wagten sich unter die Mörderischen Schwestern.
Schleheck erwähnt auch das Syndikat, ((Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen und –autoren, über 600 Mitglieder)) stellt die Tätigkeiten der beiden Netzwerke vor. Meine halblaute Ergänzung „Morde planen.“ ((Konnte nicht widerstehen)) nimmt sie auf, gibt ein anschauliches Beispiel. ((Frage ans Netzwerk: „Wie sieht meine Leiche nach drei Tagen aus?“ Fundierte Antworten erscheinen binnen kurzem. Dazu später eine Hörerin: „Das Netzwerk kostet mitunter auch Zeit. Die Fragen machen nicht selten neugierig, ich lese mit …“)) Dann liest sie in gekürzter Fassung Geschichte Nummer neun, Kleiner Prinz. Schlehecks Mordsmutter verrichtet ihre ureigene Art von Trauerarbeit, fies, gemein und unfair. Zwinkert dann zufrieden in den Himmel, die Kripo tritt nicht in Erscheinung. Mordsmütter sind auch mordende solche, doch die Bandbreite der neununddreißig Geschichten beschränkt sich beileibe nicht auf klassische Krimis.
Das zeigt auch Sabine Deitmers Tür an Tür: Aus der Sichtweise von fünf Nachbarn führt uns die Autorin schubweise an einen Vorfall heran, den als letzte Stimme eine Mutter aufklärt. Deren spontane Reaktion kann nach dieser Vorbereitung wohl jeder von uns nachvollziehen.
Kerstin Lange merkt bei Übernahme des Mikrofons an, nun habe die werte Hörerschaft zu den Preisen auch jeweils ein Bild vor Augen. Ihr Held Matheus kann seines Vaters Liebe nicht erringen, er verzichtet und setzt sein Kochtalent zugunsten der Mutter ein. Frappiert betrachten wir das skurrile Bild, das uns Lange am Ende von Fröhlicher Muttertag präsentiert. Die Autorin schmunzelt, später gibt sie uns Einblick in ihr Schaffen: Lange bereitet mit Leidenschaft komplexe Gerichte zu, Kochen gilt ihr als Kunst. Nicht von Ungefähr bilden erlesene Mahlzeiten häufig den Hintergrund ihrer Geschichten.
Harry Michael Liedtke schlüpft für uns in die Rolle des Farmersjungen Theo, der naive Zehnjährige wird erst im Nachhinein erfassen, was ihm da widerfährt. Mutter Carnage und ihre Kinder erntet trotzdem Heiterkeitsausbrüche, viele Zuhörer kennen die Geschichte: Für Liedtke ist der Abend ein Heimspiel. Er veranstaltet die kultigen Lesungen, Konzerte und Lesezerte im Café Stilbruch in der Rentforter Straße. Gemein ist er auch – als sich das Geschehen zuspitzt, läutet er die Pause ein.
Verdrießen lässt sich davon niemand, die Fortsetzung kommt garantiert. Wir sind guter Dinge, wirbeln durcheinander. Vor der Theke bildet sich eine Schlange, der Büchertisch wird umlagert, Autor und Autorinnen signieren, die Raucher rauchen. Nach angemessener Zeit rufen uns Gongschläge wieder vor das Podium.
Wie schön, wir seien doch tatsächlich noch ebensoviele wie vor der Pause, kommentiert launig der Liedtke. Mit Theos Abenteuer in Greentop, Missouri, bringt er uns noch mehrfach zum Lachen, den Epilog enthält er uns vor. ((Ich kenne ihn, verrate nichts.))
Ein Festmahl mit erahnbarem Ende serviert uns Kerstin Lange. In Altersversorgung verblüfft weniger die Tat als der reichlich schräge, dennoch einleuchtende Beweggrund der Heldin (nachzulesen in der Anthologie „Spuren“). Sabine Deitmer liest eine Szene mit Beate Stein. Diesmal stellt die toughe Kripofrau keinen Verbrecher, sondern die eigene, noch toughere Mutter. Sie ringt ihr ein Geständnis ab, nach drei Jahrzehnten Schweigen. Bei diesem Text handelte es sich um einen Auszug aus dem 5. und bisher letzten Beate-Stein-Roman von 2007 (Krüger Verlag Hardcover, Taschenbuch bei Fischer in 2008). Titel: Perfekte Pläne.
„Die ersten werden die letzten sein“, nach dieser organisatorischen Anmerkung mutiert Schleheck zur vom Sohn besessenen Mutter. Mein Frank ist ein Früchtchen sondergleichen, vergnüglich die verdrehte Sichtweise seiner Erzeugerin (nachzulesen in Schlehecks Kurzgeschichtensammlung „Klappe zu, Balg tot“).
Das Erzählerinnen-Ich verschwindet im Haus, die Autorin bittet Deitmer, Lange und Liedtke zu sich aufs Podium. Sie haken einander unter, die vier Mordsmütter, wir applaudieren ausgiebig. Sie verneigen sich pflichtschuldigst, immer wieder, bis Deitmer es für genug befindet und den Bann bricht. Mit Dank zum Abschluss macht Stadtbüchereileiter Uwe von der Weppen den Abend rund.
Nun wird es laut. Zuhörer stürmen die Künstler, Schreibwerkzeuge und aufgeschlagene Bücher in der Hand. Andere gratulieren, bedanken, verabschieden sich, planen Fahrgemeinschaften. Die Fotografen dokumentieren, ich knipse ein paar Bildchen, die Raucher rauchen. Es ist spät geworden, einige Besucher machen sich sofort auf den Heimweg. Doch dauert es noch einige Zeit, bis die Mitarbeiter der Stadtbibliothek ihr Lesecafé schließen und für den Normalbetrieb umbauen können.
Insider ((Coole Hetten, kennt Auskenner.)) munkeln von achtzig Gästen, die jetzt nach und nach in die milde Nachtluft strömen. Der eher zögerliche Vorverkauf hat so viele nicht erwarten lassen, etliche sind dem Ruf der Plakate und Flyer gefolgt.
Mit einer Handvoll Gleichgesinnter folge ich einem anderen Ruf. Wir ziehen ins Café Stilbruch, wo Autoren zu frischgezapftem Bier erzählen.

Fotos (Lesung): Ruhrfoto.de

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