Up to Dance wird 30, Gladbeck wird 100 und was lernen konnte man dazu
Tanz mal deine Stadt!

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  • Foto: mit freundlicher Genehmigung der Stadt Gladbeck
  • hochgeladen von Timmy Kampmann

Zum zweiten Mal bin ich dem Ruf des Tanznetzwerkes Up to Dance in die Gladbecker Stadthalle gefolgt und durfte Storytelling in Tanzschritten bewundern. Und lernte dazu noch etwas.

Samstag, 17:45 Uhr. Die Show beginnt in einer viertel Stunde. Ich stehe derweil hinter den Kulissen der Mathias-Jakobs-Stadthalle, in einem langen Flur in Bauart »Behördenarchitektur meets Backstagebereich«, dessen Gänge übersät sind mit Plakaten von früheren Veranstaltungen. Alles voll. Von schräg vorne grinst mich Dieter Nuhr (vor seinem Beitritt in den Stil der anonymen Melancholiker, also noch vor der Euro-Einführung) an und hinter mir klebt Jürgen Becker im prä-Instagram Sephiafilter und guckt extra komisch. Die Wände schreiben Kulturchronik im A2-Format. Neben mir zählen selbstvergessen wie beharrlich Tänzerinnen unablässig von 1 bis 4 und führen dabei Verrenkungen aus, gegen die der vitruvianische Mensch (Sie wissen schon: der Radschläger) von da Vinci so steif wie ein gefrorener Stabilo Fineliner wirkt. Und wahnsinnig quirlig ist es im Flur: Kartons mit Kostümen und Klemmbrettträger von der Technik huschen ständig vorbei und werden von lampenfiebrigem Kichern untermalt.
Eben hat mir Moderator und Mitausrichter Arnd Wende noch erzählt, dass das Gladbecker Kulturbüro, das Stadtarchiv und Up to Dance zusammenarbeiteten, um die Stadtgeschichte tänzerisch auf- und abzuarbeiten. Was ganz besonderes also.
Dass das Team Diana Miebach & Arnd Wende kreativ und produktiv ohne Ende ist, das weiß ich bereits von vorherigen Veranstaltungen. Aber so ein gerade genanntes Projekt kann auch mal ganz schnell an die Wand gefahren werden — weil künstlerische Freiheit in der Darbietung und historisch-nüchterne Fakten in der Ausgangslage nicht immer leicht unter einen schön anzuschauenden Hut zu kriegen sind. Denke ich mir.

Gleich geht's los.
Impressionen over.

Kann man sich durch die Geschichte tanzen? Kann man sich durch Epochen wirbeln und auf Zeitabschnitten treten und springen, kann man Lebensspannen in Bewegung umwandeln, die nur Momente andauern?

Das 30. Up to Dance-Festival fiel in 2019 mit einem bedeutenden Jubiläum seiner Heimatstadt zusammen: 100 Jahre Stadt Gladbeck. Aber nicht nur diesen erfreulichen Zahlen sollte Rechnung getragen werden - da war noch etwas, was die Wertschätzung für diesen Abend aus einer weiteren Vergangenheit erhöhte: vor etwas mehr als 100 Jahren wurde nämlich auch das weltkriegsbedingte nationale Tanzverbot aufgehoben. Mit der Lebensfreude kommt der Tanz zurück. Und wahrscheinlich auch umgekehrt.

Um diese Anlässe entsprechend zu würdigen, wurde die Show merklich mit einem besonderen Anspruch gestaltet: Fulminanz, Überraschung und künstlerische Leistung zu einem Feuer- und Feierwerk zu verschmelzen. Und da ein Tanzfestival von seinen Tänzer*innen lebt, hat man sich gleich mal eben schnell 500 Tanzkünstler (aufgeteilt in 36 Solokünstlerinnen/Tanzkompanien) aus allen Genres, allen Himmelsrichtungen und Wegstrecken und Altersgruppen eingeladen. [Sie erkennen die Ironie: "gleich mal eben schnell  fünfhundert".]

Das Up to Dance-festival ist immer ein exzellenter Lobbyvertreter für Tanzkultur und ein Eventgarant, aber hier wurde noch mal volle Power zusätzlich gegeben (dabei meine ich noch nicht mal die Konfettikanonen).

Es grenzt an dreister Vermessenheit, hier von so vielen Talenten ein paar durch Nennung zu bevorzugen, doch diese Stichprobe muss sein, um die Eindrücklichkeit des Abends unter Beweis zu stellen.

Herausgegriffen sei erstmal das Up to Dance-Projekt »Zeitschiene«, eine Art In-House-Company aus 10 Netzwerkpartnern unter der Regie von Diana Miebach mit dem über 10 minütigen Act »as time goes by«, in dem Uraltfotos der Gladbecker Stadtentwicklung auf der Leinwand präsentiert wurden, wärend die Tänze als Zeitgeistkapsel fungierten und das letzte Jahrhundert kurzweilig durchtanzten. Geschichtsunterricht in Schrittfolge quasi.

Oder die Ballettschule Maria, deren Beitrag »Novemberrain« eine herrliche Melange aus zartem Ballett und repetitivem Arrangement aus klassischer Musik darstellte. Und nebenbei diente diese Vorstellung dazu, die Regenschirmtänzerei bei jeden zukünftigen Regenschauer als Erinnerung aufflackern zu lasssn.

Und dann die L.A. Ballett and Dance School.
Hochwertig ausgeführt, künstlerisch exzellent aufbereitet und dabei doch so furchtbar schrecklich in seinen tragischen Ausmaßen. Ein schonungsloser Akt, bei dem der letzte Funke Lebenskraft, symbolisiert durch eine Tänzerin im roten Kleid, mit einem Gewehrschuss vergeht. Das Stück hieß »Schindlers Liste«. Und zeigt dabei den Mut, mit Tanz als Ausdrucksform auch das Grauenvolle erfassbar zu machen, mal ganz ohne Wow-Effekt, aber dafür mit tiefem Berührtsein.

Für so ein Event sammeln sie weit im Voraus Ideen, sagte mir Arnd Wende vor Beginn zwischen den Umkleiden. Und die Kräfte, die so etwas realisieren und erzeugen, speisen sich aus dem Zeit- und Planungsaufwand eines ganzen Jahres, das jeweils zwischen den Shows liegt, meinte er ergänzend dazu. Im Nachhinein verstehe ich, warum.

Geschichte erzählen ist eine Formel: txD=Aha. Also: Zeit mal Dramaturgie gleich Erkenntnisgewinn. Und daher ist das Storytelling ein Medium, das sehr wohl in eine Form aus Tanz gegossen werden kann. So gab es zwischen knallbunten und lauten oder zarten filigranen Tänzen immer eine Erzählung im leichten Tanzschritt und bedeutungsschweren Bewegungsdrang.

Auf diese wunderbar beeindruckende Weise wurden nicht nur meine Fragen beantwortet, wie weit sich Geschichte in Tanz transformieren lässt, sondern mir wurde auch eine Weisheit vermittelt, die in Choreografie daherkam:
Tu deine Dinge mit Herzblut.
Stecke Energie rein.
Bleib in Bewegung.
Und bring die Menschen zum staunen.

Die 500 Tänzerinnen und Tänzer und natürlich auch Up to Dance stehen (und tanzen!) dafür ein — und das sicher auch nächstes Jahr, zum 31. Mal.

Autor:

Timmy Kampmann aus Wesel

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