Neuinterpretation der Wende von 89
Stacheldraht im Gehirn

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  • hochgeladen von Kurt Rohmert

Die vierzigjährige menschenverachtende Diktatur in der DDR endete vor genau 30 Jahren. Während im ZDF ein Mehrteiler (Preis der Freiheit) die historischen Ereignisse historisch genau Revue passieren lässt folgt die Beurteilung der Geschichte der letzten 30 Jahre dagegen einem erstaunlichen Wandel.

Unsere Medien normalisieren die SED-Nachfolger als demokratische Partei und gleichzeitig beginnt eine Debatte um den Sturz des Regimes in Ost-Berlin. Der Gipfel: Gregor Gysi, der letzte SED Vorsitzende, wird als Festredner am 9.10.2019 nach Leipzig eingeladen. Eine Provokation? Nein, die Umdeutung der Friedlichen Revolution. Gysis Partei war definitiv der Hauptverantwortliche für diese Diktatur und nicht, wie Gysi es sieht, der Hauptmotor der Wende. Überhaupt: Diktatur? Laut Gysi war die DDR zwar eine Diktatur und kein Rechtsstaat, aber kein Unrechtsstaat!

Doch die damaligen Bürgerrechtler sehen das ganz anders. So äussern sie wütend : „Wir können nicht glauben, dass die Geschichtsvergessenheit so weit fortgeschritten ist, dass … die eingeladen werden, die die Revolution … zu verhindern wussten.“ Auch Vera Lengsfeld war eine von ihnen, die gegen die Diktatur kämpfte. Was läuft hier im Land und was hat das mit Vera Lengsfeld zu tun?

Befassen wir uns zunächst mit ihrer Biografie. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst (in der DDR) an der Akademie der Wissenschaften. Bereits in den 70er Jahren kam es zur Konfrontation mit der Einheitspartei SED. Ihre aktive Mitarbeit in der Opposition führte zwangsläufig zu den üblichen Repressalien: Bespitzelung, Berufsverbot, Reiseverbot und schliesslich die Verhaftung. Ein Zwangsaufenthalt im Knast wurde mit „versuchter Zusammenrottung“ begründet. Nach ihrer Abschiebung in den Westen und einem Studium in Cambridge kehrte sie 1989 wieder zurück und wirkte aktiv am neuen Staat mit (zunächst am Runden Tisch) und war später Mitglied im Bundestag.

Bemerkenswert ist ihr typisches sowie unermüdliches Engagement für Verfolgte der Diktatur. Der lange Arm der Stasi reichte damals sogar bis in ihre Familie. Aufsehen erregte ihre Gemeinsame Erklärung 2018, die von 165.000 Menschen unterzeichnet wurde. Aus ihrer Lebenserfahrung erklärt sich ihr Kampf gegen das Vergessen einer Diktatur im Verbund mit dem Verharmlosen eines Staates, der keine Rechtsstaatsprinzipien aufwies und wo eine Partei permanente Rechtsbeugung betrieb.

Kommen wir zurück zu den insgesamt 800 Oppositionellen, die in einem offenen Brief die Einladung von Gregor Gysi als „Ehrengast“ verhindern wollten, weil dieser „persönlich gegen die Deutsche Einheit war und jahrelang die Aufarbeitung der SED-Diktatur zu behindern suchte“. Unsere Feiern zur Deutschen Einheit beinhalten selbstverständlich auch die Würdigung der vielen Menschen im Osten, ganz besonders die der Opposition, die die friedliche Revolution mutig vorantrieben. Die Wortmeldung der Opposition (sowie auch mehrerer Historiker) erscheint in einem besonderen Licht, weil seit Monaten in unseren Medien eine Auseinandersetzung stattfindet: es geht um das Infragestellen der Bedeutung der DDR-Opposition und des Begriffs Revolution sowie die Stigmatisierung „rechts aussen“.

In einer Zeit, wo die Nachfolgepartei eben jener allmächtigen SED wieder in unseren Parlamenten sitzt und in Thüringen sogar die Wahlen gewonnen hat, redet man im Spiegel davon, dass Ramelows Regierung „der Beweis dafür ist, dass Linke auch führen und gestalten können“. Andere Länderchefs schätzen seine Art und Kurt Biedenkopf gesteht ihm das Attribut „vernünftig“ zu. Zur Erinnerung: An der innerdeutschen Grenze wurden Flüchtlinge erschossen, Tausende waren in Gefängnissen weggesperrt. Folter, Entführung und Vertuschung von Todesfällen, Zersetzung von Regimekritikern. Diese SED ist 1990 nicht abgewickelt oder gar verboten worden. Bis heute ist nicht geklärt, wo grosse Teile des Vermögens der Partei geblieben sind (Spiegel online 1994). So blieben zum zweiten Mal in der deutschen Geschichte Verbrechen ungesühnt.

In der Auseinandersetzung um das Revolutions-Erbe versuchen inzwischen sowohl Linke wie auch Rechte Kapital zu schlagen. Auch das Verhalten der Medien von taz bis FAZ befremdet sehr. Besonders der Soziologe Detlef Pollak behauptet in der FAZ, „es wird uns wieder die Mär von den Oppositionellen in der DDR erzählt.“ Andererseits sind die AfD Wahlplakate mit dem Slogan „Friedliche Revolution mit dem Stimmzettel“ bzw. „Wende vollenden“ eines Björn Höcke absurd, weil sich beide Staaten nicht vergleichen lassen. Sicher ist aber, dass inzwischen nicht nur die politischen Zustände verklärt dargestellt werden sondern auch viele andere Eigenarten der DDR zurückkehren.

Damit bin ich wieder bei Vera Lengsfeld. Sie ist seit 30 Jahren die Stimme gegen das Unrecht in der Diktatur, Deutschlands bekannteste Dissidentin. Die Demokratie ist ihr Lieblingsthema. Vera Lengsfeld macht, was sie für richtig hält und das mit vollem Einsatz. Wer ihre Artikel in ihrem Blog (Titel: Freedom is not free) liest, ich tue das regelmässig, der erkennt ihre Ziele. Heute ist es immer noch ihr Kampf gegen eine Unterwanderung des Rechtsstaates durch linke Kräfte und die Rückkehr von DDR Strukturen in neuem Gewand. Wie hatte Bärbel Bohley, eine andere Bürgerrechtlerin, damals gesagt: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen einen Rechtsstaat“.

Diesen Kampf könnte man auch als Zivilcourage bezeichnen, wären da nicht unsere Medien und gewisse Strukturen, die durch Fördertöpfe Unsummen erhalten, um „Gegen Rechts“ zu kämpfen. Bekannteste Einrichtung ist die Amadeu-Antonio-Stiftung mit einer Leiterin mit Stasi Vergangenheit. Ihre Aktionen, unter dem Vorwand Gegen Rechts oder gegen Rassismus, schliessen ganz nebenbei auch ehemalige Bürgerrechtler mit ein (späte Rache?). Hier soll wieder stigmatisiert, ausgegrenzt, gebrandmarkt werden. Natürlich mit Unterstützung zahlreicher linksradikaler, gewaltbereiter Aktivisten. So nannte sie ein Antifa Demonstrant kürzlich sogar „Nazi Schlampe“. Damit hat sie neue Feinde, denn wer sich gegen links stellt , kann nur rechts bzw. rechtsextrem sein.

Die inzwischen gesetzlich eingeleiteten Massnahmen gegen eine freie Kommunikation und die stillschweigende mediale Regel, nicht über Dinge zu berichten, die gegen die political correctness verstossen, kommentierte Vera Lengsfeld als Gesinnungsdiktatur, wie sie sie am eigenen Leib in der DDR erfahren hatte.  Damit polemisiere sie, war die Antwort der Politik. Sie ist beileibe nicht die einzige, die die Stimme erhebt. Auch Sebastian Pflugbeil, Gründer des Neuen Forums, konstatierte schon 2014 seine Enttäuschung „Wir haben für einen Rechtsstaat gekämpft, eine andere Frage ist, ob wir den jetzt haben.“

Auch eine weitere Bürgerrechtlerin, Angelika Barbe, bestätigte das, was Vera Lengsfeld antreibt . Der Spiegel nannte sie alle mal abwertend „Pathologen, die in einer düsteren paranoiden Parallelwelt leben“. Ihr Kommentar zum Spiegel Artikel: „Man diskreditiert Bürgerrechtler, nach dem Motto Bestrafe einen, Erziehe Hunderte.“ Dieser Artikel sei eine offene Beleidigung derer, die „… mit grosser Zivilcourage … die Diktatur stürzten.“ Die Aussagen beider ähneln denen der bekannten Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, Die inzwischen verstorbene Dissidentin war überzeugt: „Ihr blickt nicht durch“. Was meinte sie? Die in der DDR im Keim erstickte Meinungsfreiheit, die alles Denken lenke und behindere, ähnlich wie political correctness heute. Und weiter „Alle diese Untersuchungen, die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen, der Methoden, mit denen sie gearbeitet haben und immer noch arbeiten, all das wird in die falschen Hände geraten. Man wird diese Strukturen genauestens untersuchen – um sie dann zu übernehmen.“

Es war Chaim Noll, ihr Freund und bekannter Schriftsteller, der dieses Vorgehen mal „Stacheldraht im Gehirn“ nannte. Er meinte damit die „innere Zensur“ durch eine erstickte Meinungsfreiheit, die durch eine Rückwirkung auf die Psyche die Menschen krank mache.

Autor:

Kurt Rohmert aus Gladbeck

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