Eurokrise - "Kalte Enteignung der Sparer"

Geht der Euro bald endgültig baden? Die Verunsicherung der Bürger wächst.
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Die Deutschen treibt die Angst vor den Folgen der Eurokrise um. Das ergab jetzt eine Umfrage der R&V Versicherung. Mit der neuesten Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), weiter Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder zu kaufen, wird die Verunsicherung der Bürger noch größer.

In einem Interview gibt der stellvertretende Vorstandssprecher der Volksbank Ruhr Mitte, Dieter Blanck, eine Einschätzung der Situation für Bankkunden, ordnet das Risiko ein und gibt Tipps, wie sich die Bürger jetzt verhalten sollen.

Was passiert eigentlich, wenn die Europäische Zentralbank weiter Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder kauft?
Man kann das vergleichen mit dem Unternehmer oder dem Häuslebauer, der zu seiner Bank geht und einen Kredit haben möchte. Genauso gehen Staaten hin und melden ihre Kreditwünsche auf dem Kapitalmarkt, an der Börse, an. Ein Beispiel: Ein Staat möchte einen Kredit in Höhe von 10 Millarden Euro für fünf Jahre haben und bietet einen Zins von drei Prozent. Staaten, die wie Deutschland als sehr solide und stabil angesehen werden, bekommen einen solchen Kredit zurzeit zum Teil, ohne überhaupt Zinsen zahlen zu müssen. Denn die Geber können sicher sein, dass sie ihr Geld zurück bekommen.

Und was passiert bei Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien?
Wenn die Geldgeber Sorge haben, dass sie ihr Geld von hoch verschuldeten Staaten möglicherweise nicht zurück bekommen, nehmen sie aus Sicherheit hohe Zinsen. Wenn sie überhaupt bereit sind, Geld zu geben.

Es ist also vergleichbar mit einer Person, die eine Krankenversicherung abschließen möchte, aber Vorerkrankungen hat. Die muss dann für eine Versicherung auch mehr bezahlen als ein gesunder Mensch. Ist das vergleichbar?
Das ist richtig, man kann das genau so sehen.

Warum will die EZB denn Staaten Geld geben, die über ihre Verhältnisse gelebt haben?
Weil Eurostaaten, die eine hohe Verschuldung haben, hohe Kredite benötigen und dafür hohe Zinsen zahlen müssen. Das heißt: Sie kommen aus dem Loch gar nicht mehr heraus, die Staatsverschuldung wird immer größer. Daher kauft die EZB dann die Staatsanleihen, um die Schulden durch Zinsen nicht noch größer werden zu lassen.

Soll die EZB nicht in erster Linie auf Stabilität achten?
Staatsfinanzierung ist nicht Aufgabe der EZB, das hat auch der Bundesfinanzminister in letzter Zeit immer wieder betont. Ähnlich wie die Deutsche Bundesbank hat auch die EZB für Geldstabiltät zu sorgen. Von dieser Aufgabe weicht sie zurzeit allerdings ab.

Was heißt das für Bankkunden, die um ihr Erspartes fürchten?
Die Bürger bekommen in der Tat im Augenblick wenig Zinsen für ihr Erspartes. Nehmen wir an, jemand hat 10.000 Euro auf dem Sparbuch. Dann bekommt er bei durchschnittlich einem Prozent Zinsen 100 Euro, die er aber noch versteuern muss. Bei einer Preissteigerung von 1,5 Prozent unter anderem durch die hohen Energiekosten, ist unterm Strich die Inflation höher als der Zuwachs beim Sparen. Als kalte Enteignung der Sparer kann man das bezeichnen.

Ist das dann nicht zwangsläufig eine Entwicklung hin zur Katastrophe?
Man kann befürchten, dass wenn die EZB verschuldeten Staaten auf die beschriebene Weise hilft, die Anreize für die Politik sinken, schnell Reformen umzusetzen. Das kann passieren, muss aber nicht sein. Ein Beispiel dafür, dass der Rettungsschirm wirklich helfen kann, wenn die Staaten mitziehen, ist Irland. Das Land hat seine Hausaufgaben gemacht und hat sich stabilisiert. Ein weiterer Wackelkandidat dagegen ist Slowenien.

Was sollen denn Bankkunden jetzt machen, die Sorge um ihr Geld haben?
Es gibt kein Patentrezept. Man sollte sich am besten darauf einstellen, dass es einige Jahre eine höhere Inflation gibt. Auf keinen Fall sollte man jetzt aber sein Geld in irgendwelche Anlagen stecken, bei der eine Verzinsung versprochen wird, die über der Inflationsrate liegt. Die sind meistens sehr riskant und im schlimmsten Fall ist dann das Geld insgesamt weg. Vor allem die regionalen Banken können jetzt beweisen, dass sie besser sind als ihr Ruf und können ihre Kunden gut beraten. Die Bürger sollten jetzt das Gespräch mit ihrer Bank suchen.
(Das Interview führte Eva Arndt)

HINTERGRUND: Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), der Italiener Mario Draghi, verteidigte jüngst das Vorgehen der Bank. „Wir handeln absolut im Rahmen unseres Mandats“, betonte er gegenüber Kritikern.Die EZB arbeite unabhängig und tue alles, um den Euro zu halten und die Preisstabilität zu gewährleisten. Es würden nur Anleihen gekauft, die ein bis drei Jahre laufen, so Draghi.

Pikant: Mario Draghi ist einer der wichtigsten finanzpolitischen Entscheider der Welt und kennt sich mit Finanzen aus: Von 2002 bis 2005 war er Vizepräsident von Goldman Sachs in London. Der mächtigen US-Bank wird vorgeworfen, mitverantwortlich für die Eurokrise zu sein. (Anmerkung der Redaktion)

Autor:

Annette Robenek aus Gladbeck

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