PISA-Studie 2012: Kein Grund zur Entspannung!

Einen deutlichen Schritt nach vorn hat Deutschland in der „Pisa Studie 2012“ gemacht. Doch Süleyman Kosar, Vorsitzender des „Türkischen Eltenverein Gladbeck und Umgebung“, warnt vor einer Überbewertung des Ergebnisses. „Es gibt keinen Anlass zur Entspannung“, meint Kosar.
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  • Einen deutlichen Schritt nach vorn hat Deutschland in der „Pisa Studie 2012“ gemacht. Doch Süleyman Kosar, Vorsitzender des „Türkischen Eltenverein Gladbeck und Umgebung“, warnt vor einer Überbewertung des Ergebnisses. „Es gibt keinen Anlass zur Entspannung“, meint Kosar.
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Gladbeck. Deutschland liegt in der neuen PISA-Studie über dem Durchschnitt. Diese Aussage klingt zunächst einmal positiv. Doch die nähere Betrachtung der aktuellen Ergebnisse unterstreicht die seit Jahren bestehenden Zusammenhänge der Bildung mit der Herkunft in Deutschland. „Der Schulerfolg in Deutschland hängt in Deutschland in besonderem Maße von der sozialen Herkunft ab. Dieser Befund wird zwar in jedem Jahr aufs Neue festgestellt, es gibt aber keine wesentlichen Fortschritte“, kommentiert Süleyman Kosar, Vorsitzender des Türkischen Elternvereins Gladbeck und Umgebung.

Dazu, so Kosar weiter, gehöre auch, dass die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zu großer Sorge Anlass geben. Ein Blick in die Zukunft zeige, dass die Migranten quantitativ die Schulen in Deutschland wesentlich bestimmen würden: Während aktuell 20 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, einen Migrationshintergrund haben, sind es bei den Kindern unter fünf Jahren bereits 35 Prozent. „Grund genug also, dass sich das Bildungssystem intensiv mit dieser Frage befasst und nicht darauf hofft, dass die Eltern es schon richten werden,“ fordert Süleyman Kosar.

Besserer Schulunterricht gefordert

„Experten fordern besseren Schulunterricht“ titelte eine Kölner Tageszeitung. Und damit wird nach Einschätzung von Kosar der Finger in die entscheidende Wunde gelegt. Obwohl ein erfolgreiches Lehren und Lernen in mehrsprachigen Klassen an vielen Stellen bereits praktiziert werde, werde es nicht systematisch und flächendeckend umgesetzt. Das hänge auch mit der „Ermöglichungspolitik“ der Landesregierung zusammen, die sich vor klaren Zielsetzungen und Maßnahmen drücke und die Schulen überfordere.

Nach Angaben sind folgende Tatsachen hinreichend bekannt: Viele Migrantenkinder, die die deutsche Sprache noch lernen, sind tendenziell einem Unterricht ausgesetzt, der für sie gar nicht vorgesehen ist, weil im Regelunterricht die sprachlichen Fähigkeiten vorausgesetzt werden, die zuvor vermittelt werden müssten. „Solange eine Didaktik für das Lehren und Lernen in mehrsprachigen Klassen fehlt, wird sich an den Befunden zukünftiger PISA-Studien wenig ändern,“ klagt Süleyman Kosar..
Wichtig bei einer solchen Didaktik sei vor allem die Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit der Migrantenkinder. Ein solcher Unterricht sei eine Brücke zum Erlernen der deutschen Sprache und erleichtere die Herausbildung von mehrsprachigen, interkulturellen Identitäten und die Identifikation mit dem Leben in Deutschland. Die viel zitierte „Erziehung zur Mehrsprachigkeit“ solle daher auch bitteschön die Kompetenzen der mehrsprachigen Kinder mit einbeziehen.

„Die Bildungssprache Deutsch erlernen die Kinder nicht von selber. Die Verantwortung hierfür darf nicht auf die Eltern abgeschoben werden. Dringend zu klären ist die Frage, wie die Bildungssprache Deutsch durch die Schule vermittelt werden kann. Dazu bedarf es einer großen Fortbildungsoffensive für die Lehrkräfte,“ fordert Süleyman Kosar konkrete Maßnahmen.

Selektives Schulsystem bleibt Problem

Ein Kernproblem bleibt aus Sicht von Kosar das selektive Schulsystem. Die Selektierung der Kinder nach Ablauf der Grundschule auf die verschiedenen Schulformen der Sekundarstufe bezeichnet der Gladbecker als „Skandal“. Es sei oft genug nachgewiesen worden, dass dieses Verfahren der Entwicklung der Kinder nicht gerecht werde. Und bei den Migrantenkindern kommt erschwerend hinzu, dass der Übergang in die Sekundarstufe vielfach mitten im Erwerbsprozess der deutschen Sprache erfolge. Dabei würden die Kinder nach ihrem aktuellen Sprachvermögen, nicht aber nach ihren Entwicklungsmöglichkeiten beurteilt.

„Wenn nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch in der Praxis verhindert werden soll, dass Schule beiträgt zu einer Vertiefung der sozialen Spaltung in Deutschland, dann ist die Überwindung des gegliederten Schulsystems durch eine Ausweitung des gemeinsamen Lernens notwendig“, sagt Süleyman Kosar. „Beim Blick auf die Migranteninnen und Migranten brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Die Defizitbetrachtung muss ein Ende haben. Vielmehr gilt es die besonderen Fähigkeiten zu berücksichtigen.“

Mehrsprachigkeit und die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen Kulturen bewegen zu können, seien großartige Kompetenzen, die ausgebaut werden müssten, führt Kosar abschließend aus. Hier gebe es große Chancen, die im Interesse der betroffenen Kinder und Jugendlichen und der gesamten Gesellschaft aufgegriffen werden müstsen. „Was fehlt sind vor allem gezielte Maßnahmen, um die Lehrkräfte in die Lage zu versetzen, das Lehren und Lernen in mehrsprachigen Klassen erfolgreich zu gestalten. Darauf sollte der Fokus in den kommenden Jahren liegen“, fügt Süleyman Kosar hinzu.

Einen deutlichen Schritt nach vorn hat Deutschland in der „Pisa Studie 2012“ gemacht. Doch Süleyman Kosar, Vorsitzender des „Türkischen Eltenverein Gladbeck und Umgebung“, warnt vor einer Überbewertung des Ergebnisses. „Es gibt keinen Anlass zur Entspannung“, meint Kosar.
Süleyman Kosar, Vorsitzender des "Türkischen Elternverein Gladbeck und Umgebung".
Autor:

Uwe Rath aus Gladbeck

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