Die gläserne Wand

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Die gläserne Wand

Vorgestern hatte der Himmel noch sein tiefblaues Sonntagskleid getragen, das gestern an einigen Stellen schon zusätzlich mit weichen, weißen Tupfen geschmückt war. Nachts hatte er sich wohl umgezogen, denn heute trägt er einen eintönigen Werktagskittel, aus dessen Grau ein ebenso trister, grauer Nieselregen fällt. Nur vor dem dunklen Laub des Ahorns ist zu sehen, dass ein wechselhafter, böiger Wind die kaum sichtbaren Tropfen mal wie feinen, lockeren Nebel, mal wie dichtere Rauchfahnen von West nach Ost treibt. Sträucher und Gartenmöbel werfen leichte, diffuse Schatten. Konturen zeichnen sich nur schwach und kontrastlos ab, als hätten sie alle Kraft verloren und vor dem Regen Schutz gesucht. Auch im Zimmer, durch eine durchgehende Glaswand vom Garten getrennt, breitet sich dieser diffuse Schatten aus, der sich erst tief in den hinteren Ecken des Raums zu einem undurchsichtigen, geheimnisvoll wirkenden Grau verdichtet.

Auf den Blättern des Frauenmantels sammelt sich der Nieselregen, bevor er sich zu größeren Tropfen verbindet, die wie geschliffene Diamanten auffunkeln, wenn der Wind die Blätter bewegt. Auch die biegsamen Zweige der großen Weißbirke, die wie lange Fahnen von den Armen der stärkeren Äste getragen werden, lassen sich von ihm durchschütteln und anschließend in eine Richtung auskämmen, um danach für kurze Zeit reglos zu hängen. So, als müssten sie erst wieder Luft holen.

Im Zimmer ist der Wind nicht zu spüren, auch nicht zu hören. Nur die von ihm bewegten Blätter und Zweige der Felsenbirnen und Buchen im hinteren Teil des Gartens lassen seine Kraft erahnen. Die frischen, helleren Blätter an den neu ausgetriebenen Zweigen, die sich wie Finger aus dem dunkleren Laub strecken, werden von ihm ergriffen und kräftig geschüttelt. Ein paar Vögel, die sich dunkel von dem grauen Himmelskittel abheben, lassen sich einfach von ihm tragen. Wenn er kräftiger in die Sträucher des Hartriegels bläst, dreht er die helleren Unterseiten der Blätter nach oben und lässt so den Strauch kurz aufleuchten. Wie lange, grüne Säbel bewegen sich die Blätter der längst verblühten, gelben Iris bedrohlich hin und her. Die empfindlichen Blütenaugen der weißen Teichrose haben sich vor dem Regen geschlossen. Auch der Froschlöffel hat seine winzigen, weißen Blüten versteckt. Nur der robuste Blutweiderich lässt unbeirrt seine roten Blütenrispen über dem satten Grün der roten Pestwurz leuchten, die ihre großen, geäderten Blätter wie umgeklappte Regenschirme nach oben reckt, als könne sie nicht genug Wasser mitbekommen.

Seit Stunden das gleiche Bild. Nur leicht variiert durch kleine, kaum wahrzunehmende Änderungen der Schattierungen und farblichen Nuancen. Auch im Zimmer breitet sich Ruhe aus. Und ohne Ende, so wie draußen der Regen vom Himmel, fällt hier die Zeit von der Decke. Nur viel langsamer und gleichmäßiger – wie Sand in einem Stundenglas.

Seine Gedanken werden davongetragen wie die dunklen Vögel vom böigen Wind. Sie heben ihn aus der Zeit. Vorgestern hätte er die Stimmung dieses grauen Regentags mit Aquarellfarben zum Ausdruck gebracht – oder mit seiner Kamera eingefangen. Gestern hätte er noch nach passenden, stimmungsvollen Wörtern gesucht, um diesen Tag für sich und andere festzuhalten. Davon war er jetzt befreit. Er war selbst zu Regen und Wind, zu Blatt und Baum, zu Grau und Schatten geworden. Den Zeitpunkt des Übergangs, den abrupten Wechsel vom Wachen in den Schlaf, das fließende Gleiten aus den Bildern der Wirklichkeit in die des Traums, hatte er nicht mehr bewusst wahrgenommen.

Die gläserne Wand, die ihn im grauen Schatten des Zimmers der Vergangenheit gefangen hielt und von der farbigen Wirklichkeit trennte, hatte er lautlos durchschritten.

Er war im Heute angekommen.

© G. Lambert / Vindobona Verlag / 2012
Aus: Das Flüstern der Steine

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