Ein Erlebnis, das mir zu denken gab…

Immer, wenn ich jemanden von übersinnlichen Erlebnissen reden hörte, war ich der Meinung, dass er besser mit seinem Arzt darüber reden sollte. Nach 40 Jahren Arbeit in der Psychiatrie hatte ich viele Patienten aus dem schizophrenen Formenkreis erlebt, deren Erkrankungen mit entsprechenden Arzneigaben behandelt werden mussten. Doch wenn man einmal selbst dran ist, Vergleichbares zu erleben, dann kann einem das nicht aus dem Kopf weichen.

Es war im April 2013. Schon seit Wochen fühlte ich mich nicht gut, hatte Schwierigkeiten mich zu konzentrieren und verspürte eine ziemliche Antriebslosigkeit. Eigentlich war ich immer hellwach und konzentriert, wenn ich z.B. Beiträge im Internet schrieb, doch dieses wurde jetzt durch einen Zustand der Dösigkeit abgelöst. Es stimmte etwas nicht mit mir, das war mir klar. Jedoch anscheinend nicht schlimm genug, um den Arzt aufzusuchen. Zumal es dann Tage gab, wo sich der Zustand gebessert zeigte. Eine fatale Irreführung!!

Als dann die ersten Lähmungserscheinungen am rechten Arm auftraten war klar: Es war ein sog. TIA, eine transitorische ischämische Attacke, also eine Durchblutungsstörung des Gehirns, welche neurologische Ausfälle hervorruft. Diese Ausfälle bildeten sich jedoch stets nach kurzer Zeit zurück, so dass dann auch die Angst wieder verschwand und die Unvernunft siegte. Somit wurde in der Unvernunft das, was akut war, bagatellisiert und vor sich her geschoben.

Zeitgleich bekam ich die Nachricht, dass ich eine orthopädische Kur im schönen Ostseebad Schönhagen antreten konnte, zusammen mit meiner Frau, deren REHA ebenfalls genehmigt wurde. Insofern war ich zuversichtlich, dass man in der dortigen Klinik meinen Ausfällen auf den Grund ging.

Und so war es dann auch. Neben den orthopädischen Behandlungen hatte ich in der zweiten Woche ein neurologisches Konzil in der Klinik Damp. Der dortige Neurologe untersuchte mich und stellte für die Folgezeit weitere Untersuchungen in Aussicht, ich würde von ihm hören. Wie akut der Zustand in Wirklichkeit war, konnte wohl niemand ahnen, – ich am wenigsten.

Dramatisch wurde es in dem Moment (in der 3. Woche der REHA), als die Lähmungen sich häuften und ich plötzlich nicht mehr sprechen konnte. Zwar bildeten sich auch diese Ausfälle wieder zurück, doch dem Arzt im Kurhaus wurde es nun doch zu heikel. Es wurde ein Taxi gerufen, das mich zur Klinik nach Schleswig bringen sollte, um in der dortigen neurologischen Abteilung nach dem Grund der Ausfälle zu suchen.

Und so saß ich dort in der Aufnahme im Krankenhaus Schleswig und wartete. Ich wartete darauf, dass man mich endlich aufnahm. Und ich wartete lange, denn nach 1 ½ Stunden tat sich noch immer nichts. Doch der Mensch muss halt geduldig sein, insbesondere dann, wenn er einfacher Kassenpatient ist.

Doch nun geschah etwas, was ich einfach nicht mit Worten erklären kann. Es geschah wie aus heiterem Himmel, ohne jedwede Vorankündigung: Von jetzt auf gleich umspülte mich der unwiderstehliche Drang, mich von diesem Ort zu entfernen, ja, zu flüchten. Was war das, was mich geradezu dazu zwang, zu denken, dass es nicht gut für mich sei, wenn ich jetzt dort bliebe??! „Du musst hier weg, auf jeden Fall!!“, schoss es mir panikartig durch den Kopf.

Wie in Trance stand ich auf und wandte mich an die Frau in der Aufnahme: „Ich möchte nicht mehr bleiben, bitte geben Sie mir meine Papiere zurück!“, verlangte ich.

Die Frau überredete mich, noch ein paar Minuten zu warten, gleich sei ich sicherlich dran. Also wartete ich noch ein paar Minuten. Doch mir wurde klar, dass ich gar nicht bleiben wollte, auch wenn ich sogleich dran gewesen wäre. Also ging ich erneut zu ihr und verlangte nachdrücklich meine Papiere zurück.
Mit Erleichterung verließ ich dann beinahe fluchtartig das Krankenhaus. Ich rief mir ein Taxi und ließ mich zurückbringen zur Kurklinik in Schönhagen.

Dort staunte man nicht schlecht, als ich dann plötzlich „auf der Matte“ stand. Am, nächsten Tag wollte mich der dortige Arzt zur Rechenschaft ziehen nach dem Motto: „So geht es nicht!“

Doch ich ging gar nicht darauf ein und bestrand darauf, zur Uni-Klinik nach Kiel verlegt zu werden. Ich war über mich selbst überrascht, mit welcher Konsequenz ich darauf bestand, was ich wollte und was ich nicht wollte. Es war, als führte mich jemand, ich spürte genau, was für mich gut und was weniger gut war. Und das in einer zielbewussten Klarheit und Unbeirrtheit, wie ich es selten erlebt hatte. Nichts, aber auch gar nichts konnte mich von dem Gedanken und dem Vorhaben abbringen!

Und so kam ich dann mit einem Taxi am nächsten Tag zur Universitätsklinik nach Kiel. Schon auf dem Hinweg fühlte ich mich denkbar gut und behütet, obwohl es mir körperlich gar nicht gut ging. Doch das Gefühl, genau jetzt das Richtige zu tun war geradezu erhaben. Die Angst des Vortages war völlig verdrängt von der Zuversicht, dass mir jetzt geholfen würde.

In der neurologischen Abteilung brauchte man keine 30 Minuten, bis die Diagnose feststand: Es war ein höchstgradiger Verschluss der Arteria Carotis, also der Halsschlagader. Ich war in allerhöchster Lebensgefahr und wurde binnen weniger Momente zum Notfall. Bevor ich mich versah, lag ich schon auf der Intensiv-Station mit allen denkbaren Schläuchen, Infusionen, Sauerstoffgerät und elektronischen Sensoren zur Messung der Vitalwerte versehen.

Nach drei quälenden und unendlichen Tagen an die Decke glotzen und der Gabe von Heparin per Infusion zur Auflösung des Thrombus in der Halsschlagader, wurde mir dort ein Stent gelegt. Nach weiteren 24 Stunden der Überwachung wurde ich praktisch von jetzt auf gleich wieder zum „normalen“ Patienten.

Trotzdem bleibt die Frage im Raum, warum ich diesen Beitrag schrieb: Was war das für eine eigenartige (und angenehme) Kraft, die mich vom Krankenhaus Schleswig flüchten ließ…? Es war ein Drang der mich ohne jedwede Vorankündigung erfasste und den mir nichts und niemand hätte ausreden können.

Man könnte es sich jetzt einfach machen und sagen: Ich hätte Gott gespürt, es seien seine Weisungen gewesen, die mich trieben. Doch ich will mich nicht versündigen und mich derart wichtig nehmen, als dass der Schöpfer seine Zeit für mich opferte. Zumal ich keinerlei Stimme hörte und auch nichts wahrnahm, was visuell atypisch gewesen war.

Doch dass da etwas war, davon bin ich überzeugt. Ich hatte ihn sehr bewusst gespürt, diesen Drang, der sich anfühlte, als drängte mich jemand förmlich vor sich her. Dabei war es keine Kraft, die mit Schwerkraft oder Druck zu vergleichen war, sondern dieser Druck kam von innen heraus.

Es war ein Erlebnis, das mir zu denken gab und die Sicherheit, dass da jemand ist, der über mich wacht und mich behütet…

Foto: Rudis Fotoseite, Pixelio

Autor:

Kurt Nickel aus Goch

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