Soziale Netzwerke - Fluch und Segen
Die CDU trifft Rezo den YouTuber - Virtualität trifft auf Realität

Irgendwie erstaunlich und wie zum Teil hilflos die CDU Oberen mit der in einem sozialen Netzwerk vorgebrachten Breitseite reagieren und umgehen. Souveränität und eine klare und selbstbewusste Reaktion sehen jedenfalls anders aus.
Rezo zeigt der CDU und uns auf, wie einfach es ist, mit der Sprache der Generation Blogger, Influencer, YouTuber, einer guten Inszenierung und der passenden Marketingplattform, etablierte und in ihrer Flexibilität offensichtlich eingeschränkte Kommunikationsstrukturen an ihre Grenzen zu bringen.

Rezo will die CDU zerstören. Warum zerstören und was kommt dann? Und warum nur die CDU?  In Wahrheit attackiert er mit seinem Beitrag das politische System insgesamt. Die CDU kommt ihm  wohl als einzige verbliebene große Volkspartei, als passendes Ziel gerade recht. Alle politischen Parteien unterliegen jedoch den gleichen Mechanismen und Bedingungen im politischen System unserer Demokratie, die mit all ihren einhergehenden Einschränkungen, Lobbyismen, Abhängigkeiten, Rücksichtnahmen und Komprisserfordernissen usw. die Realität abbildet. Dies ist unabhängig davon, ob sie sich die Partei gerade in der Regierungsverantwortung oder der Opposition befindet. Die Systematiken und Prozesse und Abhängigkeiten, welche letztlich die Effizienz und Effektivität des politischen Ergebnisses definieren, sind identisch.

Rezo präsentiert gekonnt eine vielfach faktisch korrekte Bilanz, fokussiert sich dabei jedoch gezielt nur auf das Endergebnisse politischen Engagements, gemessen an den Ankündigungen. Getreu dem Motto, entscheidend ist was hinten rauskommt.
Kann man so machen, dann präsentiert man halt nur die halbe Wahrheit. Denn in dieses Schwarz-Weiß Gemälde, welches uns Rezo gekonnt vor die Nase hält, kommen sofort graue Töne, wenn man die Bilanz zusammen mit den Realität der Rahmenbedingungen liest. Realitäten, wie sie nun einmal in der Wirklichkeit der politischen Landschaft eines demokratischen Systems fest verankert sind und welche die politische Arbeit für alle Protagonisten in ihr prägen.

Rezo wird in seinem Tun selbst zum politischen Akteur, mit dem Unterschied, dass er sich den Zwängen dieses System nicht aussetzen muss. Er bilanziert nüchtern vom Außen und interpretiert Ergebnisse unter Vernachlässigung einer vielleicht notwendigen Einordnung und kritische Betrachtung des Systems und der Prozesse die zur Entstehung der nicht optimaler Ergebnisse führen. Was er zumindest damit erreicht hat, ist endlich eine weitere lebhafte Diskussion  über politische Themen ohne allerdings selbst eine aus seiner Sicht bessere Alternative und den Weg und die Methode zu einer diesbzgl. Änderung aufzuzeigen.

Die politische Arbeit der Parteien ist in Demokratien formell und informell stark reglementiert und unterliegt, auf der Grundlage der unterschiedlichen Ausrichtungen und Standorte im politischen Spektrum, dem ständigen Wechsel und Zwang zwischen Definition ambitionierter Ziele, um politische Mehrheiten in Wahlen dafür zu gewinnen und der mühsamen Kernerarbeit, in unzähligen Gremien und Instanzen, in denen die Umsetzung der Ziele gegen jede Art von Widerständen verteidigt werden muss. Keine Absicht und Zielsetzung kommt dabei im Durchlauf durch dieses System und Prozesse unverändert als Ergebnis hinten raus.

In seinem Beitrag auf YouTube wird eine miese Bilanz politischer Arbeit über eine sehr lange Zeit politischen Wirkens der CDU noch dazu durchgehend in politischen Koalitionen aufgelistet und den wartenden Followern, sowie einer zum Teil begierig für unreflektierte und populistische Nachrichten sehr aufnahmebereiten Öffentlichkeit, quasi vor die Füße gekippt.

Wir beklagen uns über Populisten, die erfolgreich im Teich der Überschriftenleser fischen. Es gibt dort draußen viele Schwarz-Weiß Maler und Populisten, die mit dem gefährlichem Halbwissen der Bürger rechnen. Die aus der weitverbreiteden  Bequemlichkeit sich der Erfassung komplexer Zusammenhänge zu entziehen, Zwänge und Zusammenhänge von Rücksichtnahmen, Abhängigkeiten und Priorisierungen nicht zu verstehen, politisches Kapital schlagen. 

Komplexe Systeme, wie es unser politisches System nun mal ist, kann und darf man nicht vereinfachen. Wer dies trotzdem tut, zerstört es bzw. hat das System nicht verstanden. Man kann komplizierte Dinge vereinfachen, jedoch keine komplexen Systeme. Komplexität muss man in ihrer Komplexität umfänglich erfassen, um sie zu verstehen. Dies ist stets ein mühsamer und zeitintensiver Prozess. Immer weniger Bürger sind jedoch bereit, sich dem zu unterziehen und lassen sich lieber mit einfachen Zusammenfassungen, allgemeinen Antworten, polarisierenden Parolen, plakativen  Überschriften und poppigen Slogans zu komplexe Fragen berieseln und zufriedenstellen.

Die zum Teil plan- und ratlos anmutende Reaktion der CDU sowohl in den sozialen Medien aber auch den normalen Nachrichtenkanälen auf Rezos Beitrag überrascht. Jede Partei hat ihre hochgezahlten Medienberater. Rezo erzielt mit 5 Mio „Followern“ in sehr kurzer Zeit, eine große Reichweite und zeigt auf wo, trotz aller Internetauftritts,  die Defizite in der Kommunikation und Erreichbarkeit wichtiger Bevölkerungsgruppen für etablierte Parteien liegen. Die zum Teil durchgestylten Internetauftritte der Parteien übrigens nicht nur der CDU, entsprechen dem Mainstream, werden zur Kenntnis genommen, mehr aber auch nicht.

Rezo mit seinem Beitrag spitzt zu und trifft einen Nerv. Der Fokus der Diskussion sollte dabei jedoch eigentlich weniger auf den Reaktionen der CDU liegen, sondern sich vielleicht mehr dem Zustand unseres politischen und gesellschaftlichen Systems insgesamt zuwenden.

Rezo entführt uns aus unserer Komfortzone. Sein inhaltlicher Ansatz. der die eigentliche Frage provoziert, was kann man und muss mann strukturell und systematisch verbessern, damit das was hinten rauskommt vielleicht doch mehr den Intentionen entspricht, die man an Start als gute Absicht formuliert hat, bleibt unbeantwortet. Ausrichtungen, Programme, Fakten und Initiativen aller Parteien sind transparent und überall einsehbar, orientieren sich aber vielleicht doch zu sehr an einer Wählergewinnungslogik gegenüber den Wählern in der Mitte.

De Mehrheit bestimmt in der Demokratie die Zusammensetzung und Konstellationen einer Regierung. Wenn in diesem Prozess viele unterschiedliche Interessen zusammenkommen müssen, ist in einem demokratischen System der Kompromiss als Weg vorgegeben. Autokratische und diktatorische Systeme mögen es da einfacher haben - allerdings immer nur auf Kosten der Freiheit. Engagieren wir uns doch einfach politisch und machen es vielleicht zunächst einmal in unserem eigenen persönlichen Umfeld besser. Aktuelle Themen und Ansätze gibt es hierfür genug.

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